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Das Thema

Die Blockade von Leningrad
 

 

( Ein typisches Bild in den Straßen während der Blockade )


Vorwort

Die Geschichte der Stadt an der Newa begann mit ersten Siedlungsversuchen der Schweden in diesem Gebiet, die sich nach der endgültigen Vernichtung der Siedlung und Festung 1656 aus der Region zurückziehen mussten. Begonnen hatte die Gründung der Stadt, die den Namen des Zaren Peter tragen sollte, mit dem Bau der Peter-und-Paul-Festung. Die Pläne Peters des Großen, Russland zu einer Seemacht auszubauen, sorgten dafür, dass der Bau eines Seehafens geplant wurde. 1706 wurden mehrere Leibeigene zwangsrekrutiert und stetig, mit deren Arbeit, entstand eine Stadt. Im Jahre 1714 zählte Sankt Petersburg (heutiger Name) schon 50.000 Häuser und wurde 1721 die Hauptstadt des russischen Kaiserreiches. Die Stadt wurde weiter ausgebaut, entwickelte sich immer mehr zum Zentrum des russischen Reiches und 1738 entstand die erste russische Ballettschule. Des Weiteren wurde in Petersburg die Akademie der Künste eröffnet und mehrere Bibliotheken, höhere Schulen, Theater und Museen errichtet. Seit dem Jahre 1861 zogen immer mehr Menschen in die Hauptstadt Russlands und die Bevölkerung wuchs stetig an. Petersburg wurde durch seinen Hauptstadt- Status ebenfalls ein Ort der Revolten und Revolutionen.
Während des ersten Weltkrieges wurde der deutsch klingende Name Petersburg in Petrograd geändert. Das Ende der Zarenherrschaft begann mit der Februarrevolution und der Oktoberrevolution 1917, die angeblich durch den Schuss des Kreuzers Aurora ihren Anfang nahm. Die Bolschewiki regierten nun das Land und Moskau wurde wieder die Hauptstadt. Nachdem Lenin gestorben war, entschied am 26. Januar 1924 der zweite Rätekongress der UdSSR, Petersburg in Leningrad umzubenennen. In den Folgejahren veränderte sich das Stadtbild weiter, Leningrad war mit etwa 3,5 Mio. Einwohnern die zweitgrößte Stadt der Sowjetunion.


Operation Barbarossa

Vom Beginn der Operation Barbarossa bis zur Blockade

 

 

( Deutsche Infanteristen, ziehen die schweren Gefechtsfahrzeuge ihrer Züge in der litauischen Ortschaft Vilkija bergauf. )

Am 22. Juni begann die Deutsche Offensive gegen die Sowjetunion und Leningrad war das weit gesteckte Operationsziel der Heeresgruppe Nord. Das Ziel Leningrad zu erreichen war, wenn Finnland sich am Krieg beteiligte, durchaus erreichbar, auch wenn die HGr. Nord nur aus zwei Armeen und einer Panzergruppe bestand. In Leningrad selbst erfuhren die Einwohner aus der Zeitung von dem deutschen Angriff. Sofort versammelten sich die Menschen und meldeten sich freiwillig bei der Roten Armee und den Volkswehrformationen. Obwohl die Stadt am 27. Juni noch weit von der Front entfernt war, entschied sich der "Leningrader Rat der Deputierten des werktätigen Volkes", die Bevölkerung der Stadt für den Bau von Verteidigungsanlagen einzuberufen.


 
450 km Panzergräben und
25 km offene Schützengräben auszuheben
315 km Waldhindernisse wurden angelegt
645 km Stacheldrahthindernisse wurden aufgestellt
5000 Schützenstellungen aus Holz oder Beton wurden errichtet.

Finnland erklärte der zwar Sowjetunion am 25. Juni 1941 den Krieg, doch das kleine Land war noch nicht in der Lage an diesem Tag einen Angriff durchzuführen. Der rechtzeitige Verteidigungsplan war auch nötig, denn Ende Juni war die Nordwestfront im baltischen Gebiet fast vollständig vernichtet worden und die Wehrmacht rückte weiter in Richtung Ostrow und Pskow vor. Am 10 Juli 1941 hatte die Wehrmacht die beiden Städte genommen und bereits Kunda wie Kingissepp erreicht. Der Vormarsch der Wehrmacht schien nicht aufzuhalten zu sein, von Narva und der Luschkij-Region setzte die Wehrmacht zum Angriff auf Leningrad von Südosten an. Der zweite Vorstoß wurde nördlich und südlich des Ilmensees ausgeführt, mit dem Ziel Leningrad im Osten abzuschneiden und sich mit den Finnen am Ostufer des Ladogasees die Hände zur Begrüßung reichen zu können. Obwohl die Wehrmacht Ende Juli schon sehr nahe an die Newa Stadt herangerückt war, unternahm kein Verantwortlicher der Leningrader Parteizentrale den Versuch die Bevölkerung vorsorglich aus der bedrohten Stadt zu evakuieren. Im August konnten die Finnen die sowjetische Front durchbrechen und eroberten den Isthmus von Karelien bzw. rückten östlich des Ladogasees durch Karelien vor. Damit wurde Leningrad nun auch vom Westen und Norden her bedroht. Die Finnen stoppten allerdings ihre Offensive an der ehemaligen finnisch-russischen Grenze von 1939. Der damalige Präsident Ryti traf sich mit Marschall Mannerheim, dazu in seinen Erinnerungen Jahre später:

"Ich besuchte am 24. August 1941 das Hauptquartier von Marschall Mannerheim. Die Deutschen forderten uns auf, die alte Grenze zu überschreiten und die Offensive gegen Leningrad fortzusetzen. Ich sagte, dass die Eroberung Leningrads nicht unser Ziel sei und wir uns nicht daran beteiligen sollten. Mannerheim und der Kriegsminister Walden stimmten mir zu und lehnten die Angebote der Deutschen ab. Das Ergebnis war eine paradoxe Situation: die Deutschen waren nicht in der Lage, sich Leningrad von Norden zu nähern…"

 

 

( nur noch 75 km von Leningrad entfernt )

Am 2. September 1941 wurden die Lebensmittelzuteilungen zum ersten Mal gekürzt. Die deutsche Luftwaffe griff als erstes die Lebensmittelager der Stadt an, was dazu führte, dass man die Zuteilung noch weiter reduzierte.


 
Die täglichen Brotrationen vom
2. September 1941
Die täglichen Brotrationen vom
12. September 1941
Arbeiter 600 g Arbeiter 500 g
Büroangestellte 400 g Büroangestellte 300 g
Kinder 300 g Kinder 250 g
sonstige Einwohner 300 g sonstige Einwohner 250 g

Die Wehrmacht war am 4. September schon soweit an Leningrad herangerückt, dass man jetzt die Stadt auch mit Artillerie beschießen konnte. Am selben Tag traf sich General Jodl mit Marschall Mannerheim in dessen Hauptquartier. Jodl hoffte, ein persönliches Gespräch führt zu dem Ergebnis, dass die finnische Offensive fortgesetzt wird. Mannerheim lehnte aber die Fortsetzung des Kampfes ab. Inzwischen war jedem in Leningrad klar, dass die Stadt bald angegriffen wurde. Die Sowjetunion hatte nur noch wenige Flugzeuge für die Luftverteidigung und damit waren die wenigen offenen Verbindungswege, nur unter der Gefahr beschossen zu werden, benutzbar. Die sowjetische Führung glaubte nicht daran die Stadt wirksam verteidigen zu können und so wurde hastig alles was für die Kriegsproduktion wichtig war aus der Stadt evakuiert. Jetzt wurden ebenfalls die Leningrader Facharbeiter hinter den Ural evakuiert und noch weitere 600.000 Zivilisten konnten die Stadt verlassen. 750.000 soll die Flucht gelungen sein, bevor die Wehrmacht ihren Angriff begann. Die Wehrmacht brach an einigen Stellen, so z.B bei Oranienbaum, (Lomonossow), durch den ersten Verteidigungsgürtel, der etwa 25 km vor der Stadtgrenze war, und stieß dann weiter vor. Es gelang an einigen Stellen die zweite, und in einem bekannten Fall die letzte Verteidigungslinie bei Urizk einem Leningrader Vorort, zu durchbrechen. Am 7. September standen die deutschen Panzer in Urizk, diese hatten kaum noch Munition und Benzin bzw. warteten am Stadtrand auf den Nachschub. Plötzlich hörten die deutschen Panzerbesatzungen das Rasseln und Quietschen einer alten Straßenbahn, die auf die Endhaltestelle Urizk zufuhr und deren Gleise kurz vor den Panzern endete. Ein deutscher Panzermann bemerkte:

"Herr Major, wir werden jetzt zu einer Besichtigungstour in Leningrad abgeholt!"

Die Soldaten lachten, und als sie die junge Frau sahen, pfiffen und kommentierten ihr wohl hübsches Aussehen. Die Straßenbahnfahrerin bemerkte zunächst nicht, dass es sich um deutsche Soldaten handelte; sie lachte und winkte den Soldaten ebenfalls zu, während sie die Straßenbahn für die Rückfahrt vorbereitete. Es dauerte aber nicht lange als sie bemerkte, dass sie vor dem Feind stand und sofort ging sie in den Führerstand der Straßenbahn und fuhr so schnell sie konnte wieder davon. Am 8. September war es soweit, die Wehrmacht riegelte die Stadt vom Hinterland ab und setzte, unterstützt durch Angriffe der Luftwaffe, welche die Stadt bombardierte, den Angriff auf Leningrad fort. Die Bombardierungen des 8. Septembers trafen das Kirow-Werk, welches nur noch drei Kilometer von der Front entfernt war; die Badajew-Lagerhäuser in denen der Großteil der Lebensmittelvorräte Leningrads eingelagert wurde, war ebenfalls ein Angriffsziel gewesen. 3000 Tonnen Mehl und 2.500 Tonnen Zucker verbrannten. Der geschmolzene Zucker sickerte in den Boden und Wochen später verkaufte man die süße Erde auf den Schwarzmärkten Leningrads. Die weiteren Angriffe der Wehrmacht scheiterten, inzwischen hatte das Moskauer Hauptquartier (Stawka) den General Georgi Konstantinovich Schukov nach Leningrad entsandt. Schukov mobilisierte die letzten Kräfte und verteidigte erfolgreich den Zugang zum Ladogasee, der später wichtige Nahrungsmittel und Nachschub in die belagerte Stadt bringen sollte. Schukow begann sogar eine Gegenoffensive, diese scheitere aber und so richtete er eine neue Verteidigungslinie in den Vororten Leningrads ein. Die Heeresgruppe Nord wollte erneut versuchen die Stadt einzunehmen, aber Adolf Hitler hatte andere Pläne und befahl den Armeen vor Leningrad sämtliche Angriffe einzustellen. Die Stadt sollte dem Hunger ausgesetzt und zur Aufgabe gezwungen werden. Hitler wollte angeblich hohe Verluste infolge des zu erwartenden Häuserkampfes vermeiden. Ein Jahr später legte er beim Kampf um Stalingrad keinen großen Wert mehr darauf. Allerdings gibt der Wortlaut der Weisung Nr. Ia 1601/41 vom 22. September ein völlig anderes Bild der wahren Absichten Leningrad betreffend wieder.


 
Weisung Nr. Ia 1601/41.
»Die Zukunft der Stadt Petersburg.«
 
1. Der Führer hat beschlossen, die Stadt Petersburg vom Erdboden zu vertilgen.
Nach dem Sieg über Sowjetrussland wird es für das Weiterbestehen dieser großen Stadt nicht mehr den geringsten Anlass geben.
Finnland hat ebenfalls erklärt, es sei an einem Weiterbestehen dieser unmittelbar vor seinen neuen Grenzen gelegenen Stadt nicht interessiert.
2. Der Wunsch der Kriegsmarine, die Werften, den Hafen und die Schifffahrtseinrichtungen zu erhalten, ist dem OKW bekannt.
Seine Erfüllung wird jedoch angesichts der allgemeinen, Petersburg betreffenden Gesichtspunkte nicht berücksichtigt werden können.
3. Es ist vorgeschlagen worden, die Stadt mit einem festen Ring zu umschließen und sie durch Artilleriefeuer aller Kaliber und pausenlose Luftangriffe dem Erdboden gleichzumachen.
Wenn das dazu führt, dass die Kapitulation der Stadt angeboten wird, ist dies abzulehnen…“
 

 

( 85-mm-Flugabwehrkanone M1939 (52-K) )

Nachdem der Befehl Hitlers ausgeführt wurde, zog man die Panzergruppe von der HGr. Nord ab und verlegte diese, für den Entscheidungsangriff auf Moskau, zur HGr. Mitte. Die 16. und die 18. Armee blieben weiterhin unter dem Kommando der HGr. Nord. Mit dem Haltebefehl Hitlers wurde die Chance vertan Leningrad zu erobern und damit nicht nur die Leningrader Garnison, sondern auch noch zusätzlich 42 sowjetische Divisionen auszuschalten. So aber blieben 250.000 bis 300.000 Soldaten der Roten Armee weiterhin einsatzbereit und Leningrad produzierte in seinen noch vorhandenen Fabriken weiter Rüstungsgüter. Ein Unterbrechen der Murmanskbahn, der späteren Lebensader für Rüstungsgüter, besonders aus den USA, konnte nun nicht erreicht werden. Es wäre vielleicht sogar möglich gewesen die Stadt Murmansk zu erobern, doch es kam wie wir wissen anders. Die sowjetischen Führungskader hatten die Gelegenheit, mehrere hunderttausend Menschen schrittweise über den Ladogasee zu evakuieren, verpasst und doch war deine großangelegte Evakuierung von Anfang an nicht eingeplant gewesen. Berechnungen, die man am 12. September machte ergaben, dass die Vorräte für die in der Stadt eingeschlossenen Zivilisten und Armeeangehörigen für folgende Tage ausreichten:


 
Getreide und Mehl 35 Tage
Grütze und Makkaroni 30 Tage
Fleisch (inklusive Viehbestand) 33 Tage
Fette 45 Tage
Zucker und Süßwaren 60 Tage

Andrei Alexandrowitsch Schdanow ( von 1934 bis 1944 Gebiets- und Stadtsekretär der Parteiorganisation Leningrads ) verpflichtete jeden männlichen Einwohner im Alter von 14 bis 60 und ließ mit ihnen Arbeitsbataillone aufstellen. Die höchste Nahrungsmittel Zuteilung erhielt man nur wenn man 12 Stunden am Tag arbeitete. Die Geschäfte wurden geschlossen und die Lebensmittel erhielt man gegen Vorlage des Arbeitsnachweises bei den zentralen Verteilerstellen. Zum Beginn der Blockade war wegen der Erntezeit noch Obst und Gemüse vorhanden, doch schon sehr schnell erfuhr man von der Partei:

Die Rationen müssen leider abermals gekürzt werden.

Zwar verzichtete die Wehrmacht auf weitere Angriffe, doch Leningrad wurde von der Luftwaffe weiter bombardiert. 23 Mal sollte Leningrad noch im September angegriffen werden; dabei wurden etwa 1.000 Sprengbomben und 31.000 Brandbomben über der Stadt abgeworfen. Die Leningrader waren nirgendwo mehr sicher; sie starben durch diese Luftangriffe in ihren Wohnungen, auf der Straße, der Straßenbahn und den öffentlichen Plätzen. An eine Aufgabe der Stadt der Oktoberrevolution dachte niemand denn jedem Parteifunktionär war klar, dass der Verlust dieser Stadt den Widerstandswillen deutlich ab sinken lassen würde.
Am 19. September 1941 schrieb Dr. Josef Goebbels in sein Tagebuch:
"Es spielt sich augenblicklich in Petersburg ein Stadtdrama ab, wie es die Geschichte noch nicht gekannt hat. Die Auswirkungen der Belagerung werden sich erst dann für die Weltöffentlichkeit zeigen, wenn Leningrad gefallen ist."
Die Partei wollte die Befehlshaber der Leningrad Front, Andrej Schdanow und Kliment Woroschilow zur Verantwortung ziehen. Das angebliche Versagen der Beiden Verantwortlichen sorgte dafür, dass eine Sonderkommission aus den Parteimännern Molotow, Kossygin und Malenkow zusammentrat. Malenkow schlug Stalin vor, dass Andrej Schdanow vor ein Kriegsgericht gestellt wird. Der Einspruch des KGB-Chefs Lawrentij Berija verhinderte dies.


Blockade 1941

Die Auswirkungen der Blockade im Jahr 1941

 

 

 

( Die Straße des Lebens )

Der Ladogasee wurde der wichtigste Versorgungsweg der Stadt, um diese mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Schiffe, die auf dem Ladogasee fuhren, transportierten in der Zeit als der See noch Schiffbar war ( vom 12. September - 15. November ) etwa 24.000 Tonnen Mehl und Getreide, 1.131 Tonnen Fleisch und Molkereiprodukte. Damit die Rotarmisten in der eingeschlossenen Stadt kampffähig blieben, wurden des weiteren Munition und Treibstoff in die Stadt geliefert. Die Nahrungsmittel, die geliefert wurden, waren zwar nur der berühmte Tropfen auf dem heißen Stein, aber Leningrad konnte damit immerhin 20 weitere Tage ausharren. Die Überfahrten auf dem Ladogasee waren nicht ungefährlich gewesen, Stürme, Feuer, feindliche Flugzeuge und Plünderungen behinderten oft den Nachschubverkehr. Einige Boote, die im September von der Wehrmacht auf dem See versenkt wurden, hatten Getreide geladen. Die Sowjets bargen einen Großteil der lebenswichtigen Fracht mit Hilfe von Tauchern. Das inzwischen verschimmelte Korn wurde, obwohl man es unter normalen Umständen nicht mehr hätte verwenden können, noch als Zusatz für die Brotherstellung genutzt. Die örtlichen Parteifunktionäre Alexei Kusnezow und Pjotr Popkow, ordneten den Bau von Zufahrtswegen zum Westufer des Ladogasees an. Auf deutscher Seite ging man davon aus, dass spätestens im Frühling 1942 die meisten Bewohner der Stadt durch die Unterernährung gestorben waren. Wenn dies erreicht war, sollte ein Angriff durchgeführt werden. Diese Planung galt auch für den 2. Kessel westlich von Leningrad, der Oranienbaum, und die Insel Kotlin (mit der Festung Kronstadt), die ebenfalls noch von der Roten Armee verteidigt wurden.

" Das, was noch lebt solle dann aus der Stadt vertrieben und Leningrad durch Sprengungen dem Erdboden gleich gemacht werden."

Am 28. September wiederholte Generaloberst Franz Halder die Weisung Hitlers und stellte noch einmal klar, dass Leningrad kein Kapitulationsangebot erhalten soll und auch nicht angegriffen werden sollte.

Vielmehr war es seiner "Lebens- und Verteidigungsfähigkeit zu berauben" und "jedes Ausweichen der Zivilbevölkerung ... zu verhindern."

Der Hunger sollte die Stadt schwächen wohl in der Hoffnung das dann der Widerstand nur noch sehr gering sei. Am 29. September 1941 wiederholte Hitler seine Weisung noch einmal und kommentierte dazu:

"Sich aus der Lage in der Stadt ergebende Bitten um Übergabe werden abgeschlagen werden, da das Problem des Verbleibens und der Ernährung der Bevölkerung von uns nicht gelöst werden kann und soll. Ein Interesse an der Erhaltung auch nur eines Teils dieser großstädtischen Bevölkerung besteht in diesem Existenzkrieg unsererseits nicht."

Die Sowjets rechneten hingegen mit einem Sturmangriff auf die Stadt und nicht mit einer langen Belagerung. Die eingeleiteten Verteidigungsmaßnahmen sahen Häusersprengungen, Totalverminungen (wie z.B. in Kiew) vor. Alexej Schdanow behauptete sogar, dass die Versorgung von Leningrad gesichert sei und er soll sogar Lieferungen aus Moskau abgelehnt haben; ein weiterer Fehler dieses Mannes, der sich rächen sollte. Er hätte es besser wissen müssen, denn ein geheimer Bericht, der auf seinem Schreibtisch lag, sagte folgendes über die wirkliche Lage aus: Schimmel auf der Butter, Nässe im Trockenobst, Reis von Milben befallen, Zwiebacksäcke von Ratten zerfetzt und die eiserne Reserve stand kurz vor dem Verfall.

 

 

( Leningrad nach einem Artillerie Angriff )

Am 8. Oktober beschloss der Exekutivausschuss von Leningrad und ein regionaler Exekutivausschuss,, dass die nördlichen Pargolowo und Wsewolschskij Distrikte, als Ersatz für die knapper werdenden Kohlevorräte, sofort die dortigen Bäume fällen sollten. Die aufgestellten Holzfällergruppen bestanden hauptsächlich aus Jugendlichen. Der Erfolg dieses Planes war nur sehr bescheiden gewesen, denn diese Holzfällergruppen hatten weder Werkzeug noch Unterkünfte und so konnten nur geringe Holzmengen abgeliefert werden. Inzwischen waren auch die letzten frei erhältlichen Lebensmittel Reserven erschöpft. Die Delikatessen-Geschäfte und die Restaurants waren die einzigen "Lebensmittellager", wo man sich ohne Karte aber gegen Geld, mit dem notwendigsten eindecken konnte. Jeden Tag seit der Blockade war die Bevölkerung nicht nur Luftangriffen ausgesetzt, sondern auch die Artillerie schoss regelmäßig in die belagerte Stadt. Die Luftwaffe griff bevorzugt Kindergärten, Schulen, Betriebe, Straßenbahnhaltestellen an, um damit die Bevölkerung in ihrer Moral zu erschüttern. Die Schornsteine und hohen historischen Gebäude der Stadt (Isaakskathedrale, Admiralität, Peter-und-Paul-Festung) dienten dabei als Orientierungspunkte. Die Lebensmittelversorgung wurde immer mehr ein Problem in Leningrad, ein Brot setzte sich im Oktober 1941 aus folgenden Bestandteilen zusammen; 63% Roggenmehl, 4% Leinschrot, 4 % Kleie, 8 % Schrotkorn, 4% Sojamehl, 12% Malz und 5% schimmeligem Mehl. Nach ein paar Tagen gingen in der belagerten Stadt die Malzreserven aus und nun griff man zu weiteren Ersatzstoffen um noch so etwas wie Brot herstellen zu können. Speziell aufbereitete Zellulose und gepresster Baumwollsamen wurden nun dem Brot beigemischt und so rang man dem Schicksal weitere 25 Tage ab um durchhalten zu können. Nun kam was kommen musste, es begann das große Sterben und die Polizei entdeckte die ersten Toten in den Straßen Leningrads. Am 24. Jahrestag der Revolution, dem 7. November 1941, warf die deutsche Luftwaffe Flugblätter ab auf denen geschrieben stand:

"Gehet zu den Bädern. Zieht eure weißen Kleider an. Esst das Totenmahl. Legt euch in die Särge und macht euch zum Sterben bereit. Am 7. November wird der Himmel blau sein - blau von den Detonationen deutscher Bomben."

Das Oberkommando der 18. Armee erklärte ihren Angehörigen deutlich die Vorteile des Aushungerns:

A) Ein großer Teil der kommunistischen Bevölkerung Russlands, der gerade unter der Bevölkerung von Petersburg zu suchen ist, wird damit ausgerottet.
B) Wir brauchen vier Millionen Menschen nicht zu ernähren.

Neben dem Hunger kam nun auch noch die erste Kältewelle und weitere Einwohner, besonders die Alten, starben an Unterernährung. Die Lage spitzte sich zu als am 20. November die Rationen noch einmal abgesenkt wurden, die Vorräte, besonders die Fettreserven, gingen langsam zur Neige (Butter, Öl, Margarine) und Ersatzstoffe waren ebenfalls nicht vorhanden. In einem Lager am Hafen der Stadt fand man 2.000t Schafdärme. Aus diesem übelriechenden Zeug stellte man eine Gelatine her, die man dann an die Bevölkerung als Fleischersatz austeilte. Die einbrechende Kälte hatte einen Vorteil für die Eingeschlossenen in der Stadt. Die verantwortlichen planten eine Straße über den zugefrorenen Ladogasee und man rechnete damit, dass diese Ende November oder an Anfang Dezember verwirklicht werden konnte. Allerdings ging man davon aus, die Eisschicht muss mindestens 2m dick sein. Das Eis hatte noch nicht die nötige Stärke und als am 20. November die Nahrungsmittel weiter gekürzt werden mussten, schien der Plan Hitlers die Stadt in den Tod zu hungern aufzugehen. In ihrer Not aßen die Leningrader alles was man nur finden konnte, die Haustiere, Ratten, Krähen, Tapetenleim und es kam sogar zum Kannibalismus, viele Eltern hatten Angst ihre Kinder allein zu lassen, weil sie befürchteten, das diese ebenfalls getötet und dann gegessen wurden.

Aus den Erinnerungen von Wassili Betaki :

Als elfjähriges Kind im ersten Blockade-Winter jagte er Ratten. Mit einem Hammer saß er tagelang vor einem Rattenloch in seiner Wohnung und wartete. Pro Tag erlegte er fünf oder sechs Stück. Seine Mutter weigerte sich, seine Ratten zu essen. Obwohl sie die Brotration ihres Sohnes bekam, starb sie noch vor dem Frühling.

Die halbverhungerten Menschen stahlen den sterbenden ihre Brotmarken oder begingen Morde. Die Polizeibehörden und die "Justiz" hofften mit harten Strafen dem Verbrechen Einhalt zu gebieten und die "Leningradskaja Prawda" berichtete jeden Tag über Todesurteile von Mördern, Dieben und Schwarzhändlern. Die Schwarzhändler verkauften zu überteuerten Preisen Erde in der noch verbrannter Zucker steckte, welcher bei einem Bombenangriff im September dort einsickerte. Mehr als 2.000 Vorfälle von Kannibalismus (Menschenfleischverzehr) wurden aktenkundig und 500 Beschuldigte exekutiert. Da das Eis noch keine LKW tragen konnte, schickte man Pferdefuhrwerke über den zugefrorenen See. Die Pferde waren ebenfalls nicht im besten Zustand gewesen und brachen auf dem Weg nach Leningrad tot zusammen. Die toten Pferde wurden vor Ort zerlegt und das Fleisch dann mit den anderen Fuhrwerken nach Leningrad transportiert. Die berühmte "Straße des Lebens" (offizielle Bezeichnung "Militärische Autostraße Nummer 101") war die einzige Hoffnung der Bewohner Leningrads. Die ersten LKWs rollten am 22. November 1941 über das Eis; einige Fahrzeuge brachen ein und versanken im Ladogasee. Am folgenden Tag wurden große Schlitten an die Lastkraftwagen gehängt und damit das Gewicht besser zu verteilen bzw. das Risiko für die Fahrer zu verringern. Vom 22. November bis zum 1. Dezember erreichten 800 t Mehl Leningrad, 40 LKW gingen durch Luftangriffe, Bodenbeschuss und dem dünnen Eis verloren. Man demontierte sogar von den Bahnhöfen die Gleise und transportierte diese dann zum Ladogasee um diese dort über den See für eine Eisenbahnverbindung zu verlegen. Die Eisenbahntrasse wurde aber nicht gebaut, denn es gab im Winter Russlands oftmals kurze Tauwetter-Abschnitte und daher verzichtete man vorerst darauf den Plan umzusetzen. Nicht nur der Hunger und die Kälte waren ein Problem, die Stromversorgung musste auf ein Minimum reduziert werden und so stellten viele Fabriken ihre Produktion ein ebenso blieben die Straßenbahnen in ihren Depots. Jetzt war jeder Leningrader gezwungen seine Arbeitsstelle zu Fuß zu erreichen, was eine weitere Kraftanstrengung bedeutete. Es gab nur noch dauerhaft Strom für den Generalstab, den Smolnij, die Distriktausschüsse, der Luftabwehrstellungen und weitere militärische Einrichtungen. Die Wohnhäuser und Behörden erhielten während der Nachtstunden keinen Strom mehr und in vielen Wohnhäusern wie auch Büros fiel damit die Zentralheizung aus. Obwohl die Leningrader kaum noch Energie und Rohstoffe zur Verfügung hatten und insgesamt etwa 270 Betriebe geschlossen wurden, produzierten die wichtigsten Industriebetriebe (Kirow, Ischorskij-Werk und die Admiraltejskij-Werft) weiterhin wichtige Rüstungsgüter; den Strom lieferten oft selbst gebastelte Generatoren die zum Beispiel mit Fahrrädern Strom erzeugten. Bis zum Ende des Jahres 1941 wurden in den verbliebenen Fabriken ca. 318 Flugzeuge, 713 Panzer, 6 Panzerzüge, 480 Panzerwagen, ca. 3 000 Artilleriegeschütze unterschiedlichen Kalibers, etwa 2 500 Flammenwerfer, 10 500 Maschinengewehre und eine große Menge an Munition hergestellt.

 

 

 

( Der Hunger war allgegenwärtig )


Der Arbeiter A.Tichomirow sagte später in seinen Erinnerungen:

Ich ging durch eine der Gießereien. Das eine Ende der Halle war ganz dunkel, aber hinter einer dicken Ziegelwand war die andere Hälfte von den Flammen der offenen Hochöfen glühend rot erleuchtet. Die Hitze war unerträglich. Im Feuerschein bewegten sich dunkel und unheimlich menschliche Schatten. Es waren hauptsächlich Frauen. Mädchen, mit geflickten Baumwollstrümpfen an den dünnen Beinen, krümmten sich unter dem Gewicht der riesigen Trauben hochroten Stahls, die sie mit Zangen hielten. Dann sah man und beim Zuschauen fühlte man ihre verzweifelte körperliche Anstrengung und Willenskraft-, wie sie ihre schlanken, beinahe kindlichen Arme erhoben und die rotglühenden Trauben unter einen gigantischen Stahlhammer schleuderten. Große rote Metallsplitter zischten durch das rötliche Halbdunkel, und die ganze Gießerei erzitterte unter dem ohrenbetäubenden Lärm und Getöse der Maschinen."

Die Erinnerung eines Fabrikdirektors :

"... Wir arbeiteten unter wirklich höllischen Bedingungen, mit acht Grad Frost in den Werkstätten und 14 Grad im Büro. Wir hatten Öfen, die die Luft in einem Umkreis von einem halben Meter erwärmten. Aber unsere Leute arbeiteten trotzdem. Und sie waren hungrig, entsetzlich hungrig... Ich kann nicht verstehen, wie man so viel Willenskraft, so viel Charakterstärke aufbringen konnte. Viele, die vor Hunger kaum gehen konnten, schleppten sich täglich zu Fuß in die Fabrik, acht, zehn, sogar zwölf Kilometer weit...
Irgendwie spürten die Menschen, wenn es ans Sterben ging. Wie viele Arbeiter kamen ins Büro und sagten: "Chef, ich werde heute oder morgen sterben." Wir schickten sie ins Krankenhaus, aber sie starben immer. Die Leute aßen alles Mögliche und unmögliche: Kuhfladen und Mineralöle, sogar Kleister. Die Leute versuchten sich mit heißem Wasser und Hefe durchzubringen. Überall waren Leichen.
Einige Leute waren vom Hunger so geschwächt, dass wir im Werk Herbergen einrichten mussten, wo sie dann bleiben konnten. Anderen, die zu Hause wohnten, erlaubten wir, nur zweimal in der Woche zu kommen... Ende November mussten wir eine Versammlung einberufen, um eine Herabsetzung der Brotration von 400 auf 250 Gramm für Arbeiter und auf 125 Gramm für andere mitzuteilen. Sie nahmen es ruhig hin, obwohl es für viele das Todesurteil war."
Die Arbeiter waren keine Soldaten; 69% waren Frauen und Mädchen- meist junge Mädchen. Sie wussten, dass es hier so schlimm war wie an der Front. In gewisser Weise sogar schlimmer."

In den Universitäten und Schulen wurde der Unterricht weiterhin aufrechterhalten. Leningrad wurde von der deutschen Artillerie bis zum 30. November 1941 insgesamt 430 Stunden lang beschossen. Teilweise musste die Bevölkerung 24 Stunden in den Luftschutzräumen ausharren. Insgesamt wurden durch Artilleriefeuer 681 Menschen getötet und 2 269 verletzt. In der NS - Wochenschau erfuhr man nichts davon, zeigte zwar den Beschuss der Stadt, aber nur als die Folge von Kampfhandlungen.

"Stalin habe jedes Haus in eine Festung verwandelt und damit Leningrad der Vernichtung preisgegeben."

Stalin soll sogar geäußert haben, dass die Einwohner der Stadt Lenins den Faschisten mal zeigen sollten wozu sie fähig seien. Auf seinen Befehl wurden dann die Bürger zur Volksmiliz eingezogen, mit dem Ergebnis, das die verstärkte Waffen und Munitionslieferungen zu einem Absenken der Brotzufuhr führte. 80% des nach Leningrad transportierten Nachschubes waren Waffen, Munition und anderes Gerät; die restlichen 20% waren nur für Nahrungsmittel vorgesehen. Was machte der 1. Parteisekretär Schdanow? Er bedankte sich, wie es sich für einen treuen Parteigenossen gehörte, bei Stalin, das die Leningrader die "Ehre" erhielten, die Stadt Lenins verteidigen zu dürfen, um so zu verhindern, dass diese den "Hitlerfaschisten" in die Hände fiel. Schdanow musste sich ja auch keine Sorgen machen, denn er wusste ja inzwischen, dass die Deutschen die Stadt nur abschnüren wollten.

 

 

( Die Kälte ist überall; nicht nur auf der Straße )

Der Hunger und die Arbeit waren nicht das einzige was das Leben in der Stadt so beschwerlich machte, zu Hause saß der Leningrader in seiner kalten Wohnung und fror auch dort. Um es wenigstens etwas warm zu haben, verbrannten die Leningrader nach und nach ihr Wohnungsinventar. Alles was brannte wurde verheizt Stühle, Tische, Bänke, Bettgestelle, Bücherregale mit samt den Büchern, die Fußbodendielen wurden meist als letztes herausgerissen. Ende November war in vielen Wohnungen oft nichts mehr zum Verheizen gewesen und der kalte Winter hatte gerade erst begonnen. Wie sollte man bis zum Frühling durchhalten? Das Fehlen von Brennmaterial führte auch dazu, dass die Leningrader ihre kärglich zugeteilten Nahrungsmittel nicht mehr kochen konnten und so wollten die Einwohner der Stadt nur noch Brot, Fischkonserven und Büchsenfleisch.
Man kann neben der deutschen Kriegsführung jetzt auch die sowjetische Seite betrachten. Die Leningrader hatten ihre jämmerliche Situation auch ihrer eigenen Führung zu verdanken, denn ein Evakuierungsplan war entweder nicht vorbereitet oder geplant gewesen. So wurde mit der längst fälligen Evakuierung zu spät begonnen. Wer glaubte, dass nun die schreckliche Lage die stalinistischen Repressionen, die es schon gegenüber der Bevölkerung gab, beenden würde, der täuschte sich. Der NKWD suchte und bestrafte weiter die angeblichen Verräter und Versager, während sich die ausgezehrten Einwohner hauptsächlich um ihr Überleben kümmerten. Keiner war vor der Geheimpolizei sicher, jeder vom gewöhnlichen Bürger bis zum Kader von Partei und Armee musste um sein Leben bangen.

Dmitri Lichatschow ein junger Sprachwissenschaftler schrieb damals:

"Wir wurden zweifach belagert, von innen und von außen"

Der Dezember begann so, wie der November endete. Die Kälte setzte den geschwächten Einwohnern weiter zu. Die über die Straße des Lebens in die Stadt transportierten Lebensmittel reichten nicht aus um wenigstens die Ernährungslage zu verbessern. Jetzt wurden endlich die ersten Zivilisten aus der Stadt evakuiert. Diese zu spät eingeleitete Maßnahme konnte jedoch nicht verhindern, dass die Lebensmittelrationen noch einmal reduziert werden mussten.


 
niedrigste Tagesration
 
Arbeiter,
Ingenieure
Büroangestellte
Abhängige
Kinder
Brot
255 g
125 g
125 g
125 g
Fett
20 g
10 g
7 g
17 g
Fleisch
50 g
30 g
15 g
15 g
Getreideprodukte
50 g
33 g
20 g
40 g
Zucker und Süsswaren
50 g
33 g
28 g
40 g
 
Gesamt
425 g
231 g
195 g
237 g
 

 

( Der letzte Gang )

Die Zahl der Toten stieg im Vergleich zu den Vormonaten nun drastisch an. Jedes Kind, das im Hungerwinter 41 geboren wurde, hatte die geringste Überlebenschance. Die Kleinkinder erreichten nur noch selten das Einschulungsalter. In den Straßen Leningrads sah man immer öfter die Leichen von Verhungerten liegen, obwohl es in vielen Stadtteilen Sammelplätze gab, wo man die Toten verwahrte um diese dann später in Sammelgräbern zu begraben. Es gab in Leningrad keine Särge mehr und so steckte man die Toten in alte Säcke und zog diese dann auf Schlitten hinter sich her. An den Sammelplätzen wollte dann jeder seinen Sack wieder haben, jedem war klar, dass er diesen noch gebrauchen konnte. Die Pioniere mussten sogar Löcher in den gefrorenen Boden sprengen, um so genug Platz für die Toten zu beschaffen. Die Sanitäter, welche die Toten und Entkräfteten von den Straßen Bergen sollten, schafften es kaum noch umgehend alle schnellstmöglich abzutransportieren. Viele Leningrader ließen im Winter ihre Toten bei sich zu Hause liegen, so zum Beispiel die Schriftstellerin Vra Ketlinskaja, die in ihrer vereisten Wohnung das Buch "Die Belagerung" schrieb während im Nebenzimmer ihre erfrorene Mutter lag. Dies war in jenen Tagen üblich, weil die Entkräfteten keine Energie mehr hatten um ihre toten Angehörigen zu den Sammelplätzen zu bringen. Doch nicht jeder hungerte, die Lebensmittelverteilung orientierte sich noch am Rationierungssystem in den sowjetischen Großstädten der 1930er-Jahre. Den Parteifunktionären ging es in der Stadt noch relativ gut, für ihr Wohlergehen wurden Sonderrationen mit Wurst, Milch, und Pfirsiche eingeflogen und eine Fabrik stellte für die Rote Oberschicht sogar Rumkugeln her, damit die Herren auch was Süßes bekamen. Der einfache Genosse musste für solche Leckereien auf dem Schwarzmarkt seine Ersparnisse opfern. Auch die "Straße des Lebens" war ein Ort wo man sich durch den Schwarzmarkt eindecken konnte, obwohl die Todesstrafe drohte, tauschten viele LKW-Fahrer Zigaretten, Brot oder Mehl für eine Evakuierungsfahrt über das Eis. Am 17. Dezember beschoss die Wehrmacht 18 Stunden 30 Minuten pausenlos Leningrad.
Gegen Ende des Jahres 1941 gelang es der Roten Armee in der Schlacht um Tichwin die Wehrmacht zum Stehen zu bringen. Der Winter 1941/42 war auch für russische Verhältnisse sehr kalt gewesen, die Temperaturen fielen oft bis auf - 30°C und an einigen Tagen war es noch kälter. Die Luftwaffe hatte bis zum 31. Dezember 1941 insgesamt 66.200 Brand- und 3.499 Sprengbomben auf Leningrad abgeworfen. Stalin war nicht gewillt die Stadt der Oktoberrevolution aufzugeben und daher war klar, dass es ein Kapitulationsangebot niemals geben wird. Die Rote Armee erhielt von ihm persönlich den Befehl die Stadt unter allen Umständen zu halten. Eine Situation des privaten Lebens in der eingeschlossenen Stadt schilderte Jelena Kotschina, die ihren Mann verdächtigte, dass dieser sich an den von ihr versteckten Nahrungsvorräten zu schaffen machte, die für ihre Tochter aufgehoben werden sollten. Nach jeder Zuteilung versteckte sie immer ein paar hundert Gramm Hirse wenn sie die Wohnung verließ. Doch ihr Mann fand immer die versteckten Vorräte. Sie berichtete aus jenen Tagen:

"Im Dezember gab es bis auf den täglichen Brocken Brot nur noch aus Tischlerleim gemachte Suppe. Dima aß mit einem Teelöffel, um den Genuss hinauszuzögern, war aber dennoch früher fertig als sie. Auf ihrer Brotkruste kauend, bemerkte Jelena den hasserfüllten Blick ihres Ehemanns. ‚Du isst absichtlich langsam!’, rief er plötzlich böse. ‚Du willst mich quälen!’ Er funkelte mich an, und seine Augen waren bleich vor Wut. Ich fürchtete mich. Hatte er den Verstand verloren?"

 

 
Todesfälle 1941
Oktober
November
Dezember
6.199
9.183
39.073


1942

1942 - Das Sterben geht weiter

 

 

 

( 1942 in Leningrad, Wasserbeschaffung aus der Newa )

Das Sterben ging 1942 weiter, besonders im Januar und Februar sollen 200.000 Einwohner der Kälte und dem Hunger zum Opfer gefallen sein. Während der Blockadezeit schrieben viele Leningrader ihre Erlebnisse nieder. So auch die 16 Jahre junge Ljuba Tereschenkowa:

"Unser Lehrer arbeitete verantwortungsvoll, bis er merkte, dass er nicht mehr gehen konnte. Er bat um ein paar Tage Urlaub in der Hoffnung, dass seine Kräfte zurückkehren würden. Er blieb zu Hause und bereitete die Lektionen für das nächste Schuljahr vor. Er las weiterhin Bücher. So verbrachte er den 8. Januar. Am 9. Januar entschlief er sanft."

Alexej Schdanow setzte seine ganze Hoffnung auf die kalten Wintertage des Januars und Februars. Ein Winter mit kalten Temperaturen sorgte dafür, dass der Ladogasee Bombenfest zufrieren würde und man damit beginnen konnte Eisenbahngleise zu verlegen um dann unter Leningrader Verwaltung weitere Nahrungsmittel in die Stadt zu schaffen. Er wollte auch eine Stromleitung über den See legen lassen, die lang genug sein musste würde um Strom zu liefern bzw. während des Tauwetters im Eis quasi versinken würde und somit geschützt auch weiter Strom lieferte. Unerwartet trat nun ein weiteres Problem ein, die Konvois erreichten Leningrad nur noch sehr unregelmäßig. Was war passiert? Die Transporte fuhren zwar jede Nacht und mit Abblendlicht und außer Reichweite der deutschen Artillerie, doch nun erhielten die Nachschubkonvois immer weniger Benzin zugeteilt. Die Evakuierungen aus Leningrad wurden jetzt endlich planmäßig in die Tat umgesetzt und viele Einwohner verließen die belagerte Stadt mit den Lkws; wenn diese fuhren. Da es aber oft vorkam, dass die Lkw mit großen Verzögerungen eintrafen, erfroren viele die evakuiert werden sollten an den Sammelplätzen der Transporte. Tausende Einwohner Leningrads versuchten auf eigene Faust sich zum Ostufer durchzuschlagen und überquerten den Ladogasee zu Fuß. Viele starben noch bevor sie in Sicherheit waren. Eine wirkliche planmäßige Evakuierung der Leningrader Bevölkerung gelang erst mit dem Einsatz von Bussen am 22. Januar.


 
Anzahl der Evakuierten
Januar 11.000
Februar 117.000
März 221.000
April 163.000
 
Gesamt 512.000

Während der großen Kälte froren immer mehr Wasserleitungen ein und die geplatzten Abflussrohre zwangen die Leningrader mit Eimern das Wasser aus der Newa oder den zahlreichen Leningrader Bächen zu holen. Die schlechte Qualität des Wassers steigerte die Gefahr von Krankheiten und Epidemien. Am 7. Januar 1942 begann die Wolchow-Front (4., 52. und 59. Armee sowie 2.Stoßarmee), unter dem Kommando von Kirill Merezkow, ihre Gegenoffensive. Von Anfang an schlecht vorbereitet, wurde der Aufmarsch ohne Tarnungsversuche durchgeführt. Beim Angriff traf die Rote Armee auf eine gut organisierte Verteidigung und es gelang erst am 17. Januar die deutschen Verteidigungslinien zu durchbrechen. Die Verlegung der Gleise auf dem Ladogasee lag weit unter den Erwartungen Schdanow. Die völlig entkräfteten Menschen taten was sie konnten, aber die Unterernährung und die Kälte machten nur noch langsame Bewegungen möglich. Hinzu kam die Tarnung, die Bahntrasse musste zusätzlich mit Schnee bedeckt werden damit diese vor der deutschen Luftaufklärung verborgen blieb. Alexej Schdanow war klar in diesem Tempo würde die Eisenbahnlinie erst beim Einsetzen des Tauwetters fertig werden und die Arbeit wäre dann umsonst gewesen. Wieder einmal wurden 28.000 Leningrader zum Bau herangezogen, besonders junge Frauen und halbwüchsige Jugendliche. Jeder sollte eine Zusatzration von 100 g Brot erhalten, wenn es ihnen gelang mindestens 3 km Gleis zu verlegen. Die Aussicht, dass mit der Eisenbahn auch mehr Nahrungsmittel nach Leningrad gelangen würden, motivierte die Leningrader zusätzlich. Am 28. Januar 1942 waren die Arbeiten abgeschlossen und der erste Zug rollte in Richtung Leningrad. 1480 Leningrader sind bei den Arbeiten, die nachts und bei Temperaturen von - 40°C durchgeführt wurden, gestorben.

 

 

( Eine Okt. Zh. D. EM 721-83, dieser Loktyp zog die Güterzüge über den zugefrorenen Ladogasee )

Die Züge konnten ebenfalls nur nachts fahren damit diese nicht von der Deutschen Luftaufklärung entdeckt werden konnten. Die Versorgungslage verbesserte sich spürbar, wenn auch die Güterzüge mehr Kriegsmaterial als Nahrungsmittel transportierten. Allerdings wurden auch die aus den drei Brotfabriken demontierten Teigknetmaschinen wieder nach Leningrad zurück gebracht. Jede Nacht rollten nun 4.000 bis 5.000 Tonnen Nachschub in die Stadt. Die Rationen wurden zum ersten Mal wieder erhöht und so erhielten die Arbeiter wieder 600 Gramm Brot zugeteilt. Ein Problem hatte Leningrad zu diesem Zeitpunkt noch und Alexej Schdanow musste seine Idee mit der Stromleitung noch in die Tat umsetzen. Wieder einmal stellte er Arbeitsbataillone zusammen, um seinen Plan in die Wirklichkeit umzusetzen. Die kleinen noch vorhandenen städtischen E-Werke konnten immer wieder nach den Bombenangriffen instand gesetzt werden. Das nächste Kraftwerk war 150 km entfernt und lag am Stadtrand von Wolchow. Dieses Werk belieferte Schlüsselburg (Petrokrepostj) schon vor dem Krieg mit Strom. Die deutsche Wehrmacht konnte allerdings diese Stromleitung unter ihre Kontrolle bringen und kontrollierte das Gebiet um Schlüsselburg im Osten und Lipka im Westen. Die einzige Möglichkeit bot sich nördlich von Lipka, dort konnte man die Stromleitung auf sowjetischem Gebiet anzapfen und ein neues Stromkabel unter dem See nach Leningrad verlegen. Jeden LKW und Kleintransporter ließ Schdanow beschlagnahmen und da man Benzin brauchte, sollte auch gleich noch eine Benzinleitung auf dem Seegrund verlegt werden. Nach Schdanows bewährtem Muster ließ er abermals Arbeitsbataillone aufstellen, die ihre Arbeiten sofort aufnehmen sollten. 3.800 Arbeiter meist Frauen und 14 jährige Kinder schafften es in einer dreiwöchigen Nachtarbeit eine Rohrleitung für das Benzin und das Stromkabel zu verlegen. Natürlich mussten diese Leitungen getarnt werden, an Land wurden die Leitungen sorgfältig vergraben. Die eingeleiteten Maßnahmen verbesserten zwar etwas die Lage in der Stadt, doch der Hunger blieb weiterhin der Hauptbestandteil des alltäglichen Lebens. Die Kinderschlitten dienten jetzt in Leningrad nicht mehr zum Wintervergnügen, sondern waren jetzt ein wichtiges Transportmittel geworden. Mit ihnen transportierte man Wasser, Brot und Leichen. Es wurde weiter gestorben, die Menschen brachen im kalten Winter zusammen und blieben dann an Ort und Stelle liegen. Man lebte mit den Toten in den Wohnungen, weil viele einfach nach der Arbeit und dem Kampf ums Überleben keine Kraft mehr hatten ihre Verstorbenen auch noch zum Friedhof zu bringen. Alles was nur essbar war wurde auch im Winter 1942 verzehrt; Klebstoff, Schmierfett; Tapetenkleister und Lederwaren wurden ausgekocht. Oft hörten sie von ihren hungernden Kindern "Mamka, gib Brot!". Viele Mütter teilten noch ihre Brotrationen und gaben sie den Kindern, auch mit dem Bewusstsein, dass es ihr eigenes Ende bedeuten könnte. Am Stadtrand türmten sich die Leichen, die man erst begraben konnte nachdem der Steinharte Boden aufgetaut war.
Die öffentliche Ordnung brach zunehmend zusammen, dem Militärberichterstatter Tschakowski erzählte Petr Popkow:

"Neben der Nahrungsmittelversorgung war seine Hauptaufgabe der Kampf gegen Plünderer und Marodeure."

 

 

( Leningrad nach einem Bombenangriff )

Immer mehr Fälle von Kannibalismus wurden bekannt, Ende Februar stieg diese Zahl auf 1025. Die speziell aufgestellten Komsomolzenbrigaden, meist junge Frauen, durchsuchten täglich mehrere hundert Wohnungen nach Waisenkindern, doch oft lebte in den Wohnungen keiner mehr. Der harte Winter ging langsam zu Ende und der Frühling kündigte sich an. Im vergangenen Winter 41/42 konnte der Schulbetrieb in Leningrad aufrechterhalten werden. Die Hochschulen und wissenschaftlichen Institute blieben ebenfalls geöffnet. 1.000 Hochschullehrer unterrichteten während des Blockadewinters und 2.500 Studenten konnten ihr Studium abschließen. 39 Leningrader Schulen setzten ebenfalls den Schulbetrieb fort und so konnten 532 Schüler die 10. Klasse abschließen. In den Rüstungsbetrieben Leningrads ging unterdessen die Arbeit weiter und die dort hergestellten Panzer fuhren von den Fabriken direkt an die Verteidigungsfront. Das Tauwetter bedeutete auch, dass der Nachschub wieder fast zum Erliegen kommen würde. Die im Winter auf dem Ladogasee verlegten Gleise mussten wieder entfernt werden, wollte man vermeiden das diese im See versanken. Die Brotrationen wurden umgehend wieder auf 250 g abgesenkt und nun wurde das Brot wieder gestreckt. Immer weniger Mehl wurde verwendet und das Brot bestand mehr aus einer klebrigen Masse von Kleie, Schrot und Strohhäcksel. Die Sterberate stieg durch den geringen Nährwert wieder an.
Die beiden Nachbar - und Fabrikarbeiterinnen Lydia Warwara Sarkowa und Anna Petrowna Kruglowa gingen morgens untergehakt zur Arbeit. Auf dem Weg dorthin stützten sich die beiden um nicht durch den Hunger das Gleichgewicht zu verlieren und hinzufallen. In der Fabrik brach Anna, Mutter von zwei noch lebenden Kindern (zwei weitere waren verhungert), am Arbeitsplatz zusammen. Ihre Kolleginnen wollten sie wieder aufrichten, aber sie lehnte dies ab und sagte zu ihrer Wohnungsnachbarin Lydia :

"Lydia, sag den Kindern, ihre Mutter kommt nie wieder nach Hause! .... "Sorg´ dafür, dass die Kinder ins Waisenheim gebracht werden!"

Danach verstarb sie.

Das Stromkabel auf dem Grund des Sees versorgte die Fabriken. Die Folge der verbesserten Energiesituation bedeutete für die Arbeiter Leningrads, dass ihre Arbeitszeit von 12 Stunden auf 14 Stunden am Tag erhöht wurde. Man begründete die Erhöhung der Arbeitszeit mit der geringen Produktivität und weil die fast schrottreifen Maschinen jeden Tag vier bis sechs Stunden am Tag repariert werden mussten. Ein normaler Schichtbetrieb war eben nicht mehr möglich und so wurde solange gearbeitet bis nichts mehr ging. War die Maschine kaputt gingen die Arbeiter in den Feierabend und die Reparaturbrigade versuchte dann diese wieder einsatzbereit zu machen.

 

 

( Leningrader Blockade )

Die Leningrader hofften nun, dass durch das bessere Wetter die Wolcho-Front bald eine Offensive zur Befreiung der Stadt beginnen würde. Auf der deutschen Seite wollte man, nachdem die Offensive der Roten Armee abgewehrt wurde, wieder im Frühjahr 1942 aktiv werden. Adolf Hitler wollte im Jahr 1942 Leningrad nun doch erobern lassen, aber jetzt reichten die Kräfte nicht mehr aus, um den ursprünglichen Plan umzusetzen. Man wollte die Umklammerung der Stadt enger ziehen. Es gelang den Verteidigern Leningrads diese Angriffe abzuwehren. Am 30. April 1942 musste die Wolchow Front ihre Offensive einstellen und Leningrad blieb weiter eingeschlossen. Die schlechte Vorbereitung der 1. geplanten Offensive zur Befreiung Leningrads hatte zur Folge, dass die Rote Armee insgesamt 326.000 Mann verlor. Diese Offensive war aber nur der Anfang, weitere Offensiven sollten noch folgen. Während der Blockade und der schlechter werdenden Lebensbedingungen, kam es in Leningrad weder zu Unruhen oder Hungerprotesten. Die Behörden halfen wo es nur ging und die harten Strafen waren zum großen Teil auch ein Garant für den Erhalt der Ordnung gewesen. Das Strafsystem kannte keine Gnade, wer ein halbes Pfund Brot stahl wurde erschossen. Es gab in Leningrad auch eine freiwillige Hilfsbereitschaft. Sehr oft halfen die müden und erschöpften jungen Mädchen ihren Mitbürgern, die schrecklichen Schwierigkeiten zu überwinden. Sie halfen beim Holzhacken und feuerten die kleinen Öfen in den Wohnungen an oder holten das Wasser Eimerweise aus der Newa. Im Mai 1942 war das Eis auf dem Ladogasee komplett geschmolzen und nun mussten die Schiffe und Boote die Stadt wieder mit Nachschub versorgen und die Bevölkerung evakuieren. Die gelieferten Güter reichten wieder bei weitem nicht aus um die Stadt ausreichend zu versorgen. Der kalte Winter war zwar zu Ende gewesen und in den Wohnungen wich langsam die Kälte aber auch im Frühling ging das Sterben weiter. So schrieb die 11- Jahre alte Tanja Sawitschew in ihr Tagebuch:

" 28. Dezember 1941, Schenja (die Schwester) ist heute kurz nach Mitternacht gestorben. Oma ist am Nachmittag gegen drei Uhr gestorben, wir haben den 25. Januar 1942. Ljoka um fünf Uhr morgens gestorben, am 17. März 1942. Onkel Wassja um zwei Uhr nachmittags am 13. April 1942 verstorben. Onkel Ljoscha haben wir heute um vier Uhr nachmittags für immer verloren. 10. Mai 1942. 13. Mai 1942, Mutti gegen acht Uhr früh gestorben. Jetzt sind fast alle tot. Nur ich bin übrig geblieben. Was soll nun werden? "

Bis zum November 1942 wurden ca. 449.000 Personen aus Leningrader Kessel evakuiert. Im Juni wurde bei einem Gegenangriff der Wehrmacht die 2. Stoßarmee, die während der sowjetischen Offensive eingekesselt wurde, vernichtet.
Die erste Jahreshälfte war vorbei und die Behörden meldeten 1.216 Menschen wegen Mordes verhaftet. Die Morde geschahen aus vielen Gründen, Lebensmittel, Bezugskarten, und Kannibalismus.


 
Todesfälle 1942
Januar
Februar
März
April
Mai
Juni
96.751
96.015
-----
64.294
49.794
33.668
 

Die Propagandaschlacht war ebenfalls voll im Gange. Die Luftwaffe warf Flugblätter über Leningrad ab, während die sowjetische Führung die Leningrader mit Hilfe von Lautsprecherdurchsagen und im Rundfunk zum Durchhalten aufrief. Besonders die in der Stadt gebliebenen Schriftsteller wurden dem Rundfunk oder den Armeezeitungen zugeteilt. Radio Leningrad sendete nicht nur Nachrichten, sondern auch Musik und natürlich durften auch die Reden der kommunistischen Parteiführer nicht fehlen. Viele Lyriker lasen ihre Gedichte im Radio vor und wurden dadurch sehr populär. Olga Bergholz (1910–1975) schrieb während der Blockade Gedichte, die von großer emotionaler Stärke geprägt waren und wurde wie eine Heilige verehrt. Natürlich war diese Frau keine Heilige, sie war oft betrunken und nach dem Krieg wurde sie einmal in die KGB-Zentrale im Litejnyi Prospekt als Ehrengast eingeladen, um dort ihre Gedichte vorzutragen. Angetrunken betrat sie das Gebäude und bevor sie ihren Mantel ablegte fragte sie:

Los, Leute, zeigt mir, wo ihr derzeit foltert!

Auch die Theater und spielten die ganze Zeit durch und lenkten die Bevölkerung etwas von dem alltäglichen Elend ab. Die 18 Jahre Junge Telegrafistin Jewgenia Alexandrowna Bakasowa erinnerte sich an jene Tage:

"Ein Freund, wie ich 18 Jahre alt, ging eines Abends auf die Straße und erfror."
"Man hatte sich so daran gewöhnt, dass man die Leichen auf der Straße gar nicht mehr sah".
"Wir wussten, es kann jeden Tag zu Ende sein. Nur die tägliche Arbeit hat uns abgelenkt."

Die Telegrafistinnen arbeiteten je nach Personalbestand im zwei oder drei Schicht System.

"Stalin sprach mit Schdanow – dem Leningrader Parteichef – immer erst zwischen 23 und 2 Uhr in der Nacht, dann war die Verbindung besser."

Dimitri Schostakowitsch war in Leningrad geblieben und komponierte die ersten beiden Sätze seiner siebten Symphonie, die als "Leningrader Symphonie" bekannt wurde. Später wurde er aus Leningrad evakuiert. Dirigent Karl Eliasberg führte das Werk am 9. August 1942 mit 15 Überlebenden des Rundfunkorchesters, Angehörigen von Militär- und sonstigen Kapellen auf. (andere Quellen geben den Juli 1942 und den 8. August 1942 an)
Es war aber nicht nur die Propaganda, die den Leningrader oft half alles Erlittene zu ertragen. Auch die kleinen Dinge des gewohnten früheren Lebens halfen oft die Moral in der Stadt aufrecht zu erhalten. Wenn die Straßenbahn nach einem Luftangriff wieder fuhr, wurde sie auf den Straßen beklatscht und gestreichelt. Aber der stalinistische Unterdrückungsapparat setzte seine Arbeit weiter fort. Jedes in die Öffentlichkeit verbreitete falsche oder wahre Gerücht wurde bestraft, Telefone wurden abgeschaltet und Radios beschlagnahmt. Wie es um die Bevölkerung wirklich stand, erfuhren die Militärzensoren, die jeden Brief der die Stadt verließ lasen und wenn nötig nicht weitersendeten. Viele Leningrader schrieben nicht die erwarteten oder erhofften Kampfbriefe aus der Stadt, sondern ließen oft ihrer Wut freien Lauf. So lasen die Zensoren Sätze wie:

"Wir haben uns in eine Horde von Bestien verwandelt"; "die Straßen seien Alleen des Todes"; "Briefschreiber plädierten für "Hungerrevolten" und "Volksaufstand"

Die Hausfrau Kornetova schrieb wütend:

"Unsere Führer haben das Volk dahin gebracht, dass die Menschen die eigenen Kinder töten und verspeisen. Wir Dummköpfe sitzen da und schweigen."

Die Heeresgruppe Nord wollte im September 1942 mit dem "Unternehmen Nordlicht" Leningrad erobern, doch bereits im August 1942 begann die zweite Offensive, die als "Erste Ladoga-Schlacht" bezeichnet wurde. Zuerst griff die Leningrad Front die deutschen Stellungen an und einige Tage später begann ein zweiter Angriff durch die Wolchow Front. Die für die deutsche Offensive aufmarschierte 11. Armee, unter General Erich von Manstein, musste nun die in den Raum Mga–Schlüsselburg verlegt werden. Die Deutschen Einheiten erlitten während der Kämpfe so große Verluste, dass es unmöglich war einen Angriff auf Leningrad noch im Jahr 1942 durchzuführen. Im Oktober 1942 musste die Rote Armee ihre Offensive einstellen, wieder war es nicht gelungen nach Leningrad durchzubrechen. Das Jahr 1942 ging zu Ende, die Versuche der Luftwaffe die Ölleitungen zu zerstören waren gescheitert. Wieder wurde es Winter und die LKW konnten den See wieder befahren. Die Gesamtzahlen der Toten des Jahres 1942 können unterschiedlicher nicht sein, eine Quelle gibt 312 000 Hungertote an eine andere erwähnt 650.000. Die Zahl der Verdächtigen welche angeblich Menschenfleisch aßen, stieg auf 2015 bis zum Ende des Jahres 1942 an. Die Korruption blieb ein weiteres Problem, man sagte den Verkäuferinnen nach "für Brot bekommen sie alles, was sie haben wollen. Fast alle tragen, ohne die geringste Scham, Gold und teure Pelze."


1943

1943 - Das letzte Jahr der Blockade

 

 

 

( Andrei Alexandrowitsch Schdanow )

Wieder fuhren im Winter 1943 die Lkws auf der "Straße des Lebens" Die Statistik ist aber nach allen aufgebrachten Leistungen doch ernüchternd, zwar wurden noch einmal mehrere tausend Tonnen Lebensmittel in die Stadt gebracht, aber jeder dritte LKW ging verloren. 550.000 Leningrader konnten die Stadt verlassen darunter besonders die Kinder, Frauen und verwundete Soldaten. Wieder einmal sorgte der Benzinmangel der LKW das die Versorgung Leningrads nicht reibungslos verlief. Schdanow war wütend auf die Verantwortlichen, denn es war ihre Aufgabe für einen reibungslosen Ablauf des Verkehrs auf dem Ladogasee zu sorgen. Sein Kommentar zu dieser Fehlleistung war deshalb auch klar und deutlich:

"Diese vollgefressenen, beschissenen Stutenärsche sitzen in ihren gut geheizten Unterkünften und können sich sogar noch den Luxus von einem großen Hund leisten! Aber ich werde diese Genossen mal nach Leningrad mitnehmen und ihnen hier ihre Arbeitsquartiere anweisen. Wenn sie eine Weile Leningrader Rationen zu fressen bekommen haben, werden sie sicherlich etwas bessere Leistungen vollbringen."

Andrei Alexandrowitsch Schdanow war zum Jahresbeginn klar, die Leningrader könnten noch einen Hungerwinter kaum durchhalten. Er setzte sich mit dem Armeestab der Leningrader Truppen zusammen und man einigte sich auf einen Angriff entlang des von den Deutschen besetzten Südufers des Ladogasees um dort die Verbindung mit der Wolcho-Front herzustellen. Dabei sollte vor allem die Kirowbahn zurück erobert werden, damit diese Leningrad wieder versorgen konnte. Damit der Plan gelingen konnte musste die Wolchow-Front ebenfalls angreifen. Schdanow fuhr persönlich mit einigen Stabsoffizieren über den zugefrorenen Ladogasee zum Hauptquartier der Wolcho-Front. Dort angekommen informierte er die dortigen Befehlshaber und sagte:

"Genossen, im Rahmen des vom Genossen Stalin mir anbefohlenen Vernichtungsschlag gegen die faschistischen Truppenverbände im Raum Petrokrepostj und Lipka habe ich mich entschlossen, am 12. Januar, Punkt 8.00 Uhr, anzugreifen! Sie sind natürlich herzlichst eingeladen! "

 

Kaum hatte er diese Worte gesprochen verließ er das Hauptquartier der Wolcho-Front und fuhr nach Leningrad zurück. Am 12. Januar pünktlich um 08.00 Uhr begannen die Leningrad - und Wolchow-Front die Operation Iskra. Dieser Großangriff hatte nur ein Ziel, es sollte nach fast zwei Jahren eine Landverbindung nach Leningrad geöffnet werden. Die deutsche 18. Armee verteidigte sich hartnäckig und um jeden Meter wurde gekämpft, dennoch konnte der Durchbruch am Ende nicht verhindert werden. Nachdem es den beiden russischen Frontkommandos gelang die deutschen Befestigungen auszuschalten, trafen sich die Angriffsspitzen beider Fronten am 18. Januar. Am 22. Januar 1943 begannen die Arbeiten an der Eisenbahnlinie nach Leningrad und ab dem 6. Februar rollten die Zügen wieder nach Leningrad; die Lage in der Stadt verbesserte sich dadurch deutlich. Die Artillerie der Deutschen hatte immer noch die Möglichkeit diese Landverbindung zu beschießen und stellte weiterhin eine Bedrohung dar. Die Sowjets hatten im Südosten des Landes ihren ersten großen Sieg in der Die Schlacht um Stalingrad errungen. Jedem in der Sowjetunion war bewusst geworden, dass die Wehrmacht zu schlagen war, was die Moral allgemein steigerte. Nun wollte man in der Stawka (Oberkommando) auch im Norden aktiv werden. Anfang Februar starte man die Operation Polarstern, mit dem gesteckten Ziel, die gesamte Front der Deutschen im Norden zu zerschlagen. Der Plan scheiterte am deutschen Widerstand und so konnte man den Landkorridor geringfügig erweitern. Angeblich soll Stalin aus Propagandagründen kein Interesse an einer schnellen Befreiung der Stadt kein gehabt haben, weil er das Schicksal in der belagerten Stadt weltbekannt machen und so Sympathie für die armen Russen erreichen wollte. Während der Blockade waren 1943 auch Filmteams in der Stadt unterwegs; der US- Propagandafilm "Why We Fight" von Frank Capra ("Arsen und Spitzenhäubchen") wurde in derselben gedreht und lief in den Kinos. Der Film zeigt einen idealisierten, heroischen Widerstand der Leningrader Zivilbevölkerung. Die gezeigten Bilder, besonders von gefangenen deutschen Soldaten, vermittelten außerhalb der Sowjetunion ein falsches Bild, die Wehrmacht war zu diesem Zeitpunkt vor Leningrad noch nicht besiegt worden. Nachdem man die Deutschen bei Kursk geschlagen hatte, wurde danach die dritte Ladoga Schlacht eröffnet und wieder hoffte man die Belagerung endlich beenden zu können. Der Kampfgeist war bei den Deutschen weiterhin ungebrochen und so errang die Rote Armee nur kleine Geländegewinne und die Blockade bestand bis auf die schmale Landverbindung weiter. Die Heeresgruppe Nord war durch die vorangegangenen Kämpfe, der allgemeinen Frontlage im Herbst geschwächt und musste durch den ungünstigen Verlauf des Ostfeldzuges ihre Divisionen an andere Großverbände und eine immer längere Frontlinie absichern. In Leningrad selbst bestimmte immer noch der Hunger das alltägliche Leben in der Stadt, obwohl die verbesserte Versorgungslage eine Zuteilung der Brotrationen auf 500 g für Arbeiter und 250 g für Nichtarbeiter angehoben wurde . Eine Näherin die sich mit einer Kundin im Herbst unterhielt antwortete ihr:

"Wir leben und wir sterben – der Tod nähert sich langsam, aber unvermeidlich"

und die Kundin erinnerte sich an diese Tage:

"Stumpf und hart sind sie geworden, wie ein träger Tümpel!

Die Einwohner Leningrad hatten sich durch die Blockade in ihren Lebenseinstellungen und durch die gemachten Erfahrungen verändert. Die Leningrader Rüstungsindustrie konnte zwar bis 1943 weiter kriegswichtiges Material herstellen, doch ihr Einfluss war bis zum Jahresende 1943 nicht Kriegsentscheidend gewesen. Seit dem Beginn der Blockade bis zum Jahresende, verstarben 666.438 Leningrader und die Einwohnerzahl war durch die Evakuierungen auf 600.000 abgesunken. Die Deutschen hörten auch nach den ersten Rückschlägen nicht auf die Stadt weiter zu beschießen und zu bombardieren. 1943 führte die Luftwaffe noch einmal 104 Luftangriffe durch und warf dabei etwa 600 Spreng- und mehr als 2 600 Brandbomben ab. Die deutsche Artillerie beschoss die Stadt ca. 561 Mal und etwa 67 000 Geschosse gingen auf Leningrad nieder.


1944

1944 - Die Blockadezeit ist vorbei; der Krieg jedoch nicht.

 

 

 

( Verleihung der Medaille "Für die Verteidigung Leningrads" )

Am 12. Januar 1944 begann die Leningrad-Nowgoroder Operation der Roten Armee, mit dem Ziel die Blockade endgültig zu durchbrechen. Die 2. Baltische Front begann den Angriff und stieß zunächst auf einen heftigen Widerstand in der Nähe von Nowosokolniki. Die 2. Stoßarmee der Leningrad Front griff am 14. Januar vom Brückenkopf Oranienbaum mit 44.000 Mann und 600 Geschützen an. Einen Tag später griff auch die 42. Armee der Leningrader Front an, welche dann am 16. Januar von der 59. Armee der Wolchow-Front unterstützt wurde. Gemeinsam gelang es am 17. Januar die vorderste deutsche Verteidigung Stellungen zu durchbrechen. Bei Krasnoje Selo, Ropscha und Urizk versuchte man auf deutscher Seite den Angriff von drei sowjetischen Fronten zum Stehen zu bringen. Zu diesem Zwecke verlegte man drei Infanteriedivisionen und Truppenteile der "11. SS-Freiwilligen-Panzergrenadier-Division "Nordland " an diesen bedrohten Frontabschnitt. Doch die Kräfte waren zu schwach um die Aufrechterhaltung der Blockade beibehalten zu können. Am 19. Januar erreichte die Rote Armee Krasnoje Selo und Ropscha und es gelang diese Städte zu befreien.
Nach aufgerundet 900 Tagen war die Blockade am 27. Januar 1944 endgültig beendet und die Leningrader könnten zum ersten Mal wieder feiern. Da sich die Versorgungslage nun verbesserte, erhielten die ausgezehrten Einwohner der Stadt nun eine Zusatzration von 250g Brot. Es ging in den folgenden Tagen nun stetig bergauf, neben den 750 g Brot gab es auch an immer mehr Ausgabestellen oder in den Kantinen der Fabriken zunehmend warmes Essen. Am 30. Januar 1944 genau elf Jahre nachdem Hitler in Deutschland die Macht an sich reißen konnte, stand die Rote Armee in Puschkin und Gattschina und erreichte den Fluss Luga. Der Januar war zu Ende und der Verkehr auf der "Straße des Lebens" konnte nun eingestellt werden. Von den einst 3,5 Mio. Russen, die im Leningrader Kessel eingeschlossen wurden, lebten nur noch 560.000 am Ende der Blockade in der Stadt. Die Stadt Luga wurde am 12. Februar, die Narwa und das Ostufer des Peipussees von der Rote Armee am 15. Februar 1944 erreicht. Einen Tag später wurde die Wolchow-Front aufgelöst und ihre Einheiten auf der Leningrad und der 2. Baltischen Front eingegliedert. In den nächsten Februartagen rückte die Leningrader Front bis zu den Pskow-Ostrow-Verteidigungslinien vor. Den Verbänden der Wehrmacht gelang es dort die Offensive zum Stehen zu bringen und so beendete man die Offensive am 1. März 1944. Leningrad war erlöst und es Bestand auch keine Gefahr mehr, dass die Stadt noch einmal belagert wird. Der Preis für die endgültige Auflösung der Blockade war hoch, 314.000 Soldaten, davon 77.000 Tote, betrugen die Verluste auf der sowjetischen Seite; die Heeresgruppe Nord verlor zwar 26 Divisionen, die nicht mehr ersetzt werden können, aber es gelang immerhin einen sowjetischen Durchbruch in den Süden zu verhindern und man konnte die Einkesselung der 18. Armee verhindern. Die 18. Armee zog sich geordnet auf die neue Panther-Wotanlinie zurück um dort den Kampf weiter fortzusetzen.

 

 

( Der Verlauf der Leningrad-Nowgoroder Operation / 12. Januar - 1. März 1944 )

Die Leningrader konnten seit langer Zeit wieder die Straßen benutzen ohne befürchten zu müssen, dass die Artillerie auf sie schoss. Doch der Blutzoll und die Zerstörung waren allgegenwärtig. Während der Blockadezeit waren über 102.520 Brandbomben und 4.653 Sprengbomben auf Leningrad abgeworfen worden. Es wurden dabei etwa 2 Mio. Quadratmeter Wohnraum, 526 Schulen und Kinderheime, 21 wissenschaftliche Institute und 101 Museen vernichtet. Weitere Gebäude, die zerstört wurden, waren das Botanische - und Zoologische Institut, große Teile der Leningrader Universität und 63 % der unter Denkmalschutz stehenden Häuser aus dem 18. und 19. Jahrhundert. Die berühmte Eremitage wurde ebenfalls von 32 Granaten und 2 Bomben getroffen. 30 000 m/2 Ausstellungsfläche und etwa 7 000 m/2 wurden beschädigt. Das berühmte Bernsteinzimmer ist bis auf wenige Teile komplett verschollen geblieben. Die Schäden Leningrads betrugen damals etwa 45 Milliarden Rubel und 1,1 Mio. Einwohner waren tot (verhungert, erfroren, getötet von Bomben und dem Artillerie Beschuss). Die Rote Armee verlor während der Kämpfe in und um Leningrad ca. 1 Mio. Soldaten. Allerdings waren diese Angaben damals nur grobe Schätzungen.
Die Blockade forderte aber noch weitere Opfer, Tanja Sawitschewa verstarb am 1. Juli 1944 an Entkräftung. Das Mädchen wurde während der Offensive Ende Januar 1944 von einigen Sanitätern entdeckt und dann mit 140 weiteren fast verhungerten Kindern in die Umgebung Gorkis evakuiert. Die Ärzte versuchten zwar alles doch sie konnten ihr nicht mehr helfen. Die Wyborg-Petrosawodsker Operation vertrieb die Finnen im Norden von Leningrad und am 15. Juli 1944 waren auch die Finnen keine Bedrohung mehr.

 

 

Die Blockadezeit in einer Nachbetrachtung.

 

 

( Briefmarke "Heldenstadt Leningrad " )

Die Massengräber Leningrads, zu erkennen an den Flachen Hügeln, tragen meistens die Jahreszahl 1942. Viele Grabfelder mussten noch mit der Jahreszahl 1945 versehen werden, diese Opfer waren meist später an den Folgen der Blockade gestorben. Seit dem 1. Mai 1945 ( Tag der Arbeit ) gehört Leningrad zu den Heldenstädten wie auch Odessa, Sewastopol, und Stalingrad. Weitere Städte erhielten diesen Titel Jahre später. Im selben Jahr wurde Leningrad der Leninorden verliehen. Der Wiederaufbau der Stadt ging langsam vor und die im Krieg unterbrochenen Bauvorhaben am Moskauer Prospekt wie auch der Bau des Stadtsowjets konnten abgeschlossen werden. Während der Nürnberger Prozesse wurde auch das Kriegsverbrechen Leningrad erwähnt, mit damals 600.000 geschätzten Toten. Die Anklage verwendete auch die Tagebücher der Leningrader Bevölkerung, darunter jenes der verstorbenen Tanja Sawitschewa. Sehr schnell nach dem Kriegsende schrieben mehrere Literaten die ungeschönte Wahrheit über das Überleben in der Stadt. Alexander Tschakowski, Olga Bergholz, Iwan Kratt oder Wera Inber waren dabei die bekanntesten Autoren. Stalin passten die ehrlichen Berichte nicht, da sie kein Heldenbild zeigten und nachdem die Buchautoren Alexei Kusnezow und Pjotr Popkow 1949 während der "Leningrader Affäre" zuerst verhaftet und danach hingerichtet wurden, begann Stalin eine "Säuberung" der Literatur. Die ungeschönte Wahrheit sollte nicht weiter veröffentlicht werden, da sie eine "aufrichtige und grausame" Wiedergabe der Ereignisse waren und die Bevölkerung authentisch eher "unpatriotisch" und "Ideologielos" darstellten. Die Zensur verließen nur Bücher die patriotisch und ideologisch korrekte Werke waren. Diese Zensur wurde bis in die 1980er Jahre aufrechterhalten. Seit dem Untergang der Sowjetunion sind diese Bücher wieder erhältlich. Das 1944 in Leningrad errichtete Blockade Museum passte den höheren Parteigenossen ebenfalls nicht und wurde zerstört. Ebenso erging es städtischen Parteiapparat, man entfernte die Genossen von ihren Ämtern, die Blockade Leningrads war nicht, nach Meinung der Werten Genossen, gesellschaftsfähig. Allein die Tagebücher, die sich oft im Privatbesitz befanden konnten, über die Jahre gerettet werden. Die Zahl der Opfer Leningrad während der Blockade in den Angaben schwanken gewaltig, von 649.000 bis zwei Millionen Russen.

 

 

( Gedenkstätte an die Belagerung Leningrads/ heute St. Petersburg. )

1964 gab es eine Anfrage der Schweden die in der Armeezeitung Roter Stern am 28. Juni 1964 folgendermaßen beantwortet wurde:

"Niemand weiß genau, wie viele Menschen in Leningrad und im Raum von Leningrad gestorben sind."

Nachdem Chruschtschow am 14. Oktober 1964 als Parteichef abgesetzt wurde, übernahm Leonid Iljitsch Breschnew das Amt des Ersten Sekretär des ZK der KPdSU. Der ehemalige Brigadekommissar und Kriegsteilnehmer sorgte, im Gegensatz zu seinen Vorgängern Stalin und Chruschtschow, dafür, dass der Kampf um Leningrad zum Heldenkampf der Genossen glorifiziert wurde. Leningrad erhielt Gedenkstätten, die zu einer Art Ersatzreligion ausarteten. Ein riesig angelegtes Mahnmal entstand im am südlichen Stadtrand der Stadt (nahe dem heutigen Flughafen Pulkowo); es war die Stelle an der die Wehrmacht ihre Offensive einstellte. Die Zeitschrift Osteuropa veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel "Leningrader Blockade", ganz im Stil einer neuen verklärten Geschichtsschreibung, wurde aus einem gewöhnlichen Hungertod, ein Heldentod und man schilderte dort nur zu gerne das kommunistische Ideal der Gleichheit im Zusammenhang mit dem Leiden der Stadt. Kein Wort darüber, dass die Parteibonzen es oft besser hatten als der gewöhnliche Genosse. Die damals von vielen Kameras geschossenen Bilder blieben weiter unveröffentlicht. Die authentischen Bilder passten nicht in das Konzept des verordneten "Heldenmythos"; zeigten diese Bilder nur zu oft Transporte von Kinderleichen auf Rodelschlitten, das Zerlegen erfrorener Pferde und die Hand eines Hungerkranken mit seiner Tagesration, einem Kanten Brot. Natürlich wurden nicht solche Bilder veröffentlicht, die nach einem der zahllosen Angriffe der deutschen Luftwaffe abgelichtet wurden. 20 Jahre nach dem Ende der Blockade konnte man in der "Prawda" (Wahrheit) lesen, das:

"die Welt noch nie eine ähnliche Massenvernichtung der Zivilbevölkerung, so furchtbare menschliche Leiden und Entbehrungen erlebt hat, wie sie das Schicksal den Leningradern aufgebürdet hat"

Die Heldenverehrung machte aus vielen gewöhnlichen Heerführern strategische Genies, die sie eigentlich nicht einmal Ansatz waren. Das Heldengeschrei auf die Rote Armee nahm teilweise sogar lächerliche Formen an, die Leningrader sind mit der Straßenbahn an die Front gefahren und wehrten dann die Angriffe ab. Dabei wurde wohl bewusst verschwiegen, dass die Deutschen die Stadt nicht angreifen wollten. Verschwiegen wurde auch, dass man kaum die Hoffnung hatte, im Falle eines Angriffes, Leningrad erfolgreich verteidigen zu können. Die kriegswichtigen Fabriken wurden vorsichtshalber aus der Stadt geschafft, wobei in Leningrad nur noch die schrottreifen Maschinen verblieben. Auf die Bevölkerung nahm man ebenfalls keine Rücksicht, da man auch Heizwerke und E-Werke aus der Stadt schaffen ließ. Die Leningrader hatten eigentlich nur einem Parteiangehörigen, der wirklich an ihre Situation dachte, Schdanow. Seiner Eigeninitiative ist es zu verdanken, das überhaupt eine Schienenverbindung gelegt wurde und er damit so die Versorgung noch einigermaßen sicherstellte. Der Partei war nur zu verdanken, dass diese weitere Versorgungslinie 80% Waffen und Munition in die Stadt lieferte und die Versorgung mit Nahrung nur zweitrangig war. Der Heldenmythos verschleierte ebenfalls, dass zunächst keiner nur einen Finger krumm machte um die Bevölkerung planmäßig zu evakuieren. Im klassenlosen System des Kommunismus wurden aber die Facharbeiter, weil man diese am dringendsten benötigte, aus der Stadt evakuiert, während der normale Arbeiter in der Stadt ausharren "durfte".

 

 

( Leonid Iljitsch Breschnew 1967 in der DDR )

Im heutigen Russland wird das Gedenken an diese Zeit weiter aufrechterhalten, am Bahnhofsplatz befindet sich eine große Leuchtschrift, auf der man immer noch die Bezeichnung "Heldenstadt Leningrad" lesen kann. In den russischen Veröffentlichungen wird die "Blockada" als unbeugsamen Willen und die heroische Leidensfähigkeit der russischen Bevölkerung beschrieben. Jedes Jahr spielt die Petersburger Philharmonie am Jahrestag der Beendigung der Blockade Dimitri Schostakowitschs Siebte Symphonie. Obwohl während der Blockade Leningrads mehr Menschen starben als in Hiroshima, Nagasaki, Stalingrad oder während des Warschauer Aufstandes, ist sie immer noch ein Nebenthema des 2. Weltkrieges.


Quellen

DVD

 

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Autor: Hasso von Manteuffel