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Das Thema

 

Wehrmacht und Widerstand

 

“Aufstand des Gewissens“

 

(Zwei Generationen im Widerstand)

War der „Wehrmachtsaufstand“ mit seinem Höhepunkt des 20. Juli 1944 ein Selbstbetrug und eher in der heutigen Sicht ein besserer Start der „jungen“ BRD mit seiner Vergangenheit? Man kann darüber streiten und so soll es auch sein, doch soll dieser Bericht weniger Diskussion sein und mehr einen Einstieg bzw. Überblick zum Thema geben.

 
“Warum sind die hohen Wehrmachtführer nicht aufgestanden und haben gesagt - Wir machen diese Schweinerei nicht mit? Wenn sie es alle gemacht hätten und rechtzeitig!
Gegen den Oberbefehlshaber darf ja nur die erste Garnitur aufstehen.“

(Abhörprotokoll von Aussagen deutscher Generale in britischer Gefangenschaft)


Die Verschwörer

Die Verschwörer

Ihre Zahl war klein und auch in der Bevölkerung wurde eher auf dumpf-positivistischen Staatsgehorsam gesetzt und nicht auf Widerstand. Die wenigen Ausnahmen stechen deshalb vor allem heraus, sollen gewürdigt werden und das Deutschland von 1933-45 in einem anderen Licht darstellen.
Die Wehrmacht soll das nicht ausschließen und ist dennoch eins der wohl interessantesten Themen, waren doch die Offiziere und Generale am dichtesten beim „Führer“, gewährleisteten eine funktionierende Militärmaschinerie und waren das einzige „Machtgegengewicht“ zum politischen Apparat. Die (Waffen-) SS soll dabei mal außer Acht gelassen werden.

So lag letztendlich die einzig wirkliche Chance zur Beseitigung des Regimes bei der bewaffneten Macht, und das konnte bei den bestehenden Verhältnissen nur das Heer sein. Bei der Marine wirkten die Ereignisse vom Oktober und November 1918 (Meuterei der Hochseeflotte, Matrosenaufstand) tabuisierend nach, während sich in der Luftwaffe als jüngstem Mitglied eine starke Affinität bzw. Bindung zum Nationalsozialismus entwickelt hatte.
Nur waren es genau die militärischen Mächte des Landes, die sich als besonders national und patriotisch fühlten. Die Treue war ein wichtiger Bestandteil des Soldatenlebens und -gefühls jener Tage. Auch stand dazwischen, dass das alte Regime nur durch ein neues ersetzt werden konnte, nur so konnten die Kampfhandlungen sofort und umfangreich beendet werden.
Also spielten die Angehörigen der Wehrmacht, in hohen, wichtigen und administrativen Positionen, eine entscheidende Rolle. Die Nähe zu A. Hitler ist da eher gegenläufig zu sehen. Je näher man dem Führer war, um so mehr fühlte man sich ihm verbunden, unterworfen und seinem Eid verpflichtet. So zählten vor allem das Ideal, die Idee und der Wille zur Veränderung als Grundintentionen für einen „guten“ Verschwörer in den Reihen des Militärs.

Erste Ansätze bzw. Staatsstreichpläne erfolgten im Herbst 1938 und 1939, wurden aber mit der Euphorie der Blitzkriege, großen Siegen und im Angesicht der eigenen Übermacht in den Hintergrund gedrängt. Änderungen in der Einstellung bzw. im Bezug mit einem Attentat auf Hitler gab es erst ab 1942. Die Pläne für den Russlandfeldzug, der Zweifrontenkrieg und (wahrscheinlich) berichtete Vorfälle über Kriegsverbrechen, änderten die Ziele der (ersten) Verschwörer.
Konkrete Staatsstreichpläne gab es dann nachweislich ab 1943 und gipfelten schließlich vor dem 20. Juli 1944 mit der „Clique“ um Stauffenberg.
Die Pläne basierten vor allem auf den von Hindenburg unterschriebenen Notverordnungen (4. Februar 1933) betreffend „legalem“ Vorgehen gegenüber innenpolitischen Feinden. Eigentlich auf Drängen der Nationalsozialisten eingeleitet, sollten diese Verordnungen nun gegen sie eingesetzt werden. Dabei haben die Nationalsozialisten schon erfolgreich gegen eine zunehmende Macht der Reichswehr (später Wehrmacht) interveniert (Morde an Kurt von Schleicher, Ferdinand von Bredow), die Pläne für ein Wideraufleben des „Staat(es) im Staate“ geplant haben.


Offizierskorps

Das Offizierskorps

Viele Offiziere standen, zumindest in Teilbereichen, den Zielen bzw. Ideologie des Nationalsozialismus und Phänomen Hitlers durchaus positiv gegenüber.
Für das Offizierskorps im Besonderen stellte sich außerdem damals die Legitimitätsfrage, die mit dem Ende der Monarchie entstanden war und nun eine neue Antwort erforderte und rasch auch zu Auseinandersetzungen innerhalb des Offizierskorps über die staatliche Neuordnung führte. Man plädierte damals für den „traditionellen Doppelanspruch des Offizierskorps (von Seekt), d.h. sowohl militärisch-professionell als auch zugleich politisch-soziale Führungselite zu sein. Der 1918 zu „Unrecht“ (Dolchstoßlegende) verlorene Weltkrieg wurde als „Bewährungsprobe“ gesehen. Von nun an sollte man nicht nur technisch und strategisch eine moderne Armee aufbauen, sondern auch „den Anspruch auf Staatsführung/-teilhabe“ verwirklichen.
Hitler kam diesen Ansprüchen durchaus nah, so wollte er die SA ja auch in die Reichswehr/Wehrmacht integrieren. Dass dies abgelehnt wurde, war in der Gründung eines „nationalsozialistischen Volksheeres“ begründet. Die preußisch-deutsche Militär-Elite sollte erhalten und ausgebaut werden. Ein Führungskader entstand, mag er auch teilweise politisch geprägt sein, so waren doch Gemeinschaft und Offizierskader die „optimale“ Basis für eine Verschwörung bzw. übergreifende Pläne. Man kannte sich, kannte Väter und Söhne, kannte Abstammung und Einstellung, wusste um Qualitäten und Einfluss der gesamten militärischen Führungsschicht. Hitlers „Kader-Krieger“ konnten nie richtig Fuß fassen in dieser von Traditionen durchsetzten Domäne der preußischen Eliten. Vor allem im Heer gab es „politikunabhängige“ Strukturen.


(General Ludwig Beck)

So blieb die „Nacht der langen Messer“ mit ihren Morden an Schleicher und anderen Generalen nicht ohne Folgen. Man verlangte Untersuchungen und Rechtfertigung. Die Generale Fritsch und Beck wurden nach ihren Einsprüchen und Kritik sofort kaltgestellt. Doch konnte Hitler seinen dadurch vermittelten Eindruck auf die Offizierselite nie ganz ablegen.
Zwar „freuten“ sich v. Manstein, v. Rundstedt und v. Witzleben, dass da SA-Führer von SS-Führern umgebracht wurden. Sie wähnten schon die „innere Zerfleischung“ des politischen Kaders, doch mussten sie schon bald erkennen, dass auch sie unter „Beschuss“ geraten konnten. Kritik und Einsprüche waren bei Hitler nicht erwünscht. Wer gegen ihn war, wurde auf die „Reservebank“ gesetzt. So wuchs auch die Angst im Offizierskorps, öffentlich Kritik zu üben, sich gegen Hitler zu wenden. Von nun an wurden die Diskussionen vom „Führerhauptquartier“ in die Villen Dahlems verlegt. Die „konspirativen Kreise“ waren nun Ort der Kritik und „Opposition“.

„Der Fahneneid besteht, solange der Führer lebt!“
(Auch die Widerständler fühlten sich bis zum Schluss an den Eid gebunden. Doch konnte man ihn auf Hitler und seine Taten/Verbrechen noch als legitim bewerten?)


Widerstand

Widerstand

Von 1933 (3.858 Offizieren) bis 1939 (89.075 Offizieren) stieg die Anzahl des Korps auf das dreiundzwanzigfache. Deshalb stieg aber nicht die Anzahl der Regimekritiker, die eigene Karriere sollte nicht durch „unnötige Kritik“ verbaut werden. Der Opportunist hatte nun die Oberhand.
Widerstand kam erst auf, als zunehmendes Misstrauen gegen die (hochtrabenden und unrealistischen) Ziele Hitlers vermehrt auftrat. Auch gegen die Wehrmachtsspitze, die den bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem „Führer“ forderte. Die Skandale um den Kriegsminister Blomberg (Heirat einer Prostituierten - danach Entlassung von Blomberg) förderte die oppositionellen Gedanken. Dabei war nicht die Ursache der Entlassung der ausschlaggebende Grund sondern die Folgen:

    • - Hitler übernimmt Oberbefehl über die Wehrmacht (Heeresführung unterliegt dabei der Wehrmachtsführung)

 

    • - Weichen für den Eroberungskrieg gestellt (Vorbereitungen)

 

- Entlassung Fritschs markiert den Beginn einer Militäropposition (in Teilen später der Widerstand)

Es wurde von einem „Streik der Generale“, kollektive Befehlsverweigerung oder Staatsstreich (vor allem nach Einmarsch ins Sudetenland standen die Zeichen auf Krieg) gesprochen, doch von offenem Widerspruch war noch keine Rede. Dieser erfolgte nur selten bei Hitler und setzte die Marschallstäbe auf den Schulterstücken voraus.
Die Führer der Opposition waren vor allem Beck und Halder (Nachfolger Becks im Generalsstab). Sie hatten die Position, die Macht, den Einfluss und den richtigen Rang. Ihre Denkschriften und Versuche fielen aber oft auf unfruchtbaren Boden. Der Krieg sollte kommen!


Pläne

Pläne

 

10.9.1939
Anschlagspläne bei einem geplanten Truppenbesuch Hitlers an der Siegfriedlinie.....Attentäter: General Kurt von Hammerstein-Equord

Die Schwäche der Staatsstreichpläne lag darin, dass sie alle zukünftigen Handlungen von Hitlers Reaktion abhängig machten, statt sich grundsätzlich für den Staatstreich zu entscheiden. (Der 20. Juli scheiterte vor allem an der Unentschlossenheit und späten Reaktion der beteiligten Offiziere. Die konnten sich erst dann zu Maßnahmen durchringen,als zu viel kostbare Zeit verstrichen war.)


(Feldmarschall Erwin von Witzleben)

 
Treibende Kräfte in der Anfangszeit
 
Von Leeb
 
Rundstedt
 
 
von Witzleben
 
Höppner
 
 
Stülpnagel
 
Halder
 
 
Beck
 
(auch) Bock
 
Brockdorf --ohne Bild--
(Alles Generale des Heeres (Es gab damals -1939- noch ein Oberkommando des Heeres), die ihre Autorität zu (mehr oder weniger) effektiven Plänen nutzten)

 

28.6.1940
Anschlagsplan in Paris bei Truppenbesuch Hitlers.....Attentäter: Fritz Dietloff , Eugen Gerstenmaier , Erich von Witzleben

Die Ziele kamen mit den Erfolgen Hitlers ins Schwanken. Man bewunderte seine Leistungen - „erster Soldat des Reiches“ - und nahm Abstand. Die Pläne für Unternehmen „Barbarossa“ und die Vorstellungen Hitlers ließen den „großen Feldherrn“ und sein Ansehen dann schwinden. Man sprach ihm nach 1942/43 immer mehr die Kompetenz ab und statt Beifall folgte oft nur Stirnrunzeln seinen Befehlen.

 

21.5.1941
Erneuter Anschlagsplan in Paris bei Truppenbesuch Hitlers....Attentäter: Erich von Witzleben

(Generalmajor Henning von Tresckow)

Ein Henning von Tresckow (Stab Heeresgruppe Mitte) baute ab 1942 die stärkste Oppositionsgruppe auf. Immer mehr „Mitkämpfer“ scharrten sich um ihn, auch ein gewisser Klaus Graf von Stauffenberg. Pläne wurden geschmiedet, Verbindungen geknüpft und der Rückhalt der Heeres-Generale gesucht.

(Weitere Ausführungen dann in den jeweiligen Beiträgen zu den Aktionen)

 

13.3.1943
Anschlagsversuch an der Ostfront in Walki (RUS) : Plan Lanz .... Attentäter: Hubert Lanz , Hans Speidel , Hyazinth Graf von Strachwitz

 

3.3.1943
Anschlagsversuch an der Ostfront in Smolensk (RUS) : Plan König .... Attentäter: Friedrich König , Freiherr von Boeselager


Zum Schluss

Schlusswort



Es gilt die These der „ Zwei Generationen im Widerstand“. Sie erklärt vor allem das Scheitern des Widerstandes, seine unüberwindlichen Barrieren und somit auch „Unfähigkeit“ des Offizierskorps, diesen Adolf Hitler und seinen Führungs-Kader in die Schranken zu weisen bzw. zu töten/entmachten.

 

13.3.1943
Anschlagsversuch an der Ostfront in Smolensk (RUS) : Plan Tresckow ..... Attentäter: Henning von Tresckow , Fabian von Schlabrendorff , Rudolph Christoph Freiherr von Gersdorff

 

21.3.1943
Anschlagsplan in Berlin : geplantes Selbstmordattentat bei einer Vorführung erbeuteter Waffen.....Attentäter: Rudolph Christoph Freiherr von Gersdorff

 

16.12.1943
Anschlagsplan bei einer Vorführung der Winteruniformen.....Attentäter: Axel Freiherr von dem Bussche-Streithorst

Mit wenigen Ausnahmen taten sich die beteiligten älteren Offiziere - und damit meist Generale - schwerer als jüngere Offiziere der Dienstgrade vom Leutnant bis zum Oberst. So ist es gewiss kein Zufall, dass außer Stauffenberg auch die potentiellen Attentäter wie Busse, Kleist, Breitenbuch oder diejenigen, die ein gemeinsames Attentat bei der Heeresgruppe Mitte erwogen, allesamt der jüngeren Generation entstammten. Keiner von ihnen hat seine entscheidende Prägung vor dem Ersten Weltkrieg erfahren. Die älteren Generale waren zu sehr vom Eid und den Treueschwüren auf den Kaiser geprägt.


 
Eine Sonderstellung nahmen ein
 
Beck
 
Oster
 
 
Höppner
 
Fellgiebel
 
 
Stülpnagel
 
Tresckow
 
(Sie sahen ein Attentat und Staatsstreich unmittelbar miteinander verknüpft)

 

11.2.1944
Anschlagsplan in der Wolfsschanze an der Stelle des schwer verwundeten Bussche.....Attentäter: Ewald von Kleist

 

11.3.1944
Anschlagsplan am Obersalzberg durch Erschießen.....Attentäter: Eberhard von Breitenbuch

 

20.7.1944
Attentat vom 20. Juli in der Wolfsschanze.....Attentäter: Claus Schenk Graf von Stauffenberg u.a.
 

 

(Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg)

 

„Das Furchtbarste ist, zu wissen, dass es nicht gelingen kann und dass man es dennoch für unser Land und unsere Kinder tun muss.“
(Berthold Graf von Stauffenberg, Marineoberstabsrichter - Bruder von Claus Graf von Stauffenberg)

(Gedenkstein für die Offiziere des 20. Juli 1944)


Quellen

Buch: Poeppel, Hans / Prinz von Preußen, W.K. / von Hase, K.G. (Hrsg.), Die Soldaten der Wehrmacht, Herbig/München 1998.

http://www.sueddeutsche.de/politik/983/400766/text/ (Letzter Aufruf 01.11.2009)
http://de.wikipedia.org/wiki/Wehrmacht (Letzter Aufruf 01.11.2009)
http://de.wikipedia.org/wiki/Widerstand ... ozialismus (Letzter Aufruf 01.11.2009)

Autor: Freiherr von Woye