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Das Thema

COLDITZ GLIDER

 

Der Colditz Glider, auch bekannt als Colditz Cock (engl. für Colditz Hahn), wurde unter der Führung der im Krieg gefangen genommenen Piloten Jack Best und Bill Goldfinch sowie dem Heeresoffizier Tony Rolt im Schloss Colditz gebaut. Dazu haben sie weitestgehend ohne größere Hilfe das Material beschafft, den Segler montiert und zudem alle Spuren verwischt.

 


Einziges Foto des Originalgleiters, aufgenommen von einem unbekannten GI (1945). Gut zu erkennen ist das blau-weiße Muster der zur Abdeckung umfunktionierten Bettbezüge

 

Schloss Colditz

SCHLOSS COLDITZ

Schloss Colditz ist ein im Jahre 1046 erstmals erwähntes Schloss in der Nähe der sächsischen Stadt Colditz. Dort wurde aufgrund der Lage (relativ hohe Klippen, Stacheldraht, Scheinwerferbatterien) das Kriegsgefangenenlager OfLag (Offizierlager) IV C gebildet, in dem alliierte Offiziere nach Ausbruchsversuchen landeten. Das Schloss wurde als ausbruchssicher deklariert, dennoch gelang mindestens 30 Offizieren die Flucht.
Bekannte Insassen waren Giles Romilly, Neffe von Winston Churchill oder George Lascelles, Neffe von König Georg VI.. Pat Reid, ein britischer Offizier, gelang die Flucht und verarbeitete seine Erlebnisse in dem Buch >>The Colditz Story<<, wodurch das Schloss international bekannt wurde.
Am 15. April 1945 wurde Colditz durch amerikanische Truppen befreit. Von da an wurde das Kriegsgefangenenlager in ein Sammellager für enteignete Großgrundbesitzer umfunktioniert.
 


Schloss Colditz in den 1930er-1940er Jahren

 


Schloss Colditz heute

 

JACK BEST

(6. August 1912 – 22. April 2000)

 

Jack Best, ein britischer Leutnant der Luftwaffe, geriet 1941 bei einem Überflug in Griechenland in deutsche Kriegsgefangenschaft. Er wurde in das Gefangenenlager Stalag Luft III bei Żagań gebracht (bekannt durch den Film >>The Great Escape<<). Dort konnte er durch einen gegrabenen Tunnel fliehen. Er wurde erst mehrere Tage später wieder gefangen genommen, 125 km von Stalag Luft III entfernt bei Stettin. Daraufhin wurde er in das OfLag IV C gebracht, also nach Colditz.

 

BILL GOLDFINCH

(12. Juli 1916 – 2. Oktober 2007)

 

Goldfinch, ebenfalls Leutnant der Luftwaffe, wurde auch in Griechenland gefangen genommen und nach Stalag Luft III gebracht. Dort konnte er mit Best, den er vorher in einem Militärkrankenhaus kennen gelernt hatte, fliehen, wurde aber früher als Jack Best wieder gefangen genommen. Aufgrund der hohen Ausbruchsgefahr Goldfinchs, wurde er nach Colditz verlegt.

 

TONY ROLT

Tony Rolt in einem Formel-Eins-Wagen
(16. Oktober 1918 – 6. Februar 2008)



Tony Rolt, ein britischer Leutnant, wurde während des Frankreichfeldzuges gefangen genommen. 1940 wurde ihm wegen seines Einsatzes im Kampf um Falaise das Military Cross verliehen. 1944 kam er schließlich nach Colditz und traf dort Jack Best und Bill Goldfinch.


Bau des Gliders

DER BAU DES GLEITERS

Die Idee, mit einem Gleiter aus einem Schloss zu fliehen, kam Goldfinch und Best bei einem Besuch der Bibliothek. Dort fanden sie das Buch >>Aircraft Design<< von C.H. Latimer-Needham, in dem die grundlegenden Voraussetzungen zum Bau eines Gleiters und physische Aspekte zum Gleiten erklärt wurden. Zudem waren in dem Buch detaillierte Bauzeichnungen beschrieben, sodass die beiden schnell den Entschluss fassten, einen solchen Gleiter zu bauen.
Bauort war ein verlassener Dachboden, dennoch begannen die Offiziere damit, erstmal eine falsche Wand hochzuziehen, um eventuelle Wachen in dem Glauben zu lassen, dass dort nichts ist.
Zudem wurde bereits eine mehrere Meter lange Rollbahn gebaut, die beim Startversuch ausgeklappt werden konnte. Das Flugzeug sollte durch eine mit Bauschutt gefüllte Badewanne beschleunigt werden.
Nachdem diese Komponenten bereits vorhanden waren, wurde auf dem Dachboden mit dem Bau des Gleiters begonnen. Die Tatsache, dass die Wächter nach Tunneln suchten, beschleunigte den Bau des Gleiters im Dachgeschoss ungemein.
So wurden gestohlene Holzlatten und -platten auf dem Dachboden geschafft und dort montiert. Die Querverstrebungen im Rumpf des Flugzeugs wurden aus Bettlatten gemacht, sodass die Insassen im späteren Bauverlauf immer schlechter schliefen und so langsamer am Flugzeug arbeiten konnten.
Die Flügel wurden größtenteils aus Holzdielen gebaut. Diese bezogen die Konstrukteure aus dem Vorführungsraum, der zu der Zeit umgebaut wurde. Zugseile zum Steuern des Flugzeuges wurden aus Elektrischen Kabeln gemacht, diese wurden aus ungenutzten Räumen des Schlosses gestohlen.
Um den Rohbau des Gleiters zu verschließen, wurden Bettlaken und Bettbezüge benutzt, zudem wurde Kleie zum Verkleben der Planen benutzt. Nach Fertigstellung des Gleiters wurde ein walisischer Flugzeugexperte hinzugezogen, um die Tauglichkeit des Gleiters zu überprüfen.
Nach der erfolgreichen Abnahme war der Gleiter quasi einsatzbereit. Der eigentliche Einsatz war auf den Frühling 1945 datiert, während eines Luftangriffes der Alliierten sollte die Verwirrung der Wachen genutzt werden und der Gleiter gestartet werden.
Doch im letzten Moment wurde der Start abgebrochen. Der britische Fluchtoffizier bestimmte, dass der Gleiter nur dann genutzt wird, wenn zum Beispiel die SS das Schloss übernimmt. So kam der einsatzbereite Gleiter nie zum Einsatz, da am 16 April 1945 das Schloss von den Amerikanern befreit wurde.
 


 
MATERIAL, DAS GENUTZT WURDE, UM DEN GLEITER ZU BAUEN
 
 
Eine selbst gebaute Säge (mit 8 Zacken) *** Buchenholz für den Griff aus einem Bettgestell
*** Metall für den Rahmen aus alten Fensterrahmen
*** Schneide aus einem Grammofon
Eine Feinsäge (mit 25 Zacken) für exakte Arbeiten ***Schneide aus einem Grammofon
Einen Holzbohrer (16 mm) *** Aus Nägeln zusammengebaut
Großer Holzhobel, ca 37 cm lang *** 2 Klingen, erhalten durch Bestechung eines Wachhabenden
*** Holzschachtel, die aus Buchenholz zusammengenagelt wurde
Kleiner Hobel, ca. 21 cm lang *** Klinge eines Besteckmessers
Winkelmaß *** Aus Buchenholz und einer Grammofonfeder
Zahlreiche Schlüssel, aus einem Metalleimer geschnitten

 

UND ER FLOG DOCH - Flug des Replika im Jahre 2000

1994 gab der britische Fernsehsender Channel 4 den Auftrag zum Bau einer Nachbildung des Gleiters. 6 Jahre später, im Jahr 2000, startete der Gleiter auf dem Flugplatz Odiham im Rahmen der TV-Dokumentation >>Escape from Colditz<<.
Zahlreiche Veteranen, darunter auch Goldfinch und Best, sahen nun endlich, dass der Gleiter fliegen konnte. Sie waren stolz darüber, unter so widrigen Umständen einen funktionierenden Gleiter gebaut zu haben.

 


Bill Goldfinch (links) und Jack Best beim Erstflug des Gleiters


Die Hauptkonstrukteure

DAS RESTLICHE LEBEN DER DREI HAUPTKONSTRUKTEURE

- Best wurde mit dem brit. Ritterorden "Order of the British Empire"(MBE) ausgezeichnet und wanderte daraufhin nach Kenia aus. Im Jahre 1962 kehrte er in seine Heimat England zurück und betrieb dort einen Bauernhof. 1999 wurde er in die Planungen der Dokumentation „Escape from Colditz“ einbezogen. 2000 sah er noch das Replika des Gleiters fliegen, bevor er am 22. April 2000 im Alter von 87 Jahren verstarb.
- Goldfinch ließ sich nach dem Krieg in England nieder, begann dort in den 70er Jahren wieder, sein eigenes Flugzeug zu bauen und baute so auch mit niederwertigen Materialien ein Flugzeug der amerikanischen Navy der 1920er nach.
Nach elf Jahren harter Arbeit war er 2007 fertig, konnte sein Flugzeug aber nur 2 Mal fliegen. Er starb am 2 Oktober 2007 im Alter von 91 Jahren.
-Tony Rolt begann nach dem Krieg eine Rennfahrerkarriere, startete bei 3 Formel Eins Rennen und gewann zudem die 24 Stunden von Le Mans im Jahre 1953. Zwei Jahre später setzte er sich zur Ruhe, wirkte im Entstehungsprozess einzelner Autos mit und verstarb am 6. Februar 2008 im Alter von 90 Jahren.

 


Flug des Replika, 2000.