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Portrait

Das französische Schlachtschiff Masséna

 

 

Einleitung

 

Die französische Marine zum ausgehenden 19. Jahrhundert glich einer schwimmenden Freakshow. Ein Design jagte das andere, der Experimentierdrang der Schiffbauer schien sich mit den Extravaganzen der Pariser Modeschöpfer ein Stelldichein zu geben. Dessen abscheulicher Höhepunkt fand sich schließlich in der Masséna – und führte zu einer schnellen Abkehr hin zu einem mehr funktionellen Schiffsbau. Als Teil des Schiffbau Programms von 1890 bis 1898 war die Masséna der Jauréguiberry Quasi-Klasse zu zuordnen, zusammen mit ihren Halbschwester-Schiffen Jaureguiberry, Charles Martel, Bouvet, Carnot und Charlemagne.

1. Weltkrieg

Namensgeber für die Masséna war der französischen Marschall André Masséna, Herzog von Rivoli und Fürst von Essling, welcher 1810 im Feldzug auf der iberischen Halbinsel Napoleons Portugalarmee gegen die Truppen des Duke of Wellington anführte. Unter den Kapitänen der Massena fanden sich so schillernde Persönlichkeiten wie der spätere Admiral und Marineminister Marie-Lucien Lacaze.
Das Schicksal der Massena war weniger ruhmreich. Bereits außer Dienst gestellt und desarmiert nahm die Masséna ab 1915 am 1. Weltkrieg teil. Bereits im November 1915 wurde sie im Rahmen der Gallipoli Invasion nach einem Minentreffer bei Cape Helles auf Grund gesetzt. Als Wellenbrecher bot die Masséna Schutz während der Evakuierung alliierter Truppen im Januar 1916. Nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages diente die Masséna der örtlichen Bevölkerung als reichhaltige Quelle für wertvolles Metall.
 

 


Merkmale

 

Herausragendes Merkmal der Massena war ihr ausgesprochen ungewöhnliches Schiffsdesign. Auf den ersten Blick wirkte sie, als hätte jemand eine Fabrikhalle auf ein großes Schlauchboot gestellt und mit ein paar Kanonen bestückt. Erst der zweite Blick verleiht mehr Aufschluss über die gewagte Konstruktion. Charakteristisch für die Masséna und ihre Halbschwestern Charles Martel, Carnot, Bouvet und Jauréguiberry waren steile Seitenwände, die bei der Massena etwa 6 Fuß (ca. 1,8 m) oberhalb der Wasserlinie in einer für diese Zeit außergewöhnlich stark gepanzert, enormen Ausbuchtung endeten. Die Seitenwände wurden von rechteckigen Fenster verziert, was den fabrikartigen Eindruck nur noch verstärkte. Die Front des Schiffes bildete ein großer Rammbug. Darüber fand sich an jeder Seite ein prominenter Ankerkran. Die französische Marine verwendete hier noch altertümliche hakenförmige Anker mit Holzschaft, während Briten, Italiener und Deutsche bereits die modernen Patentanker benutzten.
 

 



Die Deckaufbauten bestanden aus 2 ungleich Schornsteinen. Beide groß und schlank, übertraf Nr. 1 an Dimension die Nr. 2. Gleiches galt für die beiden Masten. Auch hier überragte der vordere den hinteren. Auf den Masten befanden sich oktogonale Gefechtsstände. Die Luftzufuhr für die Kesselanlagen wurde durch gewaltige Lüftungsschächte gewährleistet. Des Weiteren wurden an Deck große Davits (Kräne) verbaut, welche mit hoher Reichweite die Beiboote an der Schiffswölbung vorbei zu Wasser heißen konnten.

Die Hauptwaffen wurden im „Diamond layout“ angeordnet. Durch dieses Design konnte die Enge auf dem Deck, hervorgerufen durch das bei den Franzosen favorisierte „tumblehome“ Design (Breite des Schiffes nimmt von der Wasserlinie nach oben ab) minimiert werden. Der Front Turm lag unvorteilhaft nah am Vordersteven des Schiffs.




 

 




Ein Urteil über die Schiffsbaukunst der Kriegsmarinen in der Zeit des ausgehenden 19. Jahrhunderts sollte nur mit Bedacht gefällt werden. Ein rasanter Wandel führte in nur wenigen Jahrzehnten vom Segelschiff mit Batteriedecks, in denen die Kanonen in Stückpforten angeordnet waren und so ein Abfeuern von Breitseiten erlaubten, bis hin zu den schweren, drehbaren Geschützen auf schwer gepanzerten Schiffsriesen wie der Yamato und der Iowa Klasse auf dem technischen Höhepunkt der Schlachtschiffe.
Insbesondere die Anfangszeit dieser Entwicklung war geprägt durch heute seltsam anmutende Experimente, wie wir sie in der Massena wieder finden. Wie schnell Desigen und Technik zu dieser Zeit veraltet waren, wird auch in der kurzen Betriebszeit dieser Schiffe deutlich. Die Massena hatte seit ihrer In Dienst Stellung keine 8 Jahre überdauert und gehörte schon zum alten Eisen, gerade noch tauglich, um als Wellenbrecher die See zu glätten. Nichts desto trotz stellen die Massena und ihre Schwesterschiffe einen wichtigen Punkt in der Entwicklung der großen Kriegsschiffklassen dar, stellten sie doch den Übergang zum später dominierenden Dreannought Design dar.
 

 


Daten

Technische Daten
Bauwerft:
Ateliers et Chantiers de la Loire, Saint-Nazaire
Kiellegung:
Sept. 1892
Stapellauf:
24. Juli 1895
In Dienst Stellung:
18. April 1897
Verbleib:
24. März 1915 außer Dienst gestellt
Klasse:
Pre-Dreadnought Schlachtschiff
Schwesterschiffe:
Jaureguiberry, Charles Martel, Bouvet, Carnot, Charlemagne
Wasserverdrängung:
ca. 12355 t
Länge ü.a:
117,12 m
Breite:
20,3 m
Tiefgang:
8,2 m
Bewaffnung:
2 x 305 mm/40 (12", 2 x 1, fore & aft) Kanone Mod. 1893
2 x 274 mm/45 (10.8", 2 x 1, beams) Kanone Mod. 1893
8 x 138 mm/45 (5.5", 8 x 1) Kanone Mod. 1888
8 x 100 mm (3.9", 8 x 1) Kanone Mod. 1891 auf der Brücke
14 x 47 mm Mod. 1885 Hotchkiss Kanone
10 x 37 mm (vermutlich 37 mm revolving Hotchkiss Kanone)
4 450mm Torpedo Rohre, unter Wasser
Antriebsanlage:
24 Belleville Heizkessel; 3 Propeller über 14000 PS Dreifach-Expansionsmaschinen
Brennstoffvorrat:
980 t Kohle
Geschwindigkeit:
17 kn
Wendekreis:
3520 m
Besatzung:
580-641 Mann
Panzerung:
Nickel-Stahl Panzerung, Gewicht 3970 t

erstes Schiff mit 2 gepanzerten Decks:

Oberdeck: 90 mm, 0,5 m oberhalb der Wasserlinie
Unterdeck: 40 mm, 1,5 m unter der Wasserlinie
Gürtel 400 mm (Bug) bis 160 mm (Heck
Hauptgeschützturm 400 bis 350 mm
Mittelartillerie 100 und 120 mm
Brücke/Kommandoturm 250 und 300/350 mm
Barbette 150

Dienstzeit

Werdegang
September 1892:
Kiellegung
24. Juli 1895:
Stapellauf
01. Januar 1897:
Fertigstellung in Saint-Nazaire, erster Kommandant: Kapitain zur See Zéphirin Juhel
18. April 1897:
In Dienst Stellung (19. Dezember 1898: Offizielle Tests in Brest)
21. Mai 1898:
Endgültige Armierung, sie wird Admiralsschiff im Nordgeschwader bis zur ihrer Ersetzung durch die Formidable
Sept. 1898 - 15. Okt. 1898:
Passage von Brest nach Toulon
Oktober 1898:
Als Mitglied des Mittelmeergeschwaders Teilnahme an Erkundungs- und Geschwaderfahrten
21.- 27. Januar 1900:
Verlegung von Toulon nach Brest, Admiralsschiff im Nordgeschwader
19. Juli 1900:
Teilnahme an Schiffsparade in Cherbourg
September 1900:
Besichtigung durch den Zar Nikolaus II in Dünkirchen (Datum unsicher, da Nikolaus II in 09/1901 in Dünkirchen für 4 Tage verweilte)
Februar 1902:
Verlegung von Brest nach Toulon, Reservedivision des Mittelmeergeschwader
Januar 1903:
Verlegung von Toulon nach Brest
1. April 1903:
Erneut Admiralsschiff im Nordgeschwader
August 1905:
Besichtigung durch König Eduard VII im Rahmen eines Besuchs der Französischen Flotte in Portsmouth zur Demonstration des Entente Cordiale zwischen Britannien und Frankreich
Februar 1907:
Verlegung von Brest nach Toulon als Admiralsschiff der 3. Division des Nordgeschwaders
18. April 1908:
Reduzierung der Besatzungsstärke
September 1909:
Admiralsschiff der Division Kanonierschule
04. September 1911:
Teilnahme an Schiffsparade in Toulon, der Präsident der Republik ist an Bord
02. Januar 1912:
Zur Reserve in Toulon
10. März 1912:
Verlegung von Toulon nach Brest, Admiralsschiff in der 2. Division des 3. Geschwaders (Nord)
16. Oktober 1912:
Aufmarsch der Kriegsmarine in Toulon
06. Januar 1913:
Explosion in einem Haupt-Dampfkollektor, 8 Tote
01. März 1913:
Das Schiff wird in die Spezialreserve versetzt
01. März 1914:
Rückbau der Armierung
27. März 1915:
Von der Flottenliste gestrichen Abbau der Artillerie. Wiederverwendung in der Artillerie Lourde unter Voie Ferrée:
2 Kanonen v305 mm und 2 Kanonen 274 mm
23.-31. August 1915:
Von 'Atlas' und 'Vigoureux' von Bizerte nach Moudros geschleppt
09. November 1915:
Das Schiff droht nach einem Minenschaden zu sinken und wird als Wellenbrecher neben dem Dampfer 'Saghalien' auf Grund gesetzt.
März 1923:
Verkauf des Wrack