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Das Thema

Die letzte Fahrt von U-615


(Die Männer von U-615 in einem amerikanischen Gefangendenbus)


Feindfahrt

Im März 1943 rissen deutsche U-Boote den Konvoi HX- 229 im Nordatlantik auseinander. Ihr Erfolg war ein direktes Ergebnis der Bemühungen desjenigen U-Bootes, das den Konvoi beschattete und verbissen an ihm hing. Dabei wurden andere Boote auf die Position des Konvois gelotst. Das war ein frustrierender Job, dies umso mehr, weil die Alliierten genau wussten, dass sie die beste Aussicht hatten, der steigenden Bedrohung zu entgehen, wenn sie den Beschatter erledigten.

In diesen Fall war der Beschatter U-615. Das Boot musste bitter für seinen Erfolg bezahlen. Die Zerstörer HMS Anemone und Harrester erwischten das Boot und beschädigten es, indem sie im Lauf von 90 Minuten nacheinander sieben Wasserbombenangriffe auf das getauchte U-Boot durchführten. Dennoch blieb es verbissen beim Konvoi, bis es von seiner aufopferungsvollen Aufgabe entbunden wurde und selbst angreifen durfte. Es versenkte die mit Munition beladene Edward B. Bradley. Sie hatte eine Größe von 7177 BRT, nachdem ersten Torpedo flog das Schiff in die Luft. Es war Kapitsky drittes Schiff, das er versenkte. Die beiden ersten waren die El Lago mit 4221 BRT und die Empire Star mit 12565 BRT. Beide Schiffe versenkte er im Oktober 1942. Sie fuhren im Konvoi ONS-136.

Die schweren Schäden bewahrten die Besatzung von U-615, im Mai 1943 das gleiche Schicksal zu ereilen, wie die 41 U-Boote, die in dieser Zeit durch die Alliierten versenkt wurden. Es war die größte Niederlage für die U-Boote bis jetzt und ein Prestigeverlust für Admiral Karl Dönitz. Er musste die U-Boote aus dem Nordatlantik zurückziehen, bis die technischen Geräte verfügbar waren, mit denen man den alliierten U-Jagdeinheiten mit ausgeglichenen Chancen gegenübertreten konnte. Dennoch – aus Gründen der Moral und auch aus strategischen Betrachtungen heraus konnte Dönitz die Operationen nach dem Debakel des Mai 1943 nicht völlig einstellen. Aber wo sollte er die stark verminderte Zahl von U-Booten zum Einsatz bringen?

Er wählte die Karibik. 1942 hatten deutsche U-Boote eine ganze Reihe von Erfolgen dort. Sie versenkten mehr als 350 Schiffe in dieser schlecht verteidigten Endstation der nordatlantischen Konvoirouten. Entgegen Dönitz' Widerspruch hatte Hitler U-Boote zur Verhinderung einer alliierten Landung in Afrika abgestellt und sie von der Karibik abgezogen. Was natürlich ein Fehler war, die Landung in Afrika konnten die U-Boote nicht verhindern. Doch jetzt wollte Admiral Dönitz mit seinen U-Booten zurückkehren. Die Frage war, ließen sich die Erfolge von 1942 im Jahre 1943 wiederholen? 1942 waren die Verteidiger unerfahren und schlecht organisiert, aber das sah Mitte 1943 schon ganz anders aus.

Drei Faktoren standen den U-Booten entgegen, die Dönitz in die Karibik schickte:
- Erstens mussten die U-Boote, um überhaupt in den Atlantik zu kommen, die Biskaya durchqueren. Die war aber zur Todesfalle geworden, denn sie wurde sehr effektiv von den Flugzeugen der RAF überwacht.
- Zweitens brauchten die Boote um in die Karibik zugelangen Tanker zum Nachbunkern während der langen Reise. Die Alliierten hatten jedoch den Marineschlüssel geknackt und hatten praktisch alle Milchkühe gejagt und versenkt.
- Drittens waren die Abwehrkräfte in der Karibik erheblich verstärkt worden.

Dennoch, diese Schwierigkeiten hätten vielleicht überwunden werden können, und die Karibik hätte wieder zu einem dankbaren Jagdgebiet werden können. Wäre da nicht Dönitz' neuer Befehl, bei einem Luftangriff nicht zu tauchen sondern die Flugzeuge mit der verbesserten Flakbewaffung abzuwehren. Diese Vorgehensweise war jedoch ein großer Reinfall. Wenn das U-Boot erst einmal an der Oberfläche geblieben war, um zu kämpfen, konnte es auch nicht mehr tauchen, ohne dem Flugzeug beim Tauchvorgang ein völlig unverteidigtes Ziel zu bieten. U-Boote waren dem Flugzeug einfach unterlegen. Es war der Befehl, Flugzeuge über Wasser abzuwehren, der die deutsche Karibik-Offensive im Jahre 1943 zum Scheitern verdammte.

Das erste Boot, das zu einer karibischen Operation auslief, war U-67. Das war am 10. Mai 1943. Das Letzte, das von dort zurückkehrte, war der Not-Tanker U-760, der so schwer beschädigt wurde, dass er sich am 8. September 1943 in Spanien internieren ließ. Dazwischen lagen 44 U-Boote, die mit Kurs auf die Karibik ausliefen. Acht wurden im Seegebiet vor Brasilien eingesetzt. Von diesen insgesamt 52 Booten gingen 32 Boote verloren, erschütternde 64 %.

Diese Niederlage war ein noch größeres Desaster, als die vom Mai 1943. Am 12. Juni 1943 liefen Ralph Kapitsky (U-615), Herbert Rasch (U-257) und Bernhard Zurmühlen (U-600) nacheinander aus. Sie wollten sich in der Biskaya gegenseitig Feuerschutz geben. Zwei Tage später wurden sie von Flugzeugen des Coastal Command angegriffen, alle 3 Boote wurden beschädigt, es gab Tote und Verwundete. Die Flakbewaffung von U-615 schoss eine Whitly ab. Dass die Boote überhaupt überlebten, war eine Sache des Glückes. Sie trennten sich wieder und liefen getaucht durch die Biskaya. Die weitere Reise unter der Oberfläche der Biskaya verlief ohne Besonderheiten.

Die nächste Hürde, die Ralph Kapitsky überwinden musste, war die Kraftstoffübernahme auf See. Der enorme Verlust von U-Tankern löste eine logistische Krise mitten auf dem Atlantik aus. Der Verlust des Tankers U-118 zwang den BdU beispielsweise zur Improvisation und zum Hin- und Herschieben der Bebunkerung von mehreren Booten. Die Aufgaben des versenkten Tankers U-118 übernahmen dann die Boote U-170, U-535 und U-536. Die Übernahme von 20 Tonnen Kraftstoff aus Feuerwehrschläuchen erwies sich als sehr schwierig.

 


Typ VII

U-Boot Typ VII

Am 5. Juli war die Kraftstoffübernahme schließlich beendet und U-615 setzte Kurs auf die Karibik. Der Transit vom Atlantik zur Karibik war ruhig. Hier in der Karibik war der Umschlagplatz von Öl und Bauxit, beides war für die Kriegsführung lebenswichtig. Bei der Insel Curraco trafen sich die Konvois, die von Trinidad kamen und dann später über New York oder Halifax nach England fuhren. In diesem Seegebiet hatten die U-Boote 1942 sehr gute Erfolge erzielt. Aber heute war dieses Gebiet stark überwacht. Hier war die Heimatbasis des 8. U-Jagdgeschwaders.

Obwohl Kapitsky sehr viele Tanker sichtete, kam er nie in eine gute Schussposition, da er immer wieder unter Wasser gedrückt wurde. Doch seine Ausdauer wurde am 28. Juli 1943 schließlich belohnt, als er einen 3177 BRT großen Tanker mit einem Torpedo versenken konnte. Aber die Reaktion auf den Angriff kam hart und schnell. Das Boot wurde von einer Liberator entdeckt und mit 4 Wasserbomben angegriffen. Diese schüttelten U-615 erheblich durch. Während sich Kapitsky noch einmal mit seinem Boot absetzen konnte, kam die ganze deutsche Karibikoffensive ins Stocken.

Einen ganzen Monat hatten sich 22 U-Boote mit den Flugzeugen Dutzende verbissene Gefechte geliefert. Mit schrecklichen Folgen, viele Boote wurden versenkt. Die deutschen U-Bootmänner lernten auf bittere Weise, dass ein U-Boot ganz einfach gegen Angriffe aus der Luft fast chancenlos ist. Während eines ganzen Monats versenkten die U-Boote nur 5 Schiffe. U-615 erhielt am 01. August 1943 den Befehl, nach Hause zurückzukehren. Am selben Tag wurde das Boot von einer Mariner P-6 gesichtet und angegriffen. Diesmal tauchte U-615 nicht und nahm den Kampf mit dem Flugzeug auf. Die Wasserbomben, die das Flugzeug warf, trafen das Boot nicht. Der Kommandant ließ tauchen. Die Jagd auf U-615 war eröffnet. Mehrere Flugzeuge suchten jetzt nach dem Boot. Es dauerte nicht lange, da wurde U-615 wieder gesichtet. Vier Flugzeuge griffen U-615 mehrfach an, das sich mit der Flak zur Wehr setzte. Zwei Flugzeuge konnte es abschießen. Die Flakbewaffung von U-615 wurde vor dem Auslaufen verstärkt. Es wurden zwei 20 mm Zwillinge und vier MG-34 eingebaut. Aber U-Boote konnten nicht soviel Munition mitführen, um sich die Flugzeuge ewig vom Hals zu halten. Erst einmal konnte sich U-615 im starken Nebel und Regen verstecken. Aber schon bald wurde es schon wieder gesichtet. Einige Flugzeuge führten das neue 10 cm Radar mit. Eine Mariner P-6 warf Wasserbomben und diese trafen das Boot. U-615 war schwer beschädigt, es konnte nicht mehr tauchen und die Batterien begannen zu gasen. Es gab Tote und Verwundete. Es lief nur noch 4 Kn und war so ein leichtes Ziel für weitere Angriffe. Immer mehr Wasser drang in das Boot ein, nur die heldenhafte Arbeit der Männer unter Deck hielt das Boot noch Überwasser. Unter solchen Umständen hätten die meisten U-Boot Kommandanten das Boot längst aufgegeben. Aber Kapitsky weigerte sich einfach, das Boot schon aufzugeben. Stattdessen ließ er die ganze Flak-Munition an Deck bringen und leitete persönlich das Feuer seiner Schützen. Gleichzeitig feuerte er seine Männer unter Deck an, endlich die Wassereinbrüche zu stoppen.

 

 

Wappen von U-615

Während dieser Stunde wurden alle Flugzeuge zurück gerufen und neu betankt. Die anderen Flugplätze um Trinidad wurden informiert, sich bei der Jagd nach dem U-Boot anzuschließen. Immer wieder wurde jetzt U-615 angegriffen. MG-Treffer zerfetzten den Turm und weitere Wasserbomben gabelten das Boot fast vollständig ein. Die Wasserbomben rissen zahlreiche Löcher in den Rumpf des U-Bootes, es herrschte Chaos auf dem Boot. Die Munition wurde allmählich knapp auf dem U-Boot. Der Zerstörer USS- Walker und andere Überwassereinheiten suchten schon nach U-615. Die Schlinge um das Boot wurde immer enger. Eine Harpoon und eine P-11 griffen das Boot wieder mit Wasserbomben und ihren Bordkanonen an. Die Richtschützen taten ihr Bestes. Oben auf dem Turm waren Kapitsky, der 1. WO und sechs Ladeschützen damit beschäftigt, die Magazine der Waffen vollzuhalten. Unten im Boot war alles kaputt, was irgendwie kaputt gehen konnte. Die Männer arbeiteten hüfttief im Wasser, Beleuchtung gab es nicht mehr, die E-Maschinen waren defekt, das Ruder klemmte. Alle wussten, dass U-615 verloren war. Es trafen immer mehr Flugzeuge auf dem Schlachtfeld ein.

Die Bomben fielen immer dichter beim Boot, es gab immer mehr Verwundete. Auch Ralph Kapitsky wurde schwer am Oberschenkel und in der Hüfte verwundet. Die Wunden ließen sich nicht abbinden und er blutete stark, und noch immer machte er seiner Mannschaft Mut. Aber er lag im Sterben. Letzlich traf die USS-Walker ein und schoss mit ihren Geschützen auf U-615, das sich daraufhin selbst versenkte. Der Zerstörer nahm 40 Leute auf, bevor U-615 schließlich für immer in den Fluten verschwand.

Quellen

Theodore P. Savas Lautlose Jäger erschienen 2001 ISBN 3-548-25205-2
ubootwaffe.net (Zugriff 27.07.09)
uboat.net (Zugriff 27.07.09)

Autor: Karaya234