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Das Thema

Oberst Hans-Ulrich Rudel

"Verloren ist nur, wer sich selbst aufgibt!"
Berühmter Ausspruch Rudels

 


1. Weltkrieg/Weimar

Erster Weltkrieg

Hans-Ulrich Rudel erblickte am 2. Juli 1916 in Konradswaldau, einem Dorf zwischen Landeshut und Gottesberg in Schlesien, als Sohn des Pfarrers Johannes Rudel und seiner Ehefrau Martha Rudel geb. Mückner, das Licht der Welt. Der ersehnte Stammhalter der bei seiner Geburt nur fünfdreiviertel Pfund gewogen hatte, machte im Kindesalter durchaus nicht den Eindruck, dass er einmal als Soldat härteste Bewährungsproben bestehen würde.

 

Weimarer Republik

Hätte das jemand prophezeit, wäre er bestimmt von den Schwestern Ingeborg und Johanna, die den Knirps „Uli" nannten, ausgelacht worden. Er war ein sehr zartes, nervöses Kind, dem seine Mutter bis zum zwölften Lebensjahr bei Gewittern die Hand halten musste, weil er starkes Herzklopfen bekam, wenn es donnerte und blitzte. „Aus dem Uli wird im Leben nichts, der fürchtet sich ja, allein in den Keller zu gehen", spottete manchmal seine ältere Schwester. Rudels Mutter erwähnte dies 1950 in der Einleitung zu seinem Buch "Trotzdem". Sie schrieb: „Gerade dieser Spott ging Uli gegen seine Ehre, und er fing an, sich in jeder Beziehung abzuhärten und viel Sport zu treiben. Dadurch gerieten aber die Schularbeiten ins Hintertreffen, und die Zensuren wurden dem Vater erst am Schluss der Ferien zur Unterschrift vorgelegt. Von seinem Klassenlehrer, den ich einmal fragte: ,Wie ist denn Uli in der Schule?', bekam ich die Antwort: ,Als Junge goldig, als Schüler schrecklich!'“ Nachdem der Pfarrersohn die Angstgefühle überwunden hatte, die bei Kindern durchaus nichts Ungewöhnliches sind, war ihm kein Baum zu hoch, keine Skiabfahrt zu steil, kein Bach zu breit und kein Lausbubenstreich zu gewagt. Rudel wollte sich selbst, seinen Schwestern und Schulfreunden immer wieder beweisen: Es geht alles, wenn man will! Auch später im Einsatz blieb dieser Wille zur Selbstbehauptung und Selbstüberwindung ein Bestandteil seiner Persönlichkeit. Und in aussichtslosen Lagen machte er sich das Wort zu Eigen: „Verloren ist nur, wer sich selbst aufgibt!“ Dass dem eigenen Willen von der Natur manchmal physikalische Grenzen gesetzt sind, merkte Rudel 1924 als Achtjähriger in Seiferdau bei Schweidnitz, wohin sein Vater versetzt worden war. Hier stieg der zukünftige „Adler der Ostfront“ zum ersten Mal in die Luft, von der sein Fluglehrer dreizehn Jahre später auf der Luftkriegsschule Werder bei Berlin zu ihm und den anderen „Fliegerhäschen“ vor dem ersten Alleinflug tröstend sagen sollte: „Oben geblieben ist noch keiner!“ Mit diesem Element, in dem sich Rudel bei der Stuka-Ausbildung erst nach Überwindung einiger Anfangsschwierigkeiten zurechtfand, machte er mit Hilfe des väterlichen Regenschirms, in Abwesenheit seiner Eltern, Bekanntschaft. Angeregt durch Erzählungen über einen Flugtag in Schweidnitz, sprang Rudel mit geöffnetem Regenschirm aus dem oberen Stockwerk des Pfarrhauses. Der Schirm klappte zusammen und der Junge fiel in ein Blumenbeet, welches den Sturz etwas milderte, sodass er mit einem Beinbruch davonkam. Dieser missglückte „Erstflug“ konnte Rudels Begeisterung für das Fliegen jedoch nicht dämpfen. „Jetzt will ich erst recht Flieger werden!“ sagte er, noch mit Gipsverband am Bein. Und dieses „Jetzt erst recht“ war in seinem Fliegerleben und in der Nachkriegszeit, als er trotz Beinprothese aufsehenerregende sportliche Höchstleistungen vollbrachte, typisch für ihn. Während der Schulzeit, hauptsächlich in Schweidnitz, Sagan, Niesky, Görlitz und Lauban, fand man ihn meist auf Sportplätzen, Skihängen und auf seinem Motorrad, anstatt hinter den Lehrbüchern und Schulaufgaben. Aber durch eisernes Pauken füllte er die Lücken seiner Schulkenntnisse und erreichte auf dem humanistischen Gymnasium in Lauban/Niederschlesien das Abitur.

„Rudel ersetzt alleine eine ganze Division!“
Generalfeldmarschall Ferdinand Schörner


NS-Staat

Nationalsozialismus

Seine sich von Jahr zu Jahr steigernden sportlichen Leistungen, die zahlreichen Siege bei Sportwettkämpfen der Schulen und Hitlerjugend, ließen ihn zu einem Zehnkämpfer werden, dem von Turnlehrern und Trainern eine große, sogar olympische Zukunft vorausgesagt wurde. Nach der Reifeprüfung wollte Rudel Zivilflugzeugführer werden. Aber der Pfarrhaus-Etat machte ihm einen Strich durch diesen Berufswunsch, denn er hätte die teure Ausbildung nur schlecht verkraftet, da seine älteste Schwester Ingeborg bereits Medizin studierte. Rudel entschloss sich, Sportlehrer zu werden. Als der junge Mann aber eines Tages vom Aufbau einer neuen Luftwaffe hörte, stand für ihn fest: „Ich werde Flugzeugführer!"


Rudel als frischgebackener Ritterkreuzträger

Er meldete sich freiwillig für die Offizierlaufbahn der Luftwaffe, bestand 1936 die schwere Aufnahmeprüfung und erhielt den Annahmeschein für die Luftkriegsschule Wildpark-Werder bei Berlin. Vor Beginn seiner Fahnenjunker- und Flugschülerzeit wurde er für zwei Monate zum Reichsarbeitsdienst eingezogen und mit seiner RAD-Abteilung zu Regulierungsarbeiten an der Lausitzer Neiße, in der Nähe des bekannten Moorbades Muskau im Bezirk Cottbus eingesetzt. Am 4. Dezember 1936 begann Rudels infanteristische Grundausbildung in Wildpark-Werder und ab Juni 1937 folgten die Fahnenjunker- und Flugzeugführerschulung. Nach Beendigung der Ausbildung wurde er im Juni 1938 als Oberfähnrich von der Luftkriegsschule zur I. Gruppe des Stuka-Geschwaders 168 nach Graz-Thalerhof/Steiermark versetzt. Hier flog er bei der Stuka-Ausbildung zum ersten Mal die Ju 87, jenen Stuka-Typ, der einmal mit seinem Namen und seinen Erfolgen aufs Engste verknüpft sein sollte. Zur Stuka-Ausbildung gehörten u.a. Verbandsflug, gefechtsmäßiges Fliegen, Übungsangriffe mit Zementbomben im Sturzwinkel von bis zu 90 Grad, Tiefflug und Schießen aus der Luft. „Dass ich schnell lernte", erzählte er später, „konnte man nicht behaupten, zumal der übrige Verband schon gut eingeflogen war, als ich eintraf. Mein ,Stuka-Groschen' fiel langsam, meinem Staffelkapitän zu langsam, sodass er ans Fallen kaum noch glaubte..." Wie schon auf der Luftkriegsschule, so trieb Rudel auch hier in jeder freien Minute Sport. An dienstfreien Wochenenden durchwanderte er die herrliche Grazer Umgebung und stieg auf jeden erreichbaren Berg. Vom Kasinoleben hielt er nicht viel, was seine Lage als Oberfähnrich mit „Stuka-Spätzündung" nicht gerade verbesserte. Seine Vorgesetzten sagten von ihm: „Er raucht nicht, trinkt nur Milch, hat keine Weibergeschichten und treibt in der Freizeit nur Sport. Rudel ist ein komischer Kauz!" Als beim Stuka-Verband in Graz eines Tages die Anforderung eintraf, einen Leutnant oder Oberfähnrich zur Ausbildung für die operative Luftaufklärung abzustellen, sah der Staffelkapitän eine günstige Gelegenheit, den „komischen Kauz" und „Stuka-Spätzünder“ loszuwerden. Alle Versuche Rudels, seine Versetzung zur Aufklärerschule Hildesheim/Niedersachsen rückgängig zu machen, scheiterten. Am 1. Dezember 1938 kam zu Beginn der Fernaufklärerausbildung eine weitere Enttäuschung hinzu: Weil die Beobachter gleichzeitig Flugzeugkommandanten waren, durften sie nicht mehr hinter dem Steuerknüppel sitzen. Nach Abschluss der Beobachterausbildung, einschließlich gründlicher Schulung im Luftbildwesen, erfolgte die Versetzung des am 1. Januar 1939 zum Leutnant beförderten Fernaufklärers Rudel nach Prenzlau (Bezirk Neubrandenburg) in der Uckermark, zur 2. Staffel der Fernaufklärungsgruppe 121. Kurz vor Beginn des Polenfeldzuges am 1. September 1939 wurde die Einheit nach Schneidemühl verlegt, in die Nähe des polnischen Korridors, der seit dem diktierten Friedensvertrag von Versailles (28. Juni 1919) Danzig und Ostpreußen vom Deutschen Reich trennte.


Rudel trinkt nach der Verleihung am 20. Oktober 1941 aus seinem Ehrenpokal Milch


2. Weltkrieg

Zweiter Weltkrieg

Während des Polenfeldzugs machte Leutnant Rudel als Kommandant und Beobachter eines Fernaufklärers seinen ersten Feindflug. Hierbei schoss er nur mit der Luftbildkamera, weil sich kein Feindjäger sehen ließ. Bei den folgenden Einsätzen tauchten nur ganz selten polnische Jäger auf. Aber „Spazierflüge" waren dies trotzdem nicht: Die polnische Flak gab sich größte Mühe, den Aufklärer abzuschießen, der von Brücken und Eisenbahnknotenpunkten Luftaufnahmen machte. Einige Feindflüge führten Rudel zur Bahnstrecke Brest-Litowsk-Kowel-Luck. Die obere Führung wollte wissen, wo polnische Truppenverschiebungen stattfanden und wie sich die Sowjets verhielten, die am 17. September in Ostpolen eingedrungen waren, ohne dass England und Frankreich, trotz ihrer Garantie für Polen, irgendwie darauf reagiert hatten. Die Rote Armee besetzte zunächst das polnische Gebiet bis zur Weichsellinie, nach Abschluss des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages am 28. September 1939 Ostpolen bis zum Bug. Der Blitzkrieg gegen Polen, „Feldzug der 18 Tage" genannt, war am 18. September beendet. Tapferen Widerstand leisteten bis zum 27. September nur noch das wie eine Festung verteidigte Warschau und die Festung Modlin, die einen Tag später kapitulierte. Leutnant Rudel verlegte mit seiner Aufklärungseinheit wieder nach Prenzlau und erhielt am 10. November für seine Einsätze in Polen das Eiserne Kreuz II. Klasse. In der Folgezeit bemühte er sich vergeblich um seine Versetzung zur Stuka-Fliegerei. Er wurde zum Fliegerausbildungs-Regiment 43 nach Wien-Stammersdorf versetzt. Bald darauf verlegte das Regiment, das Luftwaffenrekruten ausbildete, nach Crailsheim/Jagst, wo Rudel als Regimentsadjutant Dienst tat, als am 10. Mai 1940 der deutsche Westfeldzug begann. Wie schon im Polenfeldzug bereitete die Stuka-Waffe als „Artillerie mit Flügeln" den Weg für die vorstürmenden deutschen Truppen. Rudel schrieb Versetzungsgesuche am laufenden Band. Schließlich rief er sogar unter Umgehung des Dienstweges das Personalamt im Reichsluftfahrtministerium in Berlin an. Aus welchen Gründen auch immer, vielleicht um vor dem „sturen Quälgeist" endlich Ruhe zu haben, ging Rudels Wunsch einige Zeit nach Beendigung des Westfeldzuges (Unterzeichnung des Waffenstillstandes mit Frankreich am 22. Juni 1940 im Wald von Compiègne bei Paris) in Erfüllung. Er wurde zum alten Grazer Stuka-Verband versetzt, der sich gerade in Nordfrankreich bei Caen, der Hauptstadt des Departements Calvados, befand. Hier versuchte ein Staffeloffizier dem Fernaufklärer bei Übungseinsätzen die inzwischen selbst gemachten Stuka-Fronterfahrungen zu vermitteln. Aber Rudel gelang es nicht, in kurzer Zeit alles nachzuholen, was er versäumt hatte. Sein „Stuka-Groschen" wollte noch nicht fallen. Und dass der „komische Kauz" sogar in Frankreich nur Milch trank, während seine Vorgesetzten im Kasino den berühmten Calvados (bernsteinfarbener Branntwein aus der Normandie) genossen, dass er wieder in jeder dienstfreien Minute Sport trieb und sich den abendlichen Streifzügen durchs Nachtleben von Caen nicht anschloss, machte ihn auch hier wieder zum Außenseiter. Am 1. September 1940 wurde er zum Oberleutnant befördert. Als die Stuka-Gruppe vor Beginn des Balkanfeldzuges in den Südost-Einsatzraum verlegte, wurde Rudel zur Stuka-Ergänzungsstaffel nach Graz „abgeschoben". Dort sollte er sich die Stuka-Feinheiten beibringen lassen, die ihm fehlten.

 

Der Fliegerhorst Graz-Thalerhof war zu Beginn des Balkanfeldzuges einige Tage lang Einsatzhafen für Verbände des VIII. Fliegerkorps unter General der Flieger Wolfram Freiherr von Richthofen. Rudel sah mit Bomben beladene Stukas zum Feindflug starten, aber er war wieder nicht dabei. Doch auf einem Übungseinsatz spürte er plötzlich: „Jetzt ist der Groschen gefallen, jetzt kann ich alles mit der Maschine machen, was ich will!" Keinem Fluglehrer gelang es mehr, ihn beim „Zirkus" abzuhängen. Kein fliegerischer Trick, keine Kunstflugfiguren konnten ihn abschütteln. Immer blieb er mit seiner Maschine dicht an der des vorausfliegenden Fluglehrers. Seine Übungsbomben trafen meist sogar den Zehnmeter-Zielkreis, und beim Schießen aus der Luft ging selten ein Feuerstoß vorbei. Einmal erzielte er von hundert möglichen Treffern über neunzig. Bald nach Ostern 1941 wurde er zur I. Gruppe des Sturzkampfgeschwaders 2 „Immelmann" versetzt, die auf einem Feldflugplatz bei Molai lag, am südlichen Zipfel der griechischen Halbinsel Peloponnes. Rudel war glücklich, endlich als Stuka-Flieger zum Einsatz zu kommen. Am 20. Mai 1941 begann mit dem Sprungeinsatz deutscher Fallschirmjäger die Eroberung der griechisch-britischen Inselfestung Kreta. Die Stukas der I. Gruppe des „Immelmann"-Geschwaders flogen laufend Einsätze, auch gegen britische Flotteneinheiten vor Kreta. Rudel sah die Maschinen starten und hätte sich dabei am liebsten die Ohren zugehalten, um das Dröhnen der Motoren nicht hören zu müssen. Ein Zufall und das Vorurteil des Kommandeurs und seines Adjutanten standen zwischen ihm und seinem ersten Stuka-Einsatz: Der Gruppenadjutant war zufällig sein Stuka-Lehrer aus Caen, der wenig von Rudels fliegerischen Fähigkeiten gehalten hatte. Auf seine Fragen: „Was wollen Sie denn hier? Haben Sie schon so viel dazugelernt?" antwortete Rudel: „Ich beherrsche meine Maschine jetzt ganz und gar!" Darauf der Adjutant: „Ich werde Ihren Fall dem Kommandeur vorlegen..." Als sich Oberleutnant Rudel bei ihm meldete, wurde er mit den Worten empfangen: „Wir kennen uns ja schon." Rudel verneinte. „Natürlich kennen wir uns, denn mein Adjutant kennt Sie ja. Ich kenne Sie sogar so gut, dass Sie vorläufig in meiner Gruppe nicht fliegen dürfen." Über die Gefühle, die Rudel damals bewegten, schrieb er in seinem Buch „Trotzdem“ u.a.: „Öfters lodern die Flammen der Aufsässigkeit hoch in mir auf. Disziplin, Disziplin, dich selbst beherrschen, nur so kannst du etwas werden! Verständnis musst du haben für alles, auch für die Fehler, die groben Fehler deiner Vorgesetzten. Nur so kannst du selber ein besserer Vorgesetzter werden und Verständnis haben für die Fehler deiner Untergebenen ..., beherrsche dich selber, deine Zeit kommt noch, wenn du wirklich etwas taugst. Verliere nie dein Selbstvertrauen!" Und die Zeit für den Mann, für den es später keine noch höheren Tapferkeitsauszeichnungen mehr gab, sollte kommen. Schon bald bewies er, zu welchen Leistungen er im Einsatz fähig war. Am 1. Juni befand sich Kreta fest in deutscher Hand. Einige Zeit danach musste Rudel eine Ju 87 zur Instandsetzung in die Flugzeugwerft nach Cottbus bringen. Dort hörte er in den frühen Morgenstunden im Radio vom deutschen Präventivschlag gegen die Sowjetunion. Noch am gleichen Tag flog Rudel mit einer instandgesetzten Maschine nach Insterburg in Ostpreußen, von da eine halbe Flugstunde südostwärts zum Feldflugplatz Raczki zur I. Gruppe, die aus Griechenland inzwischen hierher verlegt hatte. Der Kommandeur teilte ihn der 1. Staffel zu, die von Oberleutnant Ewald Janssen (Ritterkreuz am 31. Oktober 1944) geführt wurde. Auch er galt beim Gruppenstab als Außenseiter und ließ Rudel gleich den nächsten Einsatz als Nummer 2 mitfliegen. Die ersten Feindflüge gingen in den Raum Grodno am Njemen und ins Gebiet von Wolkowysk, wo sowjetische Panzer- und Truppenbereitstellungen angegriffen wurden. Zwischen den Feindflügen und abends musste sich Rudel als Staffel-TO (Technischer Offizier) in Zusammenarbeit mit dem Oberwerkmeister um die Einsatzbereitschaft der Maschinen kümmern. Schlaf stand beim TO und dem Bodenpersonal selten auf dem Dienstplan. Schon bei den ersten Ostfronteinsätzen war Rudel und seinen Kameraden vom „Immelmann"-Geschwader aufgefallen, dass die Rote Armee an der Westgrenze der Sowjetunion starke Truppen- und Panzerverbände zusammengezogen und ein Netz von Einsatzflughäfen ausgebaut hatte, von denen einige noch nicht ganz fertig waren. Die Stuka-Flieger erkannten klar, dass die Sowjets bei ihrem Westaufmarsch vom deutschen Angriff überrascht worden waren. Die „Immelmann"-Stukas unterstützten in den ersten Wochen erfolgreich die Verbände des Heeres und der Waffen-SS beim Vormarsch dicht vor ihren Angriffsspitzen. An manchen Frontabschnitten versuchten die Rotarmisten tapfer mit allen zur Verfügung stehenden Waffen (Flak, Fliegerabwehr-MG, Gewehren, ja sogar mit Pistolen) die gefürchteten Stukas abzuwehren, die über den feindlichen Stellungen ihre Tiefangriffe flogen. Manch ein schwarzer Rauchpilz zeigte an, wo eine Stuka-Besatzung durch Aufschlagbrand ihrer Maschine den Fliegertod gefunden hatte. Zu dieser Zeit blieben Verluste durch Feindjäger selten. Und tauchten über den vordersten Linien die wendigen „Ratas" auf, wurden sie schnell ein Opfer deutscher Messerschmitt-Jäger.


Rudel mit seinem Bordschützen Erwin Hentschel am 13. Oktober 1943

Im Sommer wurde Rudel zur III. Gruppe versetzt, um die Aufgaben eines Gruppen-TO zu übernehmen. Am 6. August kam Hauptmann Ernst-Siegfried Steen als Kommandeur zur Gruppe, in deren Stabskette Rudel im Einsatz als Nummer 2 mitflog. Am 18. Juli 1941 hatte Rudel das Eiserne Kreuz (EK) I. Klasse und die Frontflugspange in Gold erhalten. Im Oktober wurde er mit dem Ehrenpokal für besondere Leistungen im Luftkrieg ausgezeichnet. Die III. Gruppe war häufig gegen Truppenmassierungen auf der Rollbahn Smolensk/Dnjepr-Moskau und zur Unterstützung der Heeresgruppe Nord eingesetzt, deren Stoßrichtung auf Leningrad zielte. In dieser Zeit konnten Rudel und sein Bordschütze Scharnovski, ein Ostpreuße, den nichts aus der Ruhe brachte, „Fliegergeburtstag" feiern. Von einem Feindflug am 18. August 1941 gegen den Bahnhof Tschudowo an der wichtigen sowjetischen Nachschubstrecke Moskau-Leningrad brachten sie in den Tragflächen ihrer Maschine Überreste zweier Birkenstämme mit. Rudel hatte nach einem Sturz durch Gewitterwolken, bei schlechtesten Sichtverhältnissen, erst im allerletzten Augenblick abfangen können. Hauptmann Steen prophezeite diesem „verrückten Kerl", der seine Bomben meist sehr spät auslöste, um die befohlenen Ziele unbedingt zu treffen, ein nur kurzes Leben. Am 29. August 1941 verlegte die Gruppe nach Tyrkowo, südlich von Luga. Rudel flog von hier zahlreiche Einsätze an die Leningrad-Front zur Unterstützung der nach Norden angreifenden 16. und 18. Armee. Nach wirkungsvollen Stuka-Angriffen auf Bunker- und Feldstellungen konnten die Infanterie-Stoßdivisionen, darunter die ostpreußische 121. Infanteriedivision, die stark befestigte und zäh verteidigte 1. Leningrader Schutzstellung durchbrechen. Dabei wurden u.a. Sluzk, Puschkin und Krasnogwardeisk genommen. Sehr erfolgreich griffen Rudel und seine Stuka-Kameraden auch dicht vor dem 118. Infanterieregiment an, das anschließend Aropakosi einnehmen konnte. Die Erstürmung der stark befestigten Duderhofer Höhen am 10./11. September, im Abschnitt südostwärts von Krasnoje-Selo, wurde ebenfalls durch Rudel und seine Kameraden sehr wirkungsvoll unterstützt. Hierbei schaltete er durch Volltreffer mehrere Bunker aus. Die sowjetische Ostseeflotte mit den Schlachtschiffen „Marat" und „Oktoberrevolution" sowie mehreren Kreuzern, darunter die „Kirov" und die „Maxim Gorki", griffen vom Finnischen Meerbusen her häufig in die Erdkämpfe ein. Vor allem die zwei Schlachtschiffe mit ihren weittragenden Geschützen machten den deutschen Truppen sehr zu schaffen. Deshalb erhielt das Stuka-Geschwader „Immelmann" den Befehl, diese großkalibrige schwimmende Erdkampfartillerie auszuschalten. Bei einem Angriff am 21. September gelang es Oberleutnant Rudel, mit einer 500 kg-Bombe auf der „Marat" einen Treffer zu erzielen, worauf sich das Schlachtschiff zur Reparatur in den Kriegshafen Kronstadt zurückzog. Mehr Erfolg versprachen sich die Stuka-Flieger von den 1.000 kg-Bomben, deren Eintreffen beim Geschwader sich seltsamerweise immer wieder verzögerte. Durch Auswertung von Luftaufnahmen erfuhren Rudel und seine Kameraden, was sie bei Angriffen gegen den Kriegshafen Kronstadt erwartete: Im Hafengebiet und an der Küste waren rund 1.000 Fliegerabwehrwaffen aller Kaliber massiert. Nachdem die Besatzungen mit dem gefährlichen „Abwehr-Igel" am 22. September Bekanntschaft gemacht hatten, war die „Flakhölle von Kronstadt" Gesprächsthema Nummer eins im Geschwader. Am 23. September 1941 konnten die Bombenwarte endlich die 1.000 kg-Brocken an die Maschinen hängen. Als die Stukas des „Immelmann"-Geschwaders dann bei klarstem Himmel vom Feldflugplatz starteten, brannte Rudel darauf, „seiner" von ihm bereits einmal getroffenen „Marat" den dicken Brocken mitten aufs Panzerdeck zu setzen. Der „Flak-Igel" Kronstadt empfing die anfliegenden Besatzungen mit derart massiertem Abwehrfeuer, dass die detonierenden schweren, mittleren und leichten Flakgranaten regelrechte, nach oben gestaffelte Wolkenbänke bildeten. Noch nie war Rudel und seinen Kameraden der Weg durch „eisenhaltige Luft" so unendlich weit vorgekommen. Kurz vor Erreichen des Hafens eröffneten zusätzlich die „Marat" und alle übrigen Kriegsschiffe ihr Abwehrfeuer gegen die gefürchteten Stukas, von denen die meisten den, bei allen Fliegern damals bekannten, „Flakwalzer" tanzten, um durch unregelmäßige Ausweichbewegungen der Flak das Treffen zu erschweren. Weil ganz offensichtlich Sperrfeuer geschossen wurde, erschien das ständige „Rühren" mit dem Steuerknüppel Hauptmann Steen und Oberleutnant Rudel wenig sinnvoll. Sie beteiligten sich nicht an der wilden Abwehrkurbelei und konzentrierten sich auf die „Marat". Rudel, der mit seiner Maschine dicht hinter der des Kommandeurs hing, sah, wie dieser die Sturzflugbremsen ausfuhr, die sich bei jeder Ju 87 unter den Tragflächen befanden. Durch sie konnten die Sturzgeschwindigkeit verringert und die Treffsicherheit erhöht werden. Auch Rudel fuhr die Sturzflugbremsen aus. Als er aber bemerkte, dass sich Hauptmann Steens Maschine im Sturz von ihm entfernte, sie also schneller stürzte, fuhr er sie wieder ein. Er vermutete, sein Kommandeur wollte ohne Bremsen nach unten rauschen. Aber Rudel hatte sich geirrt, denn plötzlich verringerte sich rasend schnell der Abstand zwischen beiden Maschinen. Er sah dicht vor sich das erschrockene Gesicht von Oberfeldwebel Lehmann, dem altbewährten Bordschützen des Kommandeurs. Jede Sekunde rechnete er damit, von Rudels Maschine gerammt zu werden. Doch der drückte seine Ju 87 noch steiler nach unten und stürzte mit 90 Grad haarscharf unter der Kommandeursmaschine durch. In seinem Visier wurde die „Marat" immer größer. Als die Mitte des Schlachtschiffes das Visier ausfüllte, löste Rudel die Bombe aus und begann im gleichen Augenblick mit aller Kraft abzufangen. Die Abfanghöhe betrug nur noch etwa 300 Meter. „Ob das noch reicht?" schoss es ihm durch den Kopf. Außerdem erinnerte er sich an die Einsatzbesprechung, in der Hauptmann Steen davor gewarnt hatte, die 1.000 kg-Bomben unterhalb von tausend Metern auszulösen, da durch die Splitterwirkung die eigene Maschine gefährdet sei. Mit beiden Händen am Steuerknüppel, unter Anspannung aller Kräfte, fing Rudel die Maschine so hart ab, dass er zum ersten Mal in seinem Stuka-Leben durch die Fliehkraft eine „Mattscheibe" bekam und einige Sekunden lang nichts sehen konnte.

"Ich kann nur mit allergrößter Hochachtung über ihn das sagen, was wir im Krieg in der Royal Airforce schon vom deutschen Jagdflieger-Experten Walter Nowotny sagten: ,Wie schade, dass er nicht unsere Uniform getragen hat!'"
Pierre Clostermann, schon mit 24 Jahren der erfolgreichste Jagdflieger Frankreichs, mit 33 bestätigten Luftsiegen, 420 Feindflügen, zahlreichen hohen und höchsten französischen und englischen Tapferkeitsauszeichnungen


2. Weltkrieg II

 

 
04.12.1936 Eintritt Luftwaffe.
Juni 1937 Flugzeugführer-Schulung
Juni 1938 Stuka Ausbildung (Graz/Steiermark)
01.12.1938 Beobachterausbildung
September 1939 Aufklärereinsätze im Polenfeldzug
10.11.1939 EK II
02.03.1940 Versetzung zu Stukafliegern
April 1941 Stuka-Geschwader "Immelmann", I. Gruppe, Griechenland.
18.07.1941 EK I, Frontflugspange in Gold
23.09.1941 Versenkung des Sowjet-Schlachtschiffes "Marat". (23600 BRT)
Jahreswende 1941/42 Ehrenpokal für besondere Leistungen im Luftkrieg,
das Deutsche Kreuz in Gold
15.01.1942 Ritterkreuz
15.08.1942 Staffelkapitän in der III./St. Geschw. 2 "Immelmann"
10.02.1943 Der 1000. Feindflug

Kaum war der Schleier vor den Augen wieder verschwunden, hörte er die Stimme seines Bordschützen: „Herr Oberleutnant, das Schiff explodiert!" Rudel, der nach dem Volltreffer nur drei bis vier Meter über dem Wasser flog, kurvte leicht ein, um die Explosionswolke zu sehen, die langsam vier- bis fünfhundert Meter nach oben stieg. Wahrscheinlich hatte die Bombe die Munitionskammer getroffen. Von allen Seiten gingen über Sprechfunk Glückwünsche ein. Auch die Stimme des Geschwaderkommodore Oskar Dinort war zu hören: „Ausspreche Anerkennung!" Welche Gefühle Rudel im Augenblick nach dem großen Erfolg bewegten, darüber sprach er, als ihn einmal ein PK-Berichter fragte: „Es war mir so, als ob ich in die Augen Tausender dankbarer Infanteristen schaute." Nun konnte ihnen die weittragende Schiffsartillerie der „Marat" nicht mehr gefährlich werden. Im Tiefstflug gelang es Rudel, sich mit seiner Maschine aus dem Hafengebiet „herauszuwieseln". Zwei Feindjäger, die ihm nachdrückten, um auf Schussentfernung heranzukommen, wurden versehentlich durch sowjetische Flak abgeschossen. Ein dritter Angreifer, der Rudels Maschine wenig später aus allen Rohren „beharkte", aber ganz knapp vorbeischoss, stürzte unter dem Feuerstoß einer Me 109 ins Wasser. Rudels zuverlässiger ostpreußischer Bordschütze hatte sich geweigert, das Feuer auf den angreifenden Feindjäger zu eröffnen, um nicht die 109 zu treffen, die in Angriffsposition dahinter hing. Die 23.600 BRT große „Marat", die nach Jean Paul Marat, einem der radikalsten Führer der Französischen Revolution benannt wurde, war mit zwölf 30,5 cm-, sechzehn 12 cm-Geschützen, sechs 7,6 cm-Flak und zahlreichen anderen Fliegerabwehrwaffen ausgerüstet gewesen. Am 23. September startete die III. Gruppe noch einmal in die „Flakhölle von Kronstadt". Angriffsziel war der Kreuzer „Kirov", der unweit der auseinandergebrochenen „Marat" lag. Oberleutnant Rudel durfte diesen Einsatz nicht mitfliegen, weil er kurz vor dem Start seine Maschine dem Kommandeur überlassen musste, dessen Ju 87 durch einen Rollschaden (Kopfstand) ausgefallen war. „Ich will immer dabei sein, wenn's gegen Ziele mit starker Abwehr geht", hatte Hauptmann Steen seinen Befehl an Rudel begründet. Über sein Startverbot war Rudel nicht sehr glücklich, verstand aber die Beweggründe des Kommandeurs durchaus. Nach anderthalb Stunden kam die Gruppe von Kronstadt zurück. Rudel sah sofort, dass seine Maschine, die mit der „grünen Schnauze" fehlte. Die Besatzungen, die alles aus nächster Nähe beobachtet hatten, berichteten, dass die Maschine von einem Flaktreffer am Höhenleitwerk erwischt worden war, sodass ein Abfangen aus dem Sturz nicht mehr gelingen konnte. Hauptmann Steen steuerte sie deshalb mit Seiten- und Querruder auf die „Kirov", wo sie zusammen mit der 1.000 kg-Bombe direkt an der Bordwand ins Wasser stürzte, explodierte und den Kreuzer schwer beschädigte. Das war der 301. Feindflug des Kommandeurs. Die Trauer um den gefallenen Gruppenkommandeur Hauptmann Steen und den treuen Bordschützen Alfred Scharnovski war groß und überschattete Rudels gewonnenes „Duell" mit dem Schlachtschiff „Marat".


Rudel zeigt an einem T-34 Modell wo der Treffer sitzen muss

Bis zum 1. Oktober flog die III. Gruppe noch mehrere Einsätze gegen die sowjetische Ostseeflotte. Rudel wurde nun vom Gefreiten Erwin Hentschel als Bordschütze begleitet. Es gelang ihm zwar noch die Versenkung eines Kreuzers und eines Zerstörers, aber alle Versuche, auch das zweite Schlachtschiff die „Oktoberrevolution" unter Wasser zu treten, wie es in der Fliegersprache hieß, blieben erfolglos. Das Schlachtschiff wurde zwar mehrmals beschädigt, als aber eines Tages eine 1.000 kg-Bombe voll traf, handelte es sich um einen Blindgänger. Auch die übrigen Bomben dieses Kalibers explodierten bei dem Einsatz nicht. Dieser Sabotagefall konnte nie restlos aufgeklärt werden. Man nahm an, dass schon bei der Produktion der Bombenzünder Saboteure in der Fabrik ihre Finger im Spiel gehabt hatten. Nach den Feindflügen zum Finnischen Meerbusen, die der kämpfenden Truppe spürbare Entlastung brachten, war Rudel mit der III. Gruppe am Wolchow, bei Leningrad und im Mittelabschnitt eingesetzt, wo die „Immelmann"-Stukas den Angriff in Richtung Moskau unterstützten. Als Kommandeur übernahm Hauptmann Gustav Pressler, ein bewährter Stuka-Flieger aus einem anderen Geschwader, die III. Gruppe. Die furchtbare sibirische Kälte des Winters 1941/42, mit Temperaturen von minus 40 bis minus 54 Grad, rief bei den deutschen Verbänden mehr Ausfälle als durch feindliche Waffeneinwirkungen hervor. Sie schwächte die Einsatzbereitschaft der Luftwaffe erheblich. Was in diesem und in den folgenden Kriegswintern vom Bodenpersonal, auch beim „Immelmann"-Geschwader, bei Tag und Nacht geleistet wurde, war bewundernswert und fand größte Anerkennung beim fliegenden Personal. Die Flugzeugführer hatten bei Start und Landung mit den Tücken der verschneiten oder eisglatten Plätze zu tun. Sie mussten bei Einsatzflügen durch Schneetreiben und Nebel ihr ganzes fliegerisches Können aufbieten, um die gefährlichen Situationen zu meistern. Damit halfen sie den von der Kälte am härtesten getroffenen Erdtruppen, bei ihren tapferen Abwehrkämpfen gegen eine Übermacht angreifender sibirischer Elite-Einheiten. Wenn das Wetter keine Einsätze zuließ, nutzte Rudel, sobald er eine Eisfläche entdeckte, jede sich bietende Gelegenheit, mit Kameraden Eishockey zu spielen. Er brauchte einfach die sportliche Betätigung, um in Hochleistungs-Form zu bleiben. Rund neunzig Tage nach seinem ersten Stuka-Einsatz, hatte er den 500. Feindflug hinter sich gebracht. Anfang Januar 1942 kam General der Flieger von Richthofen (VIII. Fliegerkorps) mit seinem „Fieseler Storch" zur Gruppe und verlieh Rudel im Namen des Führers und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht das Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Im Verleihungsvorschlag waren hauptsächlich seine Schiffserfolge von Kronstadt sowie Volltreffer auf wichtige Brücken, Nachschubwege, Artilleriestellungen und Panzer angeführt. Im harten Russlandwinter 1941/42 flog Rudel u.a. erfolgreiche Einsätze ins Quellgebiet von Wolga-Düna-Dnjepr bei den Waldai-Höhen, in den Raum Demjansk-Cholm, ins Kampfgebiet westlich von Rschew und zur Bahnlinie Olinin und Sytschjewka-Rschew. Am 18. Januar 1942 wurde der Feldflugplatz Dugino bei Sytschjewka, etwa 60 km südlich von Rschew, kurz vor Tagesanbruch überraschend von Rotarmisten angegriffen. Oberleutnant Kresken, der Stabs-Kompaniechef stellte aus dem Bodenpersonal der III. Gruppe eine Kampfeinheit zusammen und wehrte mit ihr am Flugplatzrand den Angriff ab. Beim ersten „Büchsenlicht" griffen Rudel und seine Kameraden mit Bomben und Bordwaffen in die Kämpfe ein und zerschlugen im Vorfeld des eigenen Platzes den Angriff der Feindpanzer und Begleitinfanterie, die zu einer sibirischen Elitedivision gehörten. Der Feldflugplatz konnte dann so lange gehalten werden, bis am 21. Januar eine Alarmeinheit der Waffen-SS-Division „Das Reich" eintraf, die bedrohliche Lage in diesem Abschnitt endgültig bereinigte und die Frontlinie Gshatsk-Rschew (etwa 150 km westlich von Moskau) festigte. Im weiteren Verlauf des Krieges kam es noch mehrmals vor, dass überraschend sowjetische Verbände durchbrachen und Feldflugplätze des „Immelmann"-Geschwaders angriffen. Das Jahr 1942 hielt für Oberleutnant Rudel zunächst eine peinliche Überraschung bereit, wie er den „Fronturlaub auf Befehl" und die anschließende Versetzung zur Stuka-Ergänzungsstaffel Graz-Thalerhof bezeichnete. Den Urlaub, den er erst in Alt-Kohlfurt bei seinen Eltern verbrachte, nutzte er zur Heirat. Dann machte er mit seiner jungen Frau Skiurlaub in Tirol. In der friedlichen Bergwelt löste sich die innere Anspannung des ununterbrochenen Stuka-Einsatzes. Mit der ihm eigenen Energie übernahm Rudel anschließend die Führung der Stuka-Ergänzungsstaffel in Graz und die Aufgabe, den jungen Besatzungen seine Fronterfahrungen zu vermitteln. Schmunzelnd erinnerte er sich daran, dass bei seiner eigenen Ausbildung in dieser Staffel der „Stuka-Groschen" anfangs einfach nicht hatte fallen wollen. Wer Rudel kannte, sah voraus, dass er es nicht lange fern vom Frontverband aushalten würde. Als er eines Tages erfuhr, die Ergänzungsstaffel eines anderen Geschwaders habe nach Osten verlegt, betrieb er mit Erfolg auch die Verlegung seiner Staffel an die Ostfront. Mit Lastenseglern im Schlepp, um technisches Gerät und Bodenpersonal mitnehmen zu können, flogen die Maschinen der Grazer Ergänzungsstaffel zur Halbinsel Krim, wo auf dem Flugplatz Sarabus die Stuka-Ausbildung fortgesetzt wurde. Weil mehrere Besatzungen frontreif ausgebildet waren, ihr Staffelchef die Verbannung vom Fronteinsatz nicht länger ertrug und jede Stuka-Maschine dringend zur Unterstützung der deutschen Sommeroffensive im Südabschnitt gebraucht wurde, bot Rudel telefonisch dem kommandierenden General der Flieger im Kaukasus seine Staffel zum Einsatz an. Sein Angebot wurde dankbar angenommen. Über Kertsch ging es auf einen Platz in der Nähe der Ölfelder von Maikop, nördlich des Kaukasus. Zusammen mit einer anderen Stuka-Einheit unterstützte Rudels Staffel den Vormarsch der 17. Armee in Richtung des Schwarzmeerhafens Tuapse. Mitte September konnte Noworossijsk erobert werden, aber Tuapse wurde nie erreicht. Rudel flog mit seiner Ergänzungsstaffel zahlreiche Einsätze im unübersichtlichen, schwierigen Gelände des Kaukasus, wobei sie nur durch die Fliegerleitoffiziere bei der Truppe über Sprechfunk eingewiesen wurden. Dabei konnte u.a. ein sowjetischer Panzerzug in einem Bergtunnel durch Stuka-Bomben festgenagelt werden. Auch die Hafenanlagen von Tuapse, Flugplätze bei Gelendschik und Schiffsziele im Schwarzen Meer gehörten zu den Einsatzzielen Rudels. Es folgten Feindflüge an der Terek-Front und wieder im Raum Tuapse. Hier flog Rudel seinen 650. Einsatz. General Kurt Pflugbeil, dem im Südabschnitt die Luftwaffeneinheiten unterstanden, fiel bei einem Besuch des Stuka-Gefechtsstandes das zitronengelbe Gesicht des Staffelführers auf. Ein Befehl des Generals sorgte dafür, dass Rudel seine Staffel abgab und ins Lazarett nach Rostow am Don flog. Als ihn der Chefarzt nach etwa acht Tagen zur Weiterbehandlung der Gelbsucht mit dem nächsten Lazarettzug nach Deutschland verlegen lassen wollte, setzte Rudel seine vorzeitige Entlassung durch und flog mit einer Ju 87, die zufällig von der Feldwerft in Rostow zum „Immelmann"-Geschwader überführt werden sollte, nach Karpowka, etwa 40 km westlich von Stalingrad. Dort meldete er sich als „geheilt entlassen" beim Kommodore. Die Krankenpapiere würden nachgeschickt, behauptete Rudel, der im Gesicht immer noch wie eine Zitrone aussah. Er übernahm die Führung der 1. Staffel der I. Gruppe des Schlachtgeschwaders 2, bei der er seine ersten Ostfronteinsätze geflogen hatte. Nur unter Aufbietung aller Kräfte stand Rudel die nächsten Einsatzwochen durch, bis endlich die Gelbsucht abgeklungen war. Im Stadtgebiet von Stalingrad, das bis Ende November zu fast 100 Prozent von den Truppen der 6. Armee und 4. Panzerarmee trotz tapferster Gegenwehr der fanatisch kämpfenden Rotarmisten erobert wurde, flogen Rudel und seine Kameraden Einsatz auf Einsatz, mit Luftaufnahmen in der Hand, auf denen jeder Straßenzug, jede zur Festung ausgebaute Fabrik und jedes Erdloch zu erkennen waren. Angriffsziele der Stukas waren auch die sowjetischen Stellungen am Steilufer der Wolga und das Gebiet nördlich der Stadt, wo die Front beinahe rechtwinklig von der Wolga zum Don verlief. Mehrere Einsätze gingen auch in die Nähe von Beketowka, etwa 25 km südlich von Stalingrad, wo stark massierte Flak stand und hervorragend schoss. Durch Gefangenenaussagen erfuhren die „Immelmänner", dass die Flak-Bedienungen aus Mädchen und Frauen bestanden. Vor jedem Feindflug in diese Gegend hieß es nun bei den Besatzungen: „Heute geht's zur Weiber-Flak!", was durchaus nicht geringschätzig gemeint war. Die Frauen an den Flak-Geschützen verstanden es, die Luft besonders „eisenhaltig" zu machen, sodass jedes Rendezvous mit ihnen einen respektvollen Eindruck hinterließ. Am 19. November 1942 wurden die Stuka-Besatzungen auf dem Rückflug von einem Einsatz gegen den sowjetischen Brückenkopf bei Kljetsskaja auf dem Westufer des Don Augenzeugen der sich anbahnenden Katastrophe. In hellen Scharen flüchteten rumänische Verbände unter Zurücklassung ihrer feuerbereiten Geschütze und der gesamten Ausrüstung aus ihren gut ausgebauten Stellungen. In seinem Buch Unternehmen Barbarossa schildert Paul Carell das so: „Schon am Mittag des 19. zeichnete sich die Katastrophe ab. Ganze Divisionen der rumänischen Front, vor allem die 13., 14. und 9. Infanteriedivision, lösen sich auf und fluten panikartig zurück. Die Sowjets stoßen hinterher, nach Westen an den Tschir, nach Südwesten und nach Süden. Dann aber drehen sie mit ihren Hauptkräften nach Südosten. Es wird klar, sie wollen in den Rücken der 6. Armee..." Am 22. November waren die deutschen Truppen in Stalingrad eingeschlossen.


Rudel´s "Kanonenvogel" eine Ju 87 G kurz vor dem Start am 21. Juni 1943 in Russland

Ein aussichtsreicher Entlastungsversuch kam bis 48 km an den Kessel, da mussten die Hauptkräfte abgezogen werden, um die Gefahr für die gesamte Südfront zu bannen, die durch das Versagen der Italiener bei Bogoduchow entstanden war. Die in Stalingrad eingeschlossene 6. Armee lehnte die Kapitulationsaufforderungen der Sowjets ab. Dazu Generalfeldmarschall Erich von Manstein nach Kriegsende: „Diese Ablehnung war zweifellos notwendig, denn noch band die Armee über 60 sowjetische Verbände, deren Freiwerden die Katastrophe der Heeresgruppe A bedeutet hätte." Rudel und seine Kameraden vom „Immelmann"-Geschwader hatten den tapferen Abwehrkampf im Kessel selbst nach allen Seiten bis zum letztmöglichen Augenblick unterstützt. Erst als Bomben, Munition und Betriebsstoff knapp wurden, verlegten sie nach Oblivskaja, etwa 170 km westlich von Stalingrad. Im Kessel blieb eine Stuka-Sonderstaffel unter Führung von Oberleutnant Heinz Jungclaussen. Sie flog unter schwersten Einsatzbedingungen so lange, bis die Vorräte an Bomben und Kraftstoff aufgebraucht waren, dann verlegte sie ebenfalls nach Oblivskaja. Ohne ausreichende Versorgung mit Munition und Verpflegung, bei eisiger Kälte und schwersten Verlusten kämpfte die eingeschlossene 6. Armee bis zum bitteren Ende. Am 2. Februar 1943 gingen 120.000 Mann, darunter 5.000 Offiziere und Wehrmachtbeamte, sowie 45.000 Verwundete in die sowjetische Kriegsgefangenschaft. Allein in den ersten Wochen starben im Kriegsgefangenenlager Beketowka an der Wolga rund 50.000 Soldaten. Von den Stalingrad-Gefangenen überlebten nach vorsichtigen Schätzungen keine 6.000. Am 10. Februar 1943 flog Rudel, der an manchen Tagen 10, 15 oder sogar 17 (!) Feindflüge machte, seinen 1.000. Einsatz. Dieser Angriff ging gegen Einheiten der 57. sowjetischen Armee, die die Front bei Isjum (Nord-Donez) in einer Breite von 80 Kilometern aufgerissen hatten. Tausend Einsätze bedeuten tausendfache Bewährung vor dem Feind und sich selbst. Welchen körperlichen und seelischen Belastungen ein Schlachtflieger als Helfer der kämpfenden Truppe bei jedem Feindflug ausgesetzt war, ist für Nichtflieger kaum vorstellbar: durch Flakwolken und auf die Maschine zurasende Leuchtspurketten dem befohlenen Angriffsziel entgegenzustürzen, den ungeheuren Druck beim Abfangen aus dem Sturz zu ertragen, im Tiefstflug wenige Meter über dem Boden einem konzentrierten Abwehrfeuer ausgesetzt zu sein, mitzuerleben, wie Kameraden in der Luft in einem Feuerball vergehen oder durch Aufschlagbrand fallen, sich mit überlegenen Feindjägern im Kurvenkampf herumzuschlagen, blitzschnell fliegerisch richtige Entscheidungen zu treffen, als Verbandsführer für den Angriffserfolg und die mitfliegenden Kameraden verantwortlich zu sein..., das alles mit 2.530 multipliziert, ergab bis Kriegsende die einmalige fliegerische Bewährungs- und Leistungssumme, die Hans-Ulrich Rudel, wie kein anderer Flugzeugführer der kriegführenden Nationen, auf sich vereinigen konnte. Nach seinem 1.001. Feindflug musste Oberleutnant Rudel, der hartnäckig bei seiner Staffel zu bleiben versuchte, befehlsgemäß vierzehn Tage Fronturlaub nehmen, den er in St. Anton am Arlberg in Tirol mit Skilaufen verbrachte. Anschließend kam er zu einem Sonderkommando, das unter Führung von Hauptmann Hans-Karl Stepp in Rechlin/Mecklenburg und Brjansk/Desna die ersten Ju 87-G, mit je einer 3,7 cm-Flak unter jeder Tragfläche, zur Panzerbekämpfung erprobte. Mit so einem schwerfälligen und aerodynamisch recht ungünstigen „Kanonenvogel" schoss Rudel bis Kriegsende über 519 sowjetische Panzer ab. Er wurde damit der erfolgreichste „Panzerknacker" des Zweiten Weltkrieges. Mit dem Erprobungskommando zur Panzerbekämpfung verlegte Rudel nach Kertsch, wo auch das „Immelmann"-Geschwader lag und Einsätze am Kuban-Brückenkopf bei Krymskaja flog. Im Lagunengebiet der Kuban-Mündung am Asowschen Meer bewährten sich zum ersten Mal die „Kanonenvögel". Die Erprobungsstaffel vernichtete in wenigen Tagen durch Beschuss mit 3,7 cm-Sprenggranaten eine größere Anzahl sowjetischer Landungsboote. Oberleutnant Rudel konnte davon allein über siebzig versenken. Diese erfolgreichen Tiefflugangriffe mit den 3,7 cm-Rohren an den Stukas wurden mit einer automatischen Kamera gefilmt und von der Deutschen Wochenschau in den Kinos gezeigt. Am 1. April 1943 war Rudel zum Hauptmann befördert und sein Rangdienstalter wegen Tapferkeit vor dem Feind auf den 1. April 1942 zurückgestuft worden. Mit Datum vom 14. April 1943 wurde ihm als 229. Soldaten der Wehrmacht das Eichenlaub zum Ritterkreuz verliehen, das er zusammen mit zwölf weiteren Soldaten in der Neuen Reichskanzlei in Berlin aus der Hand des Führers und Obersten Befehlshabers der Wehrmacht erhielt.

"Stalin bewertete Rudels Leistung mit 100.000 Rubel, die er als Kopfprämie aussetzte."

 

Auf eigenen Wunsch erfolgte kurz darauf seine Rückversetzung zum „Immelmann"-Geschwader. Rudel brachte gleich einen „Kanonenvogel" mit, den er zwischen den eigentlichen Stuka-Einsätzen immer dann flog, wenn durchgebrochene Panzer gemeldet waren. Bald trafen weitere Panzerjagdmaschinen ein, mit denen die 10. Panzerjagdstaffel selbständig operierte, die aber einsatzmäßig Rudels Führung unterstand. Trotz starken Flakfeuers gelang es Rudel im Juli während der deutschen Großoffensive im Kursker Bogen, allein an einem einzigen Einsatztag zwölf sowjetische Panzer abzuschießen. Als er sich abends nach dem letzten Feindflug seinen durch Flaksplitter und MG-Treffer zerfledderten „Kanonenvogel" ansah, meinte er tröstend zu seinem 1. Flugzeugwart: Die Lebensdauer solcher Maschinen wird immer begrenzt sein..." Bei einem der nächsten Einsätze konnte Rudel wieder einmal „Fliegergeburtstag" feiern. Der von ihm abgeschossene Panzer explodierte in dem Augenblick, als sich die Maschine in etwa zehn Metern Höhe direkt über ihm befand, sodass sie durch die Explosionswolke flog. Dabei wurde stellenweise der grüne Tarnanstrich abgeschmort und der „Kanonenvogel" an zahlreichen Stellen von Stahlsplittern durchlöchert. Doch die Besatzung blieb unversehrt. Im August/September flog die III. Gruppe vom Platz Konotop (Orel-Nord) Einsatz auf Einsatz im Gebiet um Orel, etwas südlich darin erzielte Rudel einen Volltreffer mit einer 500 kg-Bombe auf die Brücke von Kromy (40 km südwestlich von Orel) und vernichtete gleichzeitig einen Panzer, der sich zufällig mitten darauf befand. Wenige Tage später, 60 km nördlich von Orel, westlich von Bolchow, hatte Rudel wieder einmal unwahrscheinliches Glück. Seine Maschine erhielt einen Flaktreffer in den Motor und er wurde durch Splitter im Gesicht verletzt. Mit stehender Luftschraube gelang ihm eine Notlandung in den vordersten deutschen Linien. Kaum wieder mit seinem Bordschützen zurück auf dem Feldflugplatz bei Orel, ging es mit einer anderen Maschine in die gleiche Gegend, in der es ihn erwischt hatte. Am 18. September fiel bei einem nächtlichen Bombenangriff auf den Platz bei Orel Rudels Freund aus der Grazer Ergänzungsstaffel, der Eichenlaubträger Major Walter Krauß, der seit einiger Zeit Kommandeur der III. Gruppe war. Der Tod des guten Kameraden und Freundes ging Rudel sehr nahe. Die „Immelmänner" empfanden den Verlust dieses erfolgreichen Stuka-Fliegers und hervorragenden und beliebten Kommandeurs besonders schmerzlich. Nun musste Hauptmann Rudel seine 1. Staffel abgeben, weil er mit der Führung der III. Gruppe beauftragt wurde. Wo auch immer an der Front zwischen Finnischem Meerbusen und Schwarzem Meer die Lage durch sowjetische Gegenoffensiven oder örtliche starke Panzervorstöße kritisch wurde, die Stuka-Flieger und das Bodenpersonal des „Immelmann"-Geschwaders merkten das sofort an den sich häufenden Verlegungsbefehlen. Beinahe von Tag zu Tag wechselten dann in den Flugbüchern der Besatzungen die schwer zu behaltenden russischen Ortsnamen. So auch im Spätherbst und Winter 1943. Rudel musste mit seiner III. Gruppe u.a. von Orel nach Kareitschew, Brjansk, Charkow, Dnjepropetrowsk, Barwinkowa, Stalino, Pawlowka, Bolschaja-Kostromka bei Apostolowo und Kriwoj-Rog verlegen, um die bedrängten Wehrmachtverbände des Heeres und der Waffen-SS im Südabschnitt zu unterstützen. Im Spätherbst hatte Rudel seinen 1.500. Einsatz geflogen und bis dahin insgesamt 60 Panzer abgeschossen. Bis Ende November stieg seine Panzer-Abschusszahl bereits auf über 100. Am 25. November 1943 wurde ihm als 42. Soldat der Wehrmacht das Eichenlaub mit Schwertern zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes verliehen, die er im Führerhauptquartier „Wolfschanze" bei Rastenburg in Ostpreußen vom Obersten Befehlshaber der Wehrmacht erhielt. Seinen bewährten Bordschützen, Oberfeldwebel Erwin Hentschel, hatte Rudel für das Ritterkreuz vorgeschlagen, aber zu seinem Bedauern wurde dem Antrag bis dahin noch nicht stattgegeben. Um dem Schicksal etwas nachzuhelfen, nahm er ihn bei diesem Anlass einfach mit ins Führerhauptquartier. Dort erkundigte er sich beim Luftwaffenadjutanten Nicolaus von Below, ob er wisse, wo sich der Antrag befinde. Daraufhin rief von Below beim Oberbefehlshaber der Luftwaffe Reichsmarschall Hermann Göring an, welcher fernmündlich seine Zustimmung zur Verleihung gab. „Hentschel soll gleich mitkommen“, war die Reaktion von Hitler, als von Below ihm den Sachverhalt schilderte. So kam Hentschel (zu diesem Zeitpunkt 1.000 Feindflüge und mehrere Flugzeugabschüsse) zu der ganz seltenen Ehre, von Hitler persönlich das Ritterkreuz verliehen zu bekommen, der solche Ehrungen eigentlich nur noch vom Eichenlaub an vornahm.


Hitler verleiht Rudel im Führerhauptquartier West als erstem und einzigen Soldaten der Wehrmacht die höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung, das Goldene Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes

Im Südabschnitt bei Kirowograd (etwa 120 km nordwestlich von Kriwoj-Rog), wo die Sowjets mit überlegenen Kräften angriffen, war an manchen Einsatztagen das Wetter so schlecht, dass sogar erfahrene „Stukateure" zum fliegerischen Können noch viel Glück brauchten, um ihre Maschinen durch die Waschküche wieder heil nach Hause zu bringen. Durch plötzlich auftretenden Nebel, waren eines Morgens, auf dem Rückflug vom Frühaufklärungseinsatz mit zwei Maschinen, auch Rudel und Leutnant Helmut Fickel zur Notlandung auf deutschem Gebiet gezwungen. Trotz schlechtester Sicht, Sichtweite nur 30 bis 40 Meter, kamen sie gut herunter. Rudel rollte zusammen mit seinem Bordschützen Hentschel fast 40 km weit über eine Straße bis in die Nähe des Feldflugplatzes Perwomaisk (Bug). Eine enge Bahnunterführung verhinderte ein Weiterrollen. Nach Verbesserung der Sichtverhältnisse startete er von der Straße und brachte die Maschine zum Platz. Zweifellos hat er bei dieser Gelegenheit einen Weltrekord im Flugzeug-Weitrollen aufgestellt und das unter erschwerten Bedingungen, denn die Rollbahn war von Heeresfahrzeugen stark benutzt. Die Landser werden sich über den „Stuka zu Fuß" nicht schlecht gewundert haben. Am 1. März 1944 wurde Hans-Ulrich Rudel zum Major befördert und sein Rangdienstalter wegen Tapferkeit vor dem Feind auf den 1. Oktober 1942 festgesetzt. Mitte März hatten die Sowjets mehrere Brücken über den Dnjestr geschlagen, ungehindert durch die „Immelmann"-Stukas, die wegen einer Schlechtwetterperiode nicht starten konnten. Als am 20. März die Wetterverhältnisse wieder Einsätze erlaubten, flog Rudel mit seiner Gruppe siebenmal in den Raum Nikolajew, eine Hafenstadt an der Bugmündung, und in die Gegend nördlich von Balta (Podolien), etwa 80 km westlich des Bug. Der achte Feindflug führte zur Dnjestr-Brücke bei Jampol, die trotz starker Flakabwehr und Angriffen durch 20 Feindjäger zerstört werden konnte. Wegen eines Motortreffers musste eine der deutschen Maschinen auf Feindgebiet jenseits des Flusses notlanden. Rudel, der bereits sechs Stuka-Besatzungen vor Gefangenschaft oder Tod bewahrt hatte, wollte auch diese beiden Kameraden herausholen und landete bei ihnen. Aber ein Start war ihm auf russischem Gebiet nicht mehr möglich. Das Fahrwerk der Maschine versackte im morastigen Boden. Auf der Flucht vor heranstürmenden Rotarmisten konnte er mit seinen drei Kameraden den Hochwasser führenden Dnjestr bei einer Wassertemperatur knapp über Null Grad schwimmend durchqueren. Doch sein bewährter Bordschütze, Ritterkreuzträger Erwin Hentschel, versank kurz vor dem rettenden Ufer in den eisigen Fluten. Der Rettungsversuch durch Rudel blieb erfolglos. Er und die beiden verbliebenen Kameraden wurden bald darauf von Rotarmisten gefangengenommen. Major Rudel gelang eine tollkühne Flucht, und er erreichte trotz eines Schulterschusses die eigenen Linien. Schon am zweiten Tag nach der strapaziösen Flucht durch etwa 50 km Feindgebiet, flog er bereits wieder Einsätze. Wegen Verletzungen an beiden Füßen musste ihn sein 1. Flugzeugwart jedesmal zur Maschine tragen. Wie erfolgreich die Einsätze des verwundeten Gruppenkommandeurs in den Tagen nach seiner abenteuerlichen Flucht waren, ging aus den OKW-Berichten hervor. Am 27. März hieß es im Wehrmachtbericht: „... Major Rudel, Gruppenkommandeur in einem Schlachtgeschwader, vernichtete im Süden der Ostfront an einem Tage 17 feindliche Panzer." Am 28. März wurde er schon wieder genannt: „... Zwischen Dnjestr und Pruth griffen starke deutsche Schlachtfliegerkräfte in die Kämpfe ein. Sie zerstörten zahlreiche feindliche Panzer und eine große Zahl motorisierter und bespannter Fahrzeuge. Dabei vernichtete Major Rudel wiederum neun feindliche Panzer. Er hat damit in mehr als 1.800 Einsätzen allein 202 feindliche Panzer vernichtet..." Am 29. März 1944 wurde Major Rudel als 10. Soldat der Wehrmacht mit den Brillanten zum Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern ausgezeichnet. Die zu jenem Zeitpunkt noch höchste Tapferkeitsauszeichnung erhielt er vom Obersten Befehlshaber der Wehrmacht Adolf Hitler auf dem Berghof bei Berchtesgaden persönlich ausgehändigt. Wegen seiner verletzten Füße trug er dabei Fliegerpelzstiefel. Es war das einzige Mal, dass sich ein Offizier derart unvorschriftsmäßig gekleidet beim Obersten Befehlshaber meldete. Bei der Verleihung, eröffnete ihm Hitler: „Nun ist es mit dem Fliegen genug, denn nicht alle großen Soldaten dürfen fallen. Es muss auch lebende Vorbilder für die Jugend geben.“ Rudel antwortete darauf, dass er unter der Bedingung, nicht mehr an der Spitze seiner Gruppe Einsätze fliegen zu dürfen, die Auszeichnung nicht annehme. Hitler machte daraufhin ein sehr ernstes Gesicht und schwieg zunächst. Nach einer spannungsgeladenen Pause lächelte er und sagte: „Also fliegen sie! Aber geben sie auf sich acht, das deutsche Volk braucht sie!“ Rudel fiel ein Stein von Herzen und er genoss das anschließende zweistündige Gespräch mit Hitler, indem es um neue Waffen, die militärische Lage und Geschichte ging. Drei Tage nach seinem 2.000. Feindflug hieß es am 3. Juni 1944 im Wehrmachtbericht: „... Major Rudel, mit dem höchsten deutschen Tapferkeitsorden ausgezeichnet, flog an der Ostfront zum 2.000. Male gegen den Feind."


Rudel mit dem Kranz zum 2000. Feindflug, eine Auszeichnung seines Geschwaders.


2. Weltkrieg III

 


 
April 1943 Versenkung von 70 Landungsbooten am Kubanbrückenkopf
mit der Ju 87 "Kanonenvogel"
14.4.1943 Eichenlaub zum Ritterkreuz
12.8.1943 1300. Feindflug (1500. Feindflug zwei Monate später)
25.11.1943 Ritterkreuz mit Eichenlaub und Schwertern
20. - 22.3.1944 Landung hinter feindlichen Linien und Rückkehr
29.03.1944 Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten
01.06.1944 2000. Feindflug (300. Panzerabschuss zwei Monate später)
01.01.1945 (durch Führerlass 29.12.1944) in den Statuten verankert) Goldenes Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten
08.02.1945 Schwere Verwundung und Amputation des rechten Unterschenkels
16.01.1945 Goldene Tapferkeitsmedaille Ungarns
April 1945 Rückkehr zum Geschwader

Anlässlich des 2.000. Feindfluges, der ins Kampfgebiet bei Jassy Rumänien ging, verlieh ihm der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Reichsmarschall Hermann Göring, das Gemeinsame Flugzeugführer- und Beobachterabzeichen in Gold mit Brillanten sowie die Frontflugspange für Schlachtflieger in Gold mit Brillanten und Anhänger mit der Einsatzzahl „2000“, die bis Kriegsende nur Rudel erhielt. Am 6. August 1944 wurde er wieder im Wehrmachtbericht genannt: „... 27 weitere Panzer wurden durch Schlachtflieger vernichtet. Hiervon schoss Major Rudel allein elf Panzer ab und erzielte damit seinen 300. Panzerabschuss durch Bordwaffen." Acht Tage später stand bereits der 320. Panzerabschuss auf seiner Erfolgsliste. Von Rumänien verlegte Rudels „Stuka-Feuerwehr" in den Mittelabschnitt, dann nach Ostpreußen und Kurland. Mehrere Panzerdurchbrüche wurden durch ihn und seine Kameraden verhindert, u.a. bei Ergli an der Kurland-Front am 19. August. Dabei erhielt er Flaktreffer und musste zusammen mit seinem Bordschützen Stabsarzt Dr. Ernst Gadermann notlanden. Die Maschine ging dabei zu Bruch, Rudel wurde am Bein verwundet und Stabsarzt Dr. Gadermann erlitt einige Rippenbrüche. Das hielt sie aber nicht davon ab, sofort wieder den nächsten Einsatz in die gleiche Gegend zu fliegen und die Flak sowie Fahrzeugkolonnen erfolgreich zu bekämpfen. Von Kurland musste Rudels Gruppe erst zurück nach Rumänien verlegen, dann nach Ungarn, wo u.a. der erbitterte Kampf der Waffen-SS-Verbände im eingeschlossenen Budapest unterstützt wurde. Im Spätsommer 1944 übernahm Rudel, am 1. September zum Oberstleutnant befördert, die Führung des Schlachtgeschwaders 2 „Immelmann". Sein Nachfolger als Kommandeur der III. Gruppe wurde Ritterkreuzträger Hauptmann Kurt Lau. Bei einem erfolgreichen Panzerjagdeinsatz durch einen Steck- und Durchschuss am linken Oberschenkel verwundet, gelang Rudel eine Notlandung auf einem Jägerplatz bei Budapest. Nach der Operation in einem Lazarett wurde Rudel mit eingegipstem Bein in ein Sanatorium nach Hevis am Plattensee gebracht. Er fragte sofort den Chefarzt, wann er wieder fliegen könne. „Wenn alles gut geht", lautete die Antwort, „können Sie in sechs Wochen zum erstenmal aufstehen." Der Arzt kannte Rudel nicht... Sollte er hier im Bett faulenzen, wenn die Kameraden der Erdtruppen in schwerstem Abwehrkampf standen und seine „Immelmänner" täglich ihr Leben einsetzten? Nach einigen Tagen packte er mit einem Kameraden, der ihn besucht hatte, seine Sachen zusammen und verschwand. Beim nächsten Einsatz war er wieder dabei …, mit Gipsverband! Im Dezember zwang ihn ein Flaktreffer schon wieder zur Notlandung. Zufällig vorbeikommende Landser hoben ihn aus der Maschine und brachten ihn mit ihrem Fahrzeug zur Einheit zurück. Beim nächsten Einsatz war er wieder dabei. Am 29. Dezember 1944 wurde Oberstleutnant Rudel als erster und einziger Soldat mit der höchsten deutschen Tapferkeitsauszeichnung, dem Goldenen Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes ausgezeichnet. Er erhielt es vom Führer des Großdeutschen Reiches Adolf Hitler im Führerhauptquartier West „Adlerhorst“, im Taunus/Hessen, in Anwesenheit des Chefs des Wehrmachtführungsstabes Generaloberst Alfred Jodl, des Chefs des Oberkommandos der Wehrmacht Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, des Oberbefehlshabers der Luftwaffe Reichsmarschall Hermann Göring und des Oberbefehlshabers der Kriegsmarine Großadmiral Karl Dönitz. Gleichzeitig wurde er zum Oberst befördert. Rudels Freude verwandelte sich in Niedergeschlagenheit, als Hitler sagte: „Mit dem Fliegen ist es jetzt genug. Sie müssen der deutschen Jugend als Vorbild erhalten bleiben und Ihre Erfahrung auch." Die hohen Offiziere hielten den Atem an, als Rudel antwortete: „Mein Führer, ich nehme die Auszeichnung und Beförderung nicht an, wenn ich nicht weiter mit meinem Geschwader fliegen darf." Hitler lenkte nach einer kurzen Pause ein und sagte: „Also fliegen sie wieder“. Anschließend durfte Rudel noch an der folgenden Lagebesprechung teilnehmen und dann flog er zurück zum Geschwader nach Ungarn.


Rudel als frischer Oberst mit der höchsten deutschen Tapferkeitsauszeichnung

Am 16. Januar 1945 bekam er als einziger Ausländer während des Zweiten Weltkrieges die höchste Tapferkeitsauszeichnung Ungarns, die Goldene Tapferkeitsmedaille, die nur insgesamt siebenmal verliehen wurde. Die Sowjets waren am 12. Januar aus dem Baranow-Brückenkopf an der Weichsel mit weit überlegenen Kräften zur Großoffensive angetreten, tief in den Mittelabschnitt eingedrungen und hatten auch Rudels Heimat Schlesien erreicht. Er bat das Fliegerkorps um Genehmigung, nach Schlesien verlegen zu dürfen, welche für die II. und III. Gruppe auch erteilt wurde. Von Udetfeld, einem Fliegerhorst bei Tarnowitz, gingen nun zahlreiche Einsätze hauptsächlich ins oberschlesische Industriegebiet. In diesen Tagen wurde das Flugverbot für ihn telefonisch aus dem Führerhauptquartier erneuert, aber Geschwaderkommodore Rudel ignorierte den Befehl: „Die können mir doch nicht das Fliegen verbieten, wenn die russischen Panzer auf deutschem Boden spazierenfahren!" Seine Panzerabschüsse wurden nun meist auf das Geschwaderkonto verbucht, damit die höhere Führung nichts merkte. Es folgten eine kurzfristige Verlegung nach Märkisch-Friedland in Pommern, dann nach Fürstenwalde/Oder, mit Einsätzen ins Gebiet Frankfurt/Oder-Küstrin. Hier konnten Rudel und seine „Immelmänner" ostwärts von Frankfurt eine von Panzern eingeschlossene, hart bedrängte Einheit freikämpfen. Beim Abflug sahen die Stuka-Besatzungen die Landser winken und vor Freude ihre Stahlhelme in die Luft werfen. Dann kam der 8. Februar, ein Tag im Leben des legendären Stuka-Oberst, den dieser nie vergessen sollte. Jeder Schritt würde ihn daran erinnern. Bei Lebus, nördlich von Frankfurt/Oder, nur noch rund 80 km vor Berlin, war es der Roten Armee gelungen, mit Panzern über eine Behelfsbrücke ans Westufer der Oder zu kommen. Während bei stärkster Flakabwehr die Stukas die Pontonbrücke angriffen, nahmen Rudel und die 10. Panzerstaffel die T-34 und schweren Stalin-Panzer ins Visier ihrer „Kanonenmaschinen". Rudel konnte vier Panzer in Brand schießen, erhielt aber selbst Flaktreffer und musste beim nächsten Einsatz die Maschine wechseln. Bei den Angriffen im konzentrierten Flakfeuer begleitete ihn als Bordschütze Ritterkreuzträger Geschwaderarzt Dr. Gadermann, der einzige Luftwaffenarzt mit über 800 Feindflügen und mehreren Luftsiegen. Beim vierten Einsatz brannten bei Lebus durch Rudels „Kanonenmaschine" insgesamt bereits zwölf Panzer. Den 13., einen Stalinpanzer, erledigte er mit dem letzten Schuss, nach mehreren vergeblichen Anflügen. Dabei erhielt seine eigene Maschine einen 4 cm-Flak-Volltreffer, der Rudels rechten Unterschenkel fast vollständig vom Bein abtrennte. Trotz grausamer Schmerzen und hohem Blutverlust gelang ihm, unter Aufbietung aller Willenskräfte, eine Notlandung auf eigenem Gebiet. Dr. Gadermann band das Bein oberhalb der Wunde ab und rettete ihn vor dem Verbluten.


Trotz Prothese nahm Rudel erfolgreich an Skiwettkämpfen gegen gesunde Konkurrenz teil

Als Rudel auf dem Hauptverbandplatz der Waffen-SS bei Seelow aus der Narkose erwachte, erfuhr er vom Arzt, der sich über den Gipsverband am linken Oberschenkel gewundert hatte, dass der rechte Unterschenkel amputiert werden musste. Für den Vollblutsportler eine unfassbare, niederschmetternde Mitteilung. Auf Befehl des Oberbefehlshabers der Luftwaffe wurde er nach Berlin ins Lazarett des Flakbunkers am Zoo verlegt. Dort meinte der behandelnde Arzt: „Mit dem Fliegen ist es jetzt vorbei!" Er unterschätzte Rudels kämpferischen Einsatzwillen: Schon nach rund sechs Wochen kämpfte er wieder an der Spitze seines Geschwaders, trotz großer Schmerzen im nicht verheilten Beinstumpf. Nach fast jedem Feindflug musste sein 1. Wart die Blutspuren in der Maschine beseitigen. Als Bordschütze flog diese Einsätze Kriegsberichter Hauptmann Ernst-August Niermann mit, der für seine Gesamterfolge zum Ritterkreuz vorgeschlagen wurde. Bis zum letzten Tag erfüllten Besatzungen und Bodenpersonal des „Immelmann"-Geschwaders ihre Soldatenpflicht. Durch die Einsätze Rudels und seiner Kameraden wurde unzähligen Landsern und Flüchtlingen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien Leben und Freiheit gerettet. Dass sie nicht ebenfalls, wie so viele andere, Opfer einer entmenschten, von Stalins Propagandisten Ilja Ehrenburg aufgepeitschten Soldateska wurden, verdankten sie auch den Stuka-Fliegern. In der Stadt Niemes/Sudetenland und auf dem Feldflugplatz Kummer, südlich davon, erreichte Rudel und seine Kameraden von der II. Gruppe am 8. Mai 1945 die Nachricht von der Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Wenig später waren die „Immelmänner" angetreten, ihr Kommodore ging langsam zu seinen Soldaten. Die Behelfsprothese drückte schmerzhaft auf den unverheilten Beinstumpf. Oberst Rudel spürte den Schmerz kaum, er war innerlich zu aufgewühlt von der Kapitulationsnachricht. Ein Offizier meldete die angetretene Einheit. „Kameraden...", begann Rudel, er stockte, dachte an die I. Gruppe, die in Österreich lag, jenem Teil des Deutschen Reiches, der erst vor wenigen Tagen von einer provisorischen „Staatsregierung" in Wien zur „Republik" erklärt worden war, und an die III. Gruppe auf dem Flugplatz Kletzan, nördlich von Prag, würde er sie jemals wiedersehen? Der Kommodore sprach weiter: „... nachdem wir so viele Kameraden verloren haben, nachdem so viel deutsches Blut in der Heimat und an den Fronten geflossen ist, hat ein unverständliches Schicksal uns nicht vergönnt, den Krieg zu gewinnen. Die Leistungen unserer Soldaten, unseres ganzen Volkes, sind unvergleichlich groß gewesen. Der Krieg ist verloren. Ich danke euch für die Treue, mit der ihr im Geschwader der Heimat gedient habt." Rudel schritt zum letzten Mal die Front ab, gab jedem die Hand, niemand sagte etwas. Seine Männer verstanden seinen stummen Händedruck. Beim mühsamen Fortgehen mit seiner Behelfsprothese ertönte das Kommando: „Augen - rechts!" als Ehrenbezeugung für ihn als Kommodore, als Kämpfer und als Kamerad.
Oberst Rudel wollte vom Flugplatz Kummer die Bodenkolonne durch die Tschechoslowakei in westliche Richtung zu den amerikanischen Truppen führen. Der Gruppenkommandeur sollte mit den Maschinen in die Heimat fliegen. Hierüber berichtete er in seinem Buch „Trotzdem“: „Als der General hört, dass ich den Landtransport führen will, befiehlt er, dass ich aufgrund meiner Verwundung fliegen und Fridolin die Kolonne führen soll. Nachdem die Kolonne fort ist, fliegt jeder weg, der nicht auf meinen Start warten will. Für viele wird es möglich sein, sich der Gefangenschaft zu entziehen, wenn sie irgendwo in der Nähe ihres Zuhauses landen. Für mich kommt es nicht in Betracht, sondern ich werde auf einem amerikanisch besetzten Platz landen, da ich sofort für mein Bein ärztliche Versorgung brauche." Auf dem Hinflug werden die Maschinen noch von russischen Jägern angegriffen, es gelingt jedoch zu entkommen. In Begleitung seines Bordschützen Hauptmann Niermann landete Rudel mit mehreren anderen Geschwadermaschinen auf dem amerikanisch besetzten Fliegerhorst Kitzingen bei Würzburg. Beim Anflug auf Kitzingen gibt Rudel den Befehl, nur mit Bruch zu landen. Es dürfen keine flugklaren Maschinen übergeben werden! Rudel tritt bei voller Fahrt in die Bremsen und Seitenruder, das Fahrwerk wird dabei abgerissen. Seine Kameraden tun es ihm gleich. Nach ihrer „Landung“ werden die Stuka-Flieger gefangen genommen und sofort von Armbanduhren, Füllfederhaltern und Tapferkeitsauszeichnungen durch die US-Amerikaner „befreit". Die Proteste Rudels und seiner Kameraden bleiben aber ohne Erfolg.


Nachkriegsjahre/Auszeichnungen

Nachkriegszeit

 

Während die anderen Stuka-Besatzungen in ein nahegelegenes Gefangenenlager kamen, brachten die Amerikaner Oberst Rudel, ohne seinen stark schmerzenden Beinstumpf ärztlich zu versorgen, zusammen mit Hauptmann Niermann über Erlangen und Wiesbaden in Gefangenenlager nach England und dann nach Frankreich. Nach vielen Wochen und Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten konnte Rudel endlich seine Verlegung in ein deutsches Kriegslazarett durchsetzen. Niermann wurde in die britische Besatzungszone entlassen. Rudel kam nach Fürth in Bayern, wo seine eiternde Amputationswunde von deutschen Ärzten vorbildlich versorgt wurde. Nach seiner Entlassung Mitte April 1946 war er zunächst in Coesfeld/Westfalen als Fuhrunternehmer tätig. Mit seiner ausgezeichneten Beinprothese, die er in Kufstein/Tirol bei Meister Fritz Striede, einem außergewöhnlich talentierten Prothesenbauer, anfertigen ließ, nahm er später an mehreren Skiwettkämpfen teil und brachte zahlreiche Siege nach Hause und das nicht nur bei Versehrten-Skimeisterschaften, sondern auch bei Wettkämpfen gegen gesunde Konkurrenz. Zusammen mit seinen Kameraden Eichenlaubträger Hauptmann Herbert Bauer (Kommandeur der I. Gruppe) und Hauptmann Niermann gelangte er auf abenteuerlichen Wegen vom Zillertal aus über die Berge nach Südtirol, von dort nach Rom und dann im Juni 1948 nach Córdoba in Argentinien, wo er, wie einige andere prominente deutsche Flieger, als Berater der argentinischen Flugzeugindustrie tätig war. In der Freizeit standen auf Rudels Programm, wie hätte es anders sein können, Schwimmen, Tennis, Reiten, Diskus- und Speerwerfen, Skilaufen und Bergsteigen. Bei Schlechtwetter schrieb er seine Kriegserlebnisse nieder, die als Buch unter dem Titel „Trotzdem“ (1949) bei dem patriotischen deutschen Dürer-Verlag in Buenos Aires erschienen und in zahlreiche Sprachen übersetzt, im Ausland eine Gesamtauflage von weit über einer Million Exemplaren erreichten. 1949 nahm Rudel als einziger Kriegsversehrter an den internationalen Skiwettkämpfen in Bariloche teil und fuhr trotz Beinprothese erfolgreich in der ersten Klasse. Im gleichen Jahr bestieg er den Aconcagua in den argentinischen Anden, den mit 7.020 Metern höchsten Berg Gesamtamerikas, musste aber wegen eines plötzlichen Schlechtwettereinbruchs kurz vor dem Gipfel umkehren. Die zweifellos größte alpinistische Leistung vollbrachte der beinamputierte Sportler 1953 mit der Erstbesteigung des 6.920 Meter hohen Llullay-Yacu, eines erloschenen Vulkans in den Anden. Um die dabei entdeckten Inkaruinen unterhalb des Gipfels genauer zu untersuchen, unternahm er mit seinen Kameraden eine zweite Expedition, bei der der Fotograf Erwin Neubert tödlich abstürzte. Erst bei Rudels dritter Expedition innerhalb eines Jahres konnte der tote Kamerad geborgen und in einem Felsengrab am Gipfel des Llullay-Yacu beigesetzt werden, wie es der Wunsch seiner Eltern war. Rudel und seine Bergkameraden, wurden von Argentiniens Präsidenten General Juan Perón empfangen und die Tageszeitungen und Illustrierten veröffentlichten in Süd- und Nordamerika große Berichte über ihre Leistungen. Nach Ablauf seines Arbeitsvertrages mit der argentinischen Regierung kehrte Rudel nach Deutschland zurück. Auch hier errang er bei Ski- und Tenniswettkämpfen und Versehrten-Meisterschaften zahlreiche Siege, sodass die Schränke in seinem herrlich gelegenen Urlaubsrefugium am Stimmersee in Kufstein/Tirol für die Trophäen kaum ausreichten. Einen Ehrenplatz bekam der Silberpokal, den Rudel vom Westdeutschen Skiverband als erfolgreichster Skisportler erhielt. Dieser erfolgreiche Weg des beinamputierten Leistungssportlers, der auch nach Kriegsende weder rauchte, noch Alkohol trank, wurde im Alter von noch nicht 54 Jahren durch eine harte Schicksalsfügung plötzlich unterbrochen. Am 26. April 1970 erlitt Rudel auf dem Heimweg nach einem Skirennen im Zillertal/Tirol einen schweren Schlaganfall. Erst ein Jahr zuvor war sein dritter Sohn geboren worden, Christoph, das einzige Kind, das aus Rudels zweiter Ehe mit Ursula Rudel geb. Daemisch hervorging. Von seinem Anfall erholte Rudel sich nur langsam und behielt zeitlebens eine Lähmung des rechten Armes sowie eine Schwächung des rechten Beines zurück. Nur seiner Selbstdisziplin und seinem unbeugsamen Willen verdankte Rudel es, dass sich für sein berufliches Leben als Industrieberater kaum eine Veränderung ergab. Trotz seiner Halbseitenlähmung nahm Rudel sogar bald wieder an Skirennen teil, wenngleich jetzt nur noch an von Behindertenverbänden durchgeführten. Immer noch galt für Rudel uneingeschränkt sein Motto: „Verloren ist nur, wer sich selbst aufgibt!" Ende 1976 kam es zu einem von den Medien künstlich erzeugten Politikum, der „Generalsaffäre". Am 23. Oktober hatte Hans-Ulrich Rudel als letzter Kommodore des Stuka-Geschwaders 2 „Immelmann" an einer Traditionsveranstaltung des Bundeswehr-Aufklärungsgeschwaders 51 „Immelmann" in Bremgarten bei Freiburg teilgenommen. Dieses vollkommen unpolitische Ereignis wurde in den Medien hochgespielt, und zwei Bundeswehrgenerale, Walter Krupinski (415. Eichenlaub) und Karl-Heinz Franke, äußerten vor Journalisten auf die Frage, warum sie einem „rechten" Wehrmachtoffizier die Teilnahme an einer Bundeswehrveranstaltung gestatteten, dass Rudel ebenso ein Recht auf freie Meinungsäußerung habe wie Persönlichkeiten, die dem politisch linken Spektrum zuzurechnen seien. Dies führte zu einem Medieneklat, der zur Folge hatte, dass Verteidigungsminister Georg Leber (SPD) darauf bestand, Krupinski und Franke fristlos zu entlassen, was auch geschah. 1977 wurde nach zwölf Jahren Rudels zweite Ehe geschieden, und im Dezember desselben Jahres heiratete er mit Ursula Baßfeld seine dritte Frau. Nur ein Jahr später kam es abermals zu einem Eklat. Rudel hatte anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien die deutschen Spieler in Ascochinga besucht und bei der Gelegenheit Helmut Schön, den deutschen Nationaltrainer getroffen, mit dem Rudel ebenso befreundet war wie etwa mit Schöns Vorgänger Sepp Herberger. Erneut konstruierte die Presse aus der Begegnung von Rudel und Schön ein Politikum. Am 3. November 1982 erlitt Rudel einen leichten Schlaganfall. Sofort wurde er zur Untersuchung und Beobachtung ins Klinikum Rosenheim eingeliefert. Dort ereilte ihn nur wenige Stunden später ein schwerer Schlaganfall, der Rudel in ein Koma stürzte, aus dem er nie mehr erwachen sollte. Nach sechs Wochen, am 18. Dezember 1982, verstarb der höchstdekorierte Soldat der Wehrmacht. Zu seiner Beerdigung versammelten sich am 22. Dezember 1982 fast 3.000 Verwandte, Freunde und Weggefährten aus aller Welt auf dem kleinen Friedhof von Dornhausen, auf dem bereits Rudels Eltern beerdigt waren. Aktive Piloten der Bundesluftwaffe ließen es sich trotz aller Verbote nicht nehmen, dem erfolgreichsten Flieger der Welt Reverenz zu erweisen. Im Tiefflug donnerten zwei Jagdflugzeuge vom Aufklärungsgeschwader 51 „Immelmann" während der Beerdigung von Oberst Hans-Ulrich Rudel über das Friedhofsgelände.

"Wie es auch sei, Rudel ist der größte Flieger, den die Geschichte kennt!!! Ich möchte ihn einmal sehen und ihm die Hand drücken!! Er ist ein bewundernswerter Mensch!"
Ein kriegsversehrter sowjetischer Hauptmann a.D., Träger hoher Tapferkeitsauszeichnungen, schrieb dies in einem Brief, der auf Umwegen aus der Sowjetunion nach Kufstein gelangte.

 
April 1946 Rudel wird aus der Gefangenschaft entlassen.
1948 Rudel wandert nach Argentinien aus
(Berater der argentinischen Luftwaffe)
1950 Memoiren "Trotzdem".
1951 Engagement für die Sozialistische Reichspartei (SRP).
1955 Rudel übersiedelt nach Paraguay
(Rudels Buch 1956: "Zwischen Deutschland und Argentinien")
 

 

Rudel bei einer Veranstaltung in den 1970er Jahren

Der auch von seinen früheren Gegnern geachtete Stuka-Oberst hatte auf 2.530 Feindflügen unter anderem über 519 sowjetische Panzer (rund fünf sowjetische Panzerkorps), ein Schlachtschiff, einen Kreuzer, einen Zerstörer, 70 Landungsboote, mehr als 800 motorisierte und bespannte Fahrzeuge, über 150 Artillerie-, Pak- und Flakstellungen, sowie zahlreiche wichtige Brücken, Nachschublinien und Bunker vernichtet. Er erzielte neun betätigte Luftsiege (sieben sowjetische Jäger, zwei Schlachtflugzeuge Il 2), wurde über dreißigmal durch Flak und Infanteriewaffen abgeschossen, fünfmal verwundet, rettete sechs notgelandete Besatzungen und erhielt als einziger Soldat die höchste deutsche Tapferkeitsauszeichnung: das Goldene Eichenlaub mit Schwertern und Brillanten zum Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes. Mit seinen 2.530 Feindflügen und seinen Leistungen wurde er der erfolgreichste Kriegsflieger der Weltgeschichte.

 


 
Auszeichnungen
 
Medaille zur Erinnerung an den 01. Oktober 1938
Eisernes Kreuz II. Klasse am 10. November 1939
Eisernes Kreuz I. Klasse am 18. Juli 1941
Frontflugspange für Kampfflieger in Gold am 15. Juli 1941
Luftwaffe Ehrenpokal für besondere Leistungen im Luftkrieg am 20. Oktober 1941
Deutsches Kreuz in Gold am 24. April 1942
Ritterkreuz des Eisernen Kreuzes
Ritterkreuz am 15. Januar 1942
Eichenlaub am 14. April 1943
Eichenlaub mit Schwertern am 25. November 1943
Eichenlaub mit Schwertern und Brillianten am 29. März 1944
goldenes Eichenlaub mit Schwertern und Brillianten am 29. Dezember 1944
Gemeinsame Flugzeugführer- und Beobachterabzeichen in Gold mit Brillanten im Juni 1944
Frontflugspange für Schlachtflieger in Gold mit Brillanten und Anhänger mit der Einsatzzahl „2000“ im Juni 1944
Ungarische Goldene Tapferkeitsmedaille, Magyar Tiszti Arany Vitézségi Éremmel am 16. Januar 1945
Verwundtenabzeichen in Gold
Nennung im Wehrmachtsbericht am 27. März 1944
Nennung im Wehrmachtsbericht am 28. März 1944
Nennung im Wehrmachtsbericht am 03. Juni 1944
Nennung im Wehrmachtsbericht am 06. August 1944
Nennung im Wehrmachtsbericht am 10. Februar 1945

 


Grabstein von Oberst Rudel