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Einleitung

Fall X
Angriffspläne der DDR auf den Westen

 

Berlin gilt als Weltmetropole, damals wie heute! Dieser Weltrang kommt aber nicht von ungefähr, er resultiert aus der Lage der Stadt, seiner Bevölkerung und vor allem der Geschichte dieser Stadt. Sie ist nicht nur Weltstadt der Kultur, Politik, Medien und Wissenschaften, sondern vor allem in der Mitte Europas gelegen, ein Knotenpunkt der Machtstrukturen Europas, ein wichtiger europäischer Verkehrsknotenpunkt und der historischer Anker europäischer Geschichte seit 150 Jahren.

 

 


Die geografische Lage des Berliner Rathauses ist 52° 31′ 6″ nördlicher Breite und 13° 24′ 30″ östlicher Länge. Die größte Ausdehnung des Stadtgebiets in Ost-West-Richtung beträgt rund 45 km, in Nord-Süd-Richtung etwa 38 km. Die Stadt hat heute eine Fläche von 892 km², wobei Sie damit zu den größten Städten Europas gehört. Gelegen im Land Brandenburg umgeben, im Osten Deutschlands, ist der Raum Berlin eines der Ballungszentren Deutschlands. Dieses Zentrum hat sich die Stadt seit dem 17./18.Jh. erarbeitet. Als Residenzstadt aufgestiegen, kaiserliche Hauptstadt gewachsen und Hauptstadt des zentralistischen Dritten Reichs auf dem Höhepunkt seiner politischer Bedeutung angekommen, wurde diese Stadt 1945 zu einer der verheerendsten Schlachten des Zweiten Weltkrieges. Auch danach blieb der Stadt die Hauptrolle auf der weltpolitischen Bühne der Macht. War Sie zuvor schon Schauplatz von wahren Propagandaschlachten, organisiert durch die Nationalsozialisten, als Germania zu höherem berufen, sollte Sie als geteilte Stadt wahren Weltruhm erlangen. Nach der Einnahme der Stadt durch die Rote Armee und der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht am 8. Mai 1945, wurde Berlin gemäß der Londoner Protokolle – der Gliederung ganz Deutschlands in Besatzungszonen entsprechend – in vier Sektoren aufgeteilt. Diese Sektoren teilten nun die ehemalige Reichshauptstadt auf und bildeten gleichzeitig dennoch das Zentrum Deutschlands. War zwar die Hauptstadt der BRD in Bonn angesiedelt, hatten die meisten Westdeutschen doch immer ihre Augen auf Berlin (West), hingegen die DDR Berlin (Ost) als ihre Hauptstadt auserkoren hat und die Stadt damit wahrlich einzigartig in der Welt machte. Geprägt durch die Berlin Krisen war das nicht immer Vorteil für die Stadt und die Westberliner musste in ihrem Leben viele Entbehrungen hinnehmen, waren doch alle Wege in die Enklave der westlichen Hemisphäre durch die DDR bedroht. Diese Situation eskalierte erstmals durch die Blockade der West-Sektoren 1948/49, welche nur durch die „Berliner Luftbrücke“ überwunden werden konnte. Standen sich schon damals West und Ost gegenüber, jederzeit bereit den Drohungen auch Taten folgen zu lassen, markiert der 13. August 1961 einen Höhepunkt der Bedrohung Westberlins bzw. des Kalten Krieges. Beide Seiten des schwelenden Konfliktes standen sich in Schussweite gegenüber und wenige Tage später trennte eine Mauer den Ostteil der Stadt vom Westteil. Die Spaltung der Stadt war nun vollkommen.
 

 

 

»West-Berlin, ein Pfahl im Fleische der DDR«
Willy Brandt



Anfang der 70er Jahre wurde erstmals über Lösungen der Berlin Frage durch militärische Mittel nachgedacht. Die Überlegungen gingen von der DDR aus, die auch sofort anfing Unternehmungen zu planen, die mit der Übernahme des Westteils der Stadt einhergingen. Die Forschung hat bis heute nur ansatzweise einen Einblick in diese Planungen bekommen, denn es liegen zwar die Akten vor, die sich mit der Umsetzung ausgiebig beschäftigen, doch den erklärenden Grund dieser Aktion vermissen lassen. Die Frage nach dem warum kann also nur vermutet werden. Vor allem die Rolle der NVA spielt hier eine große Rolle, war doch die Rote Armee ausschlaggebende und ausführende Militärmacht in der DDR. Die direkte Befehl aus Moskau, die Stäbe der Roten Armee in Wünsdorf und die Unterstellung der politischen Linie der SED unter der Rigide des Vorbilds aus Moskau, lassen eine Übernahme Berlin-Wests durch die NVA aus verschiedenen Blickwinkeln betrachten.
So war Berlin schon seit Gründung der DDR ein Operationsgebiet für die sozialistisch geprägten Organe der noch jungen Deutschen Demokratischen Republik, gerade weil West-Berlin jedwede Versorgung durch das Gebiet der DDR bewerkstelligen musste!
 


Die am Fall beteiligten militärischen Organe bzw. deren Hoheitszeichen der DDR
von Links: MfS (Ministerium für Staatssicherheit) / Luftstreitkräfte der DDR / Landstreitkräfte der DDR / Streitkräfte der DDR



Nikita Sergejewitsch Chruschtschow, 1953 bis 1964 Parteichef der KPdSU, und von 1958 bis 1964 außerdem Regierungschef, sieht schon früh das Bedrohungspotential Berlins für seine Politik. Er hat durchaus Interesse, diese „imperialistische“ Stadt aus dem Fleisch des Kommunismus zu ziehen, doch statt eines Krieges, wird die Mauer gebaut – die DDR wurde somit gerettet, denn in einem Konflikt wäre die DDR innerhalb von wenigen Stunden ad acta gelegt worden. Die Berliner lebten seit dem Mauerbau in stetiger Angst, denn nun kam die Frage auf, kann man sich noch auf die Mächte verlassen – auf ihren Status verlassen!? Dabei waren die Alliierten nicht untätig und durchaus um „ihre“ Stadt besorgt. So war die Frage bei den Planungen und in den Köpfen der Westalliierten immer, was hat die DDR und vor allem die SU mit Berlin vor. Die Gefahr bestand immer und die Spionage war immer auf der Jagd nach möglichen Plänen des Warschauer Pakts in diesem Bezug.
Der Status quo der geteilten Stadt, Deutschlands und Europas stand und fiel in Berlin bzw. mit Berlin. Die Mauer zementierte diesen Status quo und doch plante die DDR eine mögliche „endgültige Klärung des Status West Berlins“. Kuba brachte einen ersten Eindruck des Konfliktpotentials, wobei in Berlin und in der Mitte Europas man nur zu ungern mit Atomwaffen interveniert hätte, es aber als ein denkbares Szenarios angenommen wurde.

NVA gegen Bundeswehr

NVA gegen Bundeswehr

 

»West-Berlin ein verlorener Außenposten inmitten feindlichen Territoriums«

 

 

 

Die NVA war schon früh in Aktionen gegen West-Berlin involviert, so etwa die Boykottierung der Bundestagsversammlung der BRD im Westteil der Stadt, durch Tiefflüge von Seiten der Roten Armee. Schon hier fliegt die NVA mit eigenen Kampfjets mit. Auch durch die vielen Militärparaden wird immer wieder das Gewaltpotential deutlich. Man demonstriert dem Klassenfeind seine Mittel und Möglichkeiten, vor allem nachdem auch der BRD eine Wiederbewaffnung erlaubt und diese durchgeführt wurde. Der Konkurrenzkampf beider deutschen Streitkräfte wird in den folgenden Jahren immer wieder durch Manöver eingeheizt. Doch tritt man hier nicht allein gegeneinander an und schon gar nicht feder- bzw. schwerführend. Die NVA wie auch Bundeswehr kämpfen im Verbund mit den Warschauer-Pakt-Staaten (OST) bzw. den NATO Staaten (WEST), einen Krieg selbstständig beginnen, durchführen und unterhalten ist Ihnen wieder erlaubt noch machbar. So darf man im eigentlichen Sinne nicht von einem Konkurrenzkampf der beiden Streitkräfte sprechen, sondern kann NVA und Bundeswehr zu dieser Zeit nur im Zusammenhang bzw. –schluss mit den Supermächten und deren Militärischen Verteidigungsbündnissen sehen. Für diese beiden Seiten steht Berlin ganz oben auf der Liste von möglichen Konfliktszenarien. So planen neben der NVA/ Roten Armee auch die Westalliierten ein mögliches Vorgehen bei einer militärischen Gefährdung Berlins – Codename LifeOak (Nato Planungskommission). Eine schnelle Mobilisierung von Truppen im Westteil Berlins, aber auch im Westteil Europas wird dabei ins Auge gefasst. Ein erster Einblick in das Vorgehen der Warschauer Pakt Staaten in diesem Bezug hat man bei der Besetzung der Tschechoslowakei bereits erahnen können, bzw. mit dem Vorbild dieses Vorgehens im Fall Berlin planen. Der große Unterschied beider Planungen im Falle Berlins ist die militärische Ausrichtung. Die Westmächte haben ausschließlich defensive angelegte Konzepte vorgesehen, vor allem wegen der exponierten Lage Berlins, wobei die NVA als Partner einzig und allein die schnell Besetzung Berlins im Auge hat. Diese taktischen Unterschiede von defensiver und offensiver Ausrichtung werden auch in der ideologische Prägung der Militärmaschinerien deutlich.
Der Klassenkampf ist in allen militärischen Hierarchien der Warschauer-Pakt- Staaten allgegenwärtig und suggeriert den Soldaten der NVA, dass ein Kampf unvermeidlich wie nötig ist, um „dem imperialistischen Feind“ entgegenzutreten. Dieser Feind bedroht die sozialistische Grundordnung und muss mit „Gegenabwehr“ in die Knie gezwungen werden. Im Klartext heißt das „Angriffskrieg“ oder auch „Präventivkrieg“ um das eigene Land bzw. Gesellschaftsordnung zu schützen.

 


Die kommandierenden Generäle des Kommando Luftstreitkräfte/Luftverteidigung (Kdo. LSK/LV). Dieser Führungsstab hatte während des Bestehens der DDR die Planungen für den Fall X ausgearbeitet, diese immer wieder den Gegebenheiten angepasst und wäre mit der Ausführung betraut worden.
Von Links: W. Reinhold (1972-89), H. Kessler (1950-67) und H. Scheibe (1967-72)


Die NVA Akten, heute im Archiv in Bonn, bieten einen einzigartigen Einblick in die Planung der DDR. Neben Bunkeranlagen und Stützpunkten, sind dort auch die Planung für den Einmarsch in Berlin und Westdeutschland niedergelegt. Auf dem Teufelsberg (West-Berlin), eine Radar- und Abhörstation der Westalliierten, sollten solche Planung bzw. kurz vor der Ausführung stehende Aktionen, durch den Funkverkehr, erkannt bzw. verhindert werden. Die Überraschung und die Panik sollten damit verhindert werde, waren Sie doch der größte Feind im Kalten Krieg und somit allgegenwärtig in Berlin.

Roter Sturm

In Berlin selber war keine Bundeswehr stationiert, zumindest nicht in militärischer Aufgabe und/oder Verantwortung. Für die Verteidigung Berlins waren die Westalliierten zuständig, neben den Einheiten der Franzosen und Briten, ist die amerikanische Brigade die kampfstärkste vor Ort. Diese Einsatztruppe war bestens ausgerüstet und besetzt, wobei die Situation in Berlin immer als brandgefährlich galt. Für alle Soldaten und angeschlossenen Verbände galt es fortwährend Gefechtsbereitschaft sicherzustellen und einen schnell Einsatz zu gewährleisten. Allen Verantwortlichen war dabei völlig klar, dass eine Gegenwehr nur für Stunden hätte aufrechterhalten werden können. Das Hauptaugenmerk war immer der Schutz Westdeutschlands bzw. Westeuropas, das wahrscheinlich nächste Ziel im weiteren Vorgehen der Warschauer Pakt Staaten. Hatte es also von der NATO keine „direkte“ Planung für ein Vorgehen gegen Ostdeutschland bzw. der Invasion West Berlins gegeben, auch um Berlin nicht zu gefährden, hat man sich auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs damit umso mehr befasst. Dabei ist zu beachten, dass die Warschauer Pakt Staaten 3:1 überlegen und die NATO Staaten von einer Versorgung aus Übersee auf kurz oder lang abhängig waren. Das taktische Konzept der NATO basierte auf Abschreckung und Kalkulierung von Bedrohungen, für einen konventionellen Krieg war man nicht gerüstet. Die Rote Armee dagegen konnte, im Zusammenschluss mit den von Ihr kontrollierten Partnerstreitkräften, in kürzester Zeit Millionen von Soldaten mobilisieren. So wäre Berlin und sein Umland als Aufmarschgebiet für einen Dritten Weltkrieg herhalten müssen, denn Deutschland wäre zwar eines der umkämpften Schlachtfelder geworden, aber nur der Anfang. Berlin, als Vorposten der Westalliierten hätte den Anfang eines neuen Weltkrieges markiert, nicht nur aus politischer Sicht, sondern vor allem auch aus militärischer. Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg richtet sich die Rote Armee weiträumig und massiv auf dem Gebiet der sowjetisch besetzen Zone bzw. später der DDR ein. Man requirierte ganze Landstriche für die eigenen Truppen, baute ganze Städte für die Soldaten, die sich autark versorgten und ganzen Divisionen Platz boten. In den folgenden Jahren wurden „vorsorglich“ enorme Mengen an Material und Treibstoff in Depots, verteilt über das gesamte Staatsgebiet der DDR, angelegt. Die wichtigsten taktischen Positionen, in der Defensive und Offensive, waren ausgespäht, besetzt und durch die Rote Armee vorbereitet worden.
 


Kampf der NVA gegen die Bundeswehr bzw. ein möglicher Konflikt der beiden deutschen Staaten gegeneinander
Erste Blüte dieses möglichen Krieges war der Kriegsorden der DDR - Blücher Orden. Den Blücher-Orden, sollten in Anlehnung an die Rheinüberschreitung Blüchers, jene Soldaten der NVA erhalten, die als erste die Rheinlinie erreichten.


Die NVA spielt zwar hier nur einen Nebenrolle, aber eine zunehmend wichtigere. Der Fall (von) Berlin sollte eine Schlüsselfunktion für die NVA haben. Die Stäbe der NVA und der Roten Armee saßen in der Nähe von Berlin. Das Oberkommando der Streitkräfte vor Ort war natürlich fest in den Händen Moskaus und die Truppen wären in einem Konfliktfall, durch einen eigens eingeflogenen Stab aus Moskau, direkt durch Moskau gelenkt gewesen.
Die Aufmarschrichtungen waren früh festgelegt. Aus dem Süden der DDR war der Vorstoß der Roten Armee Richtung Frankfurt vorgesehen, aus dem Norden sollte von Polen eine Front etabliert werden. Verschiedene Szenarien waren vorgesehen, einmal konventionell oder auch mit dem Einsatz „begrenzter nuklearer Einsatzmittel“. Dabei ist Berlin im Zentrum jeder Planungs-, Szenario- wie auch Aufmarschkarte zu finden. Um und in Berlin konzentrierten sich die nötigen Flugfelder, Aufmarschrouten und vor allem Versorgungswege für einen erfolgreichen Schlag gegen die NATO. Berlin ragt als Zentrum der Infrastruktur in Ostdeutschland hervor und bietet die nötigen Möglichkeiten für einen koordinieren Aufmarsch und die Versorgung per Lastwagen bzw. Bahn. Heute sind die Treibstofflager für die Versorgung der Panzertruppe bekannt und man weiß nun, dass Sie alle in der Nähe von Berlin lagen. Diese Stadt wäre der Mittelpunkt jeder Planung für eine Invasion Europa gewesen und darum musste Sie ganz natürlich als erster Angriffspunkt ins Visier der Roten Armee fallen. Wenn West-Berlin fällt, dann ist die Hauptvoraussetzung für einen „Roten Sturm“ über Europa gewährleistet.


Angriff auf Berlin

Fall X - Angriff der NVA auf Berlin (West)

»Wer Berlin hat, hat Deutschland und wer Deutschland hat, der hat Europa!«
Lenin

 


Dargestellt sind hier in der Mitte unterlegt das Hoheitszeichen der NVA, links daneben das Abzeichen der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland (kurz GSSD), das größte Truppenkontingent, das jemals über einen so langen Zeitraum von einer Besatzungsmacht im Ausland unterhalten wurde. Direkte Befehlsgeber der Streitkräfte der DDR. Auf der rechten Seite das Abzeichen der Berlin Brigade, bestehend aus zwei Brigaden der United States Army und der British Army, welche die größte Westalliierte Streitmacht in Berlin darstellte.



Der Fall X, die Eroberung West-Berlin, wäre dabei wohl von der NVA durchgeführt worden. Die Verbände der anderen Warschauer Pakt Staaten wären dann für ein Vorgehen gegen den Rest der BRD bereits in Stellung gegangen bzw. frei gewesen. In den siebziger Jahren übte die NVA unter dem Codenamen "Turnier" die "Organisation und Führung von Gefechtshandlungen zur Einnahme einer großen Stadt". Der Schwerpunkt bei der Eroberung Berlins, wäre auf die schnelle Eroberung und Überwältigung der alliierten Truppen gelegt worden. Zuerst müssten die Kasernen der Briten, Amerikaner und auch Franzosen besetzt sein, dann ein schnelles Vorrücken über die Hauptwege ins Herz Berlins (Straße des 17. Juni, Kaiserdamm, Heerstraße), die Verhinderung von Widerstandszonen innerhalb der Staat, Kontrolle über Kommunikations- und Verwaltungseinrichtungen bzw. der Flughäfen und Festsetzung des Regierungsapparates der Stadt. Die NVA plant hier bereits in den 70er und 80er Jahren dieses Vorgehen ganz konkret, vor allem durch den Aufbau geeigneter Truppenverbände, die auf dem Land (von Potsdam)- wie Luftweg (von Rügen) die Stadt schnell besetzen können, und für den Häuserkampf ausbildet worden sind. Bei vielen Manövern wird dies bereits ausführlich erprobt, so vor allem im Häuserkampfgelände der NVA Ausbildungsstätte (Anlage Scholzenslust) in Lehnin (30km von Berlin entfernt). Eine Hauptrolle übernimmt die Stasi (Staatssicherheit), geleitet durch den General Mielke, die die genauen Positionen der alliierten Verbände und Einsatzplanung des Gegners in Erfahrung bringen sollte. Aufklärung direkt am Klassenfeind oder durch die streng geheimen Aufklärungsflüge des MfS (Ministerium für Staatssicherheit), bereiten dafür alles vor. In den Schränken des MfS befinden sich hunderte Bilder und daraus resultierende militärische Karten, die bei einem Einmarsch in Berlin nur aus dem Regal geholt werden müssen.
 


General Heinz Keßler beim Truppenbesuch

 

»Vorwärts immer rückwärts nimmer!«
Erich Honecker


Die höheren Stäbe der NVA und des MfS bekommen regelmäßige Auffrischung bei den Plänen zu Berlin. Man plant, passt an und trainiert den Ernstfall immer wieder. Dies geschieht über Jahre und Jahrzehnte hinweg, sodass es für die höheren Ebenen der Befehlskette eigentlich nur ein trainierter Reflex gewesen wäre, die Stadt nach Plan zu besetzt. Die Nationale Volksarmee kannte sich in Berlin so besser aus als mancher West-Berliner, wobei nur das MfS aufgeklärt hatte und die Truppen der NVA die Ausführung übertragen bekommen haben. Ob dies dann auch so funktioniert hätte und inwiefern die Alliierten über die Planung Bescheid gewusst haben, kann man heute nur spekulieren. Die Spionage spielt eine entscheidende Lage, gerade bei der Situationsanalyse, so lange auszuhalten wie möglich. Eine Verteidigung der Stadt wäre wahrscheinlich blutig gewesen, wobei das Ausmaß und Ausprägung der Kämpfe auf der gegenseitigen, im Vorfeld gemachten, Aufklärung resultiert hätte. In 24 Stunden sollte Berlin vollständig besetzt sein, so der Plan der NVA. Bei guter Aufklärung der Pläne durch CIA, MI6 und BND, und davon ist Auszugehen, hätte eine zweite Schlacht um Berlin nach 1945 wohl mehrere Tage gedauert. Eine Ausdehnung dieses Zeitraumes wäre von der Versorgung abhängig gewesen, die nach ca. 12 Stunden nur noch schlecht bzw. unter großen Verlusten hätte aufrechterhalten werden können.
 

 

 
Invasion Berlins durch die NVA
Phase 1:
Bombardierung der alliierten Stützpunkte auf dem Gebiet West-Berlins
durch das Jagdbombergeschwaders 8 (geplant 9 Minuten)
Gleichzeitig werden Fallschirmjäger (Fallschirmjäger 1. Bataillons
des Luftsturmregiments 40 „Willi Sänger“ aus Lehnin / Hubschrauber)
über den Flugplätzen Gatow, Tempelhof und Tegel abgesetzt.
Phase 2:
Artillerie feuert auf Ziele Dahlemer Hüttenweg / Lichterfelde US-Kasernen / Tegel / Spandau / Gatow
Phase 3:
NVA Sturmregimenter (1 Sturmpionierbataillons der NVA) durchbrechen an 59 Stellen die Mauer und
32 000 Soldaten kämpfen sich ins Stadtzentrum vor.
Phase 4:
Verbände der mot. Schützen (Potsdamer 1. Mot.-Schützendivision) und Panzer (insgesamt 334 aus östlicher und westlicher Richtung) bewegen sich über den Autobahnübergang Dreilinden zur Avus zum
Messegelände / Am Grenzübergang nach Hamburg rückt
das 3. Motorisierte Schützenregiment auf der Heerstraße vor,
flankiert von einem Grenzregiment Richtung Kladow und
den Flugplatz Gatow
Phase 5:
Die Stadtautobahn wird Aufmarschroute in das Stadtzentrum,
Sturmboote über die Glienicker Lake (Überquerung des
Teltowkanals) Richtung Tegel / Am Brandenburger Tor
wird die 6 selbstständige Motorisierte Schützenbrigade
(Rote Armee) zur Sicherungd er Straße des 17. Juni
eingesetzt
Phase 6:
Auf den Hauptstraßen der Stadt werden motorisierte Verbände der
NVA Richtung Kaiserdamm bewegt.
Dort vermutet man die letzte Verteidigungslinie der Alliierten.
Phase 7:
Kaiserdammbrücke als Schlüsselposition ist besetzt,
Kontrolle der alliierten Sektoren damit sichergestellt und
die Besetzung der Militäreinrichtungen im vollem Gange.
Phase 8:
Nach der militärischen Besetzung erfolgt nun die Kontrolle der Zivilbevölkerung
durch eingesetzte politische Organe der SED.
Phase 9:
Mauer um Berlin bleibt bis zur vollständigen Konsolidierung der Lage geschlossen.
Eine Kriegserklärung wird übermittelt.
Phase 10:
Partisanentätigkeit unterbinden, Unterstützung der Roten Armee sicherstellen.

 

Die Planer der NVA und des MfS rechneten mit 18 000 Gegnern, darunter 6000 Mann alliierte Kampftruppen, sonstiges bewaffnetes Personal und 6000 Bereitschaftspolizisten der Berliner Polizei. Eingesetzt werden sollten 32000 Mann Infanterie bzw. Panzertruppen, dazu noch ca. 2000 Fallschirmjäger, Piloten. 6000 Soldaten der Roten Armee und benötigtes Personal (Polizei, Verwaltung und Logistik). Dies wäre aber nur eine Eingreiftruppe gewesen, im Vergleich zu den Mitteln und Verbänden der NVA, die um Berlin stationiert waren und schnell hätten mobilisiert werden könnten. Dazu kamen noch Verbände der Roten Armee, die notfalls die NVA unterstützen könnten. So war der Fall X (NVA Code), in den Plänen der sowjetischen Führung, neben den Vorstoßrichtungen Nord und Süd, als „Operation Mitte“ (auch als Operation Zentrum beschrieben) beschrieben, eine Angelegenheit der DDR. Ironischerweise wurde dies zu jedem Zeitpunkt besprochen, als die DDR und BRD durch die Ostverträge e eine Phase der Entspannung einleiteten. Die NVA ließ sich davon nicht beirren und setze in den folgenden Jahren alles daran, möglichst präzise Planungen und Vorgehensweise vorlegen zu können. An die Gruppierung Mitte ( Befehlsbereich der NVA ) erging also der Auftrag „Inbesitznahme der Stadt Westberlin durch einen Angriff von allen Seiten gleichzeitig innerhalb von 24 Stunden.“

 

 

»Das waren keine Sandkastenspiele«
Historiker Otto Wenze

Geplant war nicht nur die Besetzung der Stadt, sondern auch die Sicherung der Kulturgüter. So sollte Schloss Bellevue, Schloss Charlottenburg, die Staatsbibliothek, die Nationalgalerie und das Antikenmuseum in Beschlag genommen werden, aber die „Beute“ keinesfalls beschädigt werden. Doch vorrangig war die militärische Besatzung von neuralgischen Punkten in der Stadt, so auch dort wo der Kaiserdamm über die Stadtautobahn führt. Mit der Besetzung dieses Punktes, sollte die gesamte Verteidigung der Stadt fallen, denn die blockierte Brücke würde eine Vereinigung der amerikanischen und die britischen Brigade verhindern. Man könnte somit gegen die verschiedenen Verbände in der Stadt getrennt vorgehen. Die Franzosen sollen bereits in ihren Kasernen am Flughafen Tegel festgesetzt. Durch diese Planungen war man siegessicher. Eine Ironie der Geschichte wäre aber die Überwindung der Mauer gewesen, einem Bollwerk mitten in der Stadt, das den West- vom Ostteil trennte. Die Mauer war natürlich ein geplantes Hindernis, sodass man während der Jahre bestimmte Zugänge eingebaut hat, die sich leicht zerlegen lassen und eine Überwindung in den Westteil der Stadt möglich machten. Dazu wurde das Überwinden der Mauer oft geübt, das sogenannte „Niederlegen“ war Grundlage einer in Streganz (Grenzkommandos Mitte) und Stahnsdorf erbauten Übungsanlage, einen Übungsplatz mit mehreren hundert Metern Mauer.


Erich Mielke ab 1957 Minister für Staatssicherheit der DDR, General der Staatssicherheit der DDR, hochdekoriertes Mitglied des ZK und einer der Hauptverantwortlichen für den Ausbau des flächendeckenden Überwachungssystems in der DDR.

 

»Ich will euch überhaupt mal etwas sagen, Genossen, wenn man schon schießt, dann muss man dat so machen, dass nicht der Betreffende noch bei wegkommt, sondern dann muss er eben dableiben bei uns. Ja, so ist die Sache, wat is denn das, 70 Schuss loszuballern und der rennt nach drüben und die machen ne Riesenkampagne.«
Erich Mielke

 



Berlin West war ein Prestigeobjekt für beide Seiten, die Trophäe des Zweiten Weltkrieges wollte keiner aus der Hand geben und so gab es auch Häuserkampfanlagen im West-Berlin, ausgiebig genutzt von den stationieren Einheiten der USA, Frankreichs, Groß Britanniens und der Berliner Polizei. Das Kriegsspiel wurde dabei oftmals auf die Stadt ausgedehnt, wobei dadurch die Berliner Brigade die höchste Einsatzbereitschaft aller Einheiten der amerikanischen Streitkräfte hatte. Dies galt auch für die Luftstreitkräfte. Nicht zu unterschätzen ist dabei die moralische Unterstützung durch die West Berliner Bevölkerung. Dennoch galt die Devise, Berlin ist militärisch nicht zu halten, und muss nur deshalb so lange wie möglich gehalten werden, um möglichst viele Informationen zu den Truppenbewegungen nach draußen zu bringen, eine friedliche Lösung zu möglich zu machen und eine Evakuierung von so vielen Menschen wie möglich sicherzustellen. So konnte man den mehr als 35 000 Soldaten der NVA, ca. 400 Kampfpanzer, 450 Geschütze und 40 Hubschrauber, die gegen Berlin aufgebracht werden sollten, nicht viel entgegenwerfen. Man ging von beiden Seiten von einem grundlegend konventionellen Einsatz aus, der Atomwaffen ausschloss. Zu groß war die Gefahr für Gesamtdeutschland, Berlin und die verbündeten Streitkräfte. Generell sah man beim Szenario Europa vom Einsatz der Atomwaffen ab, zu dicht beieinander waren Freund und Feind, dazu würden große Teile verstrahlt zurückbleiben und die Kosten nicht aufheben. Doch war es gerade die Abschreckung durch Atomwaffen, die den Fall X immer wieder antrieben. Die Planspiele zu West-Berlin trugen immer dann neue Blüten, wenn der Gegner neue Raketen in Stellung bringen kann, die politische Lage abkühlt und/oder es neue technische Entwicklung auf dem Gebiet der Militärtechnik gegeben hat.
 

 

»[...] dem Gegner zuvorkommenden Schlag [...]«
Stasi-Unterlagen aus dem Jahre 1969 - INTERN


 

 

 

Die Planung erstreckte sich dabei nicht nur auf das Militär, die DDR baute ganz auf die „sozialistische (Kampf-)Volksgemeinschaft.“ So waren die Bezirksleitungen in einen Fall X genauso involviert wie die Befehlsstandorte der NVA. Die Partei-Hierarchie sollte es möglich machen, schnellstmöglich auch Kampfgruppen der Betriebe in den Kampf zu schicken, die Unterdrückung von alliierten Partisanenverbänden, Kontrolle der Zivilbevölkerung und Unterstützung der Streitkräfte des Warschauer Pakts in allen Belangen. Dabei sollte auch das Leben im Kriegszustand geregelt werden und von der Partei aufrechterhalten werden. Die Kampfgruppen spielten dabei eine wesentliche Rolle, im erweiterten Sinne des Volkssturms, sollten diese Gruppen auch hinter den Linien den Gegner nicht zu Ruhe kommen lassen und mögliche Formierung der Gegner durch gezielte Sabotage behindern. Die Militärakademien waren darin ebenso involviert, wie der MfS und die Parteileitungen in den Bezirken. Der Kampf im bebauten und bewohnten Gelände sollte zu einem Musterstück der DDR werden. Jedes Objekt in Berlin wurde ausgespäht, die verschiedenen U und S Bahnen aufgeklärt, und so eine Besetzung und Verwaltung des Westteils Berlins in kürzester Zeit bewerkstelligt werden. Es sollten vor allem schnellstmöglich ein politische Kontrolle gestaltet werden, wobei die Mfs sofort eine Kommandostruktur etablieren sollte. Die militärische und zivile Kontrolle musste gewährleistet werden, damit die Rote Armee und die Warschauer Pakt Staaten die Stadt als Knotenpunkt für den Vormarsch Richtung Westen nutzen konnte. Mögliche Partisanen und Sabotage Akte der West-Berliner Bevölkerung hätten ungeahnte Folgen für den Krieg gehabt und auch die militärische Informationssicherheit hatte eine tragende Rolle, welche durch eine nicht kontrollierte Bevölkerung in Gefahr gewesen wäre.

 

 

 

»Ein halber Tag, in denen Weltpolitik gemacht worden wäre, hätte schon als Erfolg gegolten.«
Egon Bahr über den Fall X, eines Angriffs des Warschauer Paktes auf Berlin bzw.
die wenigen Stunden bis Berlin in die Hände der NVA gefallen wäre

 

Der Stasi kamen bei der Eroberung entscheidende Aufgaben zu. Sie musste Führungskräfte "ausschalten", Transportwege kontrollieren und den Aufbau einer kommunistischen Verwaltung unterstützen. So war bereits die gesamte Neustrukturierung der zivilen Kontrolle in Berlin West in den Planungen festgelegt worden. 12 Kreisdienststellen galt es in den Westbezirken einzurichten, 604 hauptamtliche Mitarbeiter waren dafür eingeplant, von den 80 Planstellen der Führungsgruppe hatte man 60 schon besetzt. Für die Stasi Zentralen waren jeweils etwa 45 Planstellen inklusive Fahrer und Sekretärin vorgesehen, auch die Chefposten waren schon vergeben. Die Staatssicherheit der DDR war nicht nur an der Sicherung nach dem Fall X, sondern ebenfalls wesentlich an der Vorbereitung der Invasion Berlin-West beteiligt. Durch ein weitreichendes Agentennetz in der Bundesrepublik (in Westberlin 700 bis 1.000 Agenten), konnte der Hauptteil der Aufklärungsarbeit geleistet werden. Diese Agenten saßen zum Teil in den höchsten Positionen der Westberliner Administration, dazu bei der Polizei und beim Verfassungsschutz. Man wusste ziemlich genau über die Sicherheitskräfte und militärischen Truppen in Westberlin Bescheid, ebenso die Einsatzpläne der Westberliner Polizei, Funkcodes und selbst in die Reihen der Westalliierten hat man eigene Spione einsickern lassen. Vor allem die Westberliner Polizei war stark unterwandert, neun Abteilungen bzw. Hauptabteilungen des MfS beschäftigten sich mit den Ergebnissen bzw. den Erkenntnisse aus der Tätigkeit der West-Berliner Polizei. Man konnte die wichtigsten Notfallpläne der Berliner umgehen und sogar in die Involvierung der Westalliierten Einsicht nehmen. Im Rahmen von weitgefächerten Abhörmaßnahmen „Elektronischen Kampfführung“ (ELOKA), war man bei dem Fall der Westberliner Fall auf dem neusten Stadt. Dieses umfassende Dokument der Aufklärung ließ der DDR alles Wissenswerte über West-Berlin in die Hände fallen. So zum Beispiel Lagepläne von Dienstgebäuden, Feuerwehren, Krankenhäuser bis zur genauen Zuordnung von Raumbelegungen. Daraus entwickelten sich Generalstabskarten und eine fotografische Dokumentationen der umliegenden Straßen und Gebäude. Selbst einen Film zur Aufklärung und Information war in den Archiven zu finden. Auf ihm eine Rundfahrt durch Berlin-West mit einer Erklärung aller zu sehenden Gebäude, öffentlichen Verkehrsmittel und Straßen. Auf diesen Erkenntnissen baute die Stasi noch bis 1985 einen militärischen Angriffsplan auf. Die Pläne wurden zwar immer wieder überarbeitet, aber nur in den Details, das Konzept blieb im Wesentlichen bestehen.

 

»Große Teile der Westberliner Polizei waren für die StaSi transparent.«
Georg Herbstritt von der Stasi-Unterlagenbehörde



Man informierte sich auch bei den Waffenbrüdern und schaute Ihnen mögliche Vorgehensweisen ab. So war der Besuch einer Stasi-Delegation in Vietnam sehr fruchtbar für die Planungen des MfS im Fall X. Man brachte spezielle Kampftaktiken auf feindlichem Boden, Guerilla Kriegsführung, ideologische Kriegsführung, Foltermethoden und das Wissen über die "Liquidierung von wichtigen Personen" mit nach Hause. Sogar einen Orden im Falle des Krieges hatte die Bürokratie der DDR hervorgebracht. Dieser Orden war als Kriegsorden der DDR gedacht. Er war nach Gebhard Leberecht von Blücher, einem preußischen Generalfeldmarschall benannt. Dieser große General war für seine ungestüme Art im Feld bekannt und wurde deshalb auch gerne Marschall "Vorwärts" genannt. Den Blücher-Orden, sollten in Anlehnung an die Rheinüberschreitung Blüchers, jene Soldaten der NVA erhalten, die als erste die Rheinlinie erreichten. Er sollte in der DDR für „Tapferkeit im Kriege“ in den Stufen Gold, Silber und Bronze verliehen werden. „[...]für den siegreichen Militärschlag gegen den Aggressor im Westen.“ Ob die NVA zum Einsatz gekommen wäre oder sogar den Rhein erreicht hatte ist zweifelhaft. Auch deshalb wurde dieser Orden bzw. seine Existenz erst nach dem Mauerfall bekannt. Weitere Planungsorchideen der DDR Staatsführung waren die Maßnahmen zur Stabilisierung Westberlins. Dieser umfangreiche Maßnahmenkatalog aus dem Jahr 1985 umfasste vor allem den wirtschaftlich und politischen Ablauf, der einen exakten Plan nach der Besetzung der Stadt vorgab. Die Mauer sollte zunächst stehen bleiben, eine „Kriegswährung“ wäre umgehend an die Stelle der DM getreten. Die Berliner Bevölkerung sollte sich an die neuen Umstände gewöhnt werden und gleichzeitig der Einflussnahme des Westens entzogen werden.
 


Armeegeneral Heinz Keßler, Mitglied des Ministerrats der DDR, Minister für Nationale Verteidigung, Abgeordneter der Volkskammer der DDR, Mitglied des SED-Zentralkomitee, dem Politbüro und dem Nationalen Verteidigungsrat.
Er gilt als der erfahrenste und einflussreichste Militär der DDR. In seinen verschiedenen Positionen als Oberbefehlshaber der NVA Luftstreitkräfte/Luftverteidigung, Stellvertreter des Ministers und Chef des Ministerium für Nationale Verteidigung und später dann im Range eines Generaloberst Mitglied des Militärrates des Vereinten Oberkommandos des Warschauer Pakts in Moskau, dürfte er alle Fäden beim Fall X in der Hand gehabt haben. Als Verteidigungsminister und Mitglied des Politbüros des ZK der SED (bis 1989) hatte er Einsicht in die gesamte Aktenlage und war aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Planung wesentlich beteiligt.


Wie ernst es der DDR Führung, der NVA Generalität und den Organen des MfS war, lassen die Akten erfahren. Dabei geht es weniger um den Informationsgehalt, sondern die Menge der aufgefundenen Akten. In einer solchen Bürokratie, dürften solche Projekte und Planungsunterlagen ganze Keller füllen, doch hat man alles daran getan diese Beweislast zu vernichten. So kam man auf die Planungen erst durch eine Notiz des Generals Mielke in der Oktobersitzung 1969 des „Nationalen Verteidigungsrates“ der DDR. Dieses Organ war der eigentliche Motor jedweder Militärautorität in der DDR und wurde an diesem Tag erstmals von einem General der NVA über die Pläne zur Einnahme West-Berlins unterrichte. Genauere Angaben sind darüber nicht zu finden, d.h. nicht auf dieser höchsten Ebene. Die Spuren beginnen in diesem Fall in den untersten Ebenen, denn die Akten und Anweisungen an die Kampfgruppen bestehen noch und lassen in diesem Fall tief blicken. Auch konnten einige Unterlagen aus den Archiven des MfS gesichert werden, und auch bei den Beständen der NVA lassen die Manöverberichte weit in die Planungen des Fall X blicken. Die Dokumente aus den höchsten Zirkeln der DDR Führung sind allerdings vorsorglich vernichtet worden, denn die Spuren enden immer vor der Entscheidungsebene. Die vielen Spuren in den verschiedensten Bereichen der militärischen, politischen und auch wirtschaftlichen Institutionen geben einen Einblick auf die Größe des Projektes. Sie sind der Beweis dafür, dass der oberste Führungszirkel der SED-Diktatur konkrete Kriegspläne gegen West-Berlin hegte. Hier wurden alle konkreten Planungen und Bestimmungen vernichtet oder liegen noch im Verborgenen.

3. Weltkrieg

Berlin als Auftakt zum Dritten Weltkrieg

 

 

»Die Mauer ist besser als der Krieg«
John F. Kennedy

 

Eine Besetzung Berlins wäre in jedem Szenario der der geringste Kampfeinsatz, denn beider militärischen Planung dieser Größenordnung, wäre der Einmarsch in West-Berlin nur im Falle bzw. im Zusammenhang mit einem europäischen Kriege möglich gewesen. Eine Situation wie 1961 oder 48/49 stand nicht zu Debatte, die nächste Berlin Krise wäre der offenen Konflikt gewesen. Der Historiker und Soldat Oberst Winfried Heinemann, seit 2010 Leiter der Abteilung Ausbildung, Information, Fachstudien und stellvertretender Amtschef des MGFA, wundert sich deshalb nicht ohne Grund, warum „die Sowjetunion so eine sensitive Sache in der Planung und Durchführung den DDR-Streitkräften anvertraut hat“. Wollte man nur die Hände für das Vorgehen gegen die BRD bzw. gegen den Rest Europas frei haben? Traute man der NVA die Überwältigung der wenigen westalliierten Kräfte in Berlin zu oder war es sogar eine Angelegenheit, die man mit Absicht der DDR überlassen hatte? Ein Einmarsch hätte nur von der Roten Armee und seiner höchsten Führung genehmigt werden können, wobei der Befehl dann unwiderruflich einen europäischen bzw. Weltkrieg ausgelöst hätte. Spätestens 1989 wurde klar, angesichts der eskalierenden Situation in der Hauptstadt der DDR, dass sich die Sowjetunion, in Zeiten von Glasnost und Perestroika, nicht auf einen europäischen Krieg einlassen würde. Dennoch lagen zu diesem Zeitpunkt alle Pläne griffbereit in den Schubläden und das Ziel war, nach vielen Jahrzehnten der Planung, klar ausgemacht.

 

 

 

Die Stadt Berlin als militärisches Ziel, hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht verändert. Die Stadt liegt im flachen Terrain, ist nicht durch Gebirge und andere geographische Eigenheiten geschützt und wird lediglich von einem Fluss geteilt. Die große Ausdehnung macht einen effizienten Einsatz von Kampfpanzern unmöglich, lässt sich aber mit Schützenpanzer und dem Einsatz von Hubschraubern ausgleichen. Schon damals war klar, Berlin einzukesseln bedeutet eine lange Schlacht, der Stadt und ihre Truppen aber ihre Bewegungsfähigkeit zu nehmen, eine Konzentration des Gegners verhindern und neuralgische Punkte schnell zu besetzen, würde einen schnelle Erfolg garantieren. Der Fakt, dass die Stadt durch eine Mauer abgegrenzt ist und der Angriff einen abgegrenzten Teil Gesamtberlins umfasst, machte die Sache noch einfacher. Dennoch sollten auch die optimistischsten Planer berücksichtigen, dass der Feind durchaus militärisch geschult ist und ebenso viel Zeit in die Verteidigungstaktik investiert hat wie der Angreifer. Auch zeigen die Übungen beim Manöver „Bordkante“ – die Stadt Magdeburg wurde als realistisches Szenario, für den Fall X, in eine Art Muster Berlin umgewandelt – dass die NVA durchaus Probleme bei der Ausführung hatte. Statt Spree gab es Elbe und auch Bürgermeister wie Abgeordnetenhaus befinden sich als Manöverparameter in der Stadt. Auch sind es die auffallenden drei alliierten Brigaden, an unterschiedlichen Stellen, die die Stadt verteidigen soll. Ein letzte Aufbäumen der SED Führung, die klarmachen will, der Kurs der Sowjetunion verändert nichts am Status der DDR oder der Bedrohung Berlins. Eine Warnung an den Westen und ein Fingerzeig nach West-Berlin – WIR SIND NOCH DA!!
Bis 11 Monate vor dem Mauerfall war das Szenario Fall X / Berlin noch real und doch irgendwie von vornherein als Fiktiv von allen wahrgenommen, so jedenfalls die beteiligten Zeitzeugen der DDR in ihren rückblickenden Schilderungen. Was gewesen wäre, wenn man Berlin wirklich ins Fadenkreuz hätte nehmen, weiß heute keiner und DAS IST AUCH GUT SO!

 

 



Eine Eroberung Berlins durch die NVA wäre nur wenige Stunden durch Ereignisse in den Schatten gestellt worden, die entweder die Form einer atomaren Wolke hatten oder dem Geräusch von Panzerdivisionen, die sich gegenseitig an der innerdeutschen Grenze entgegenfuhren. Ein Dritter Weltkrieg hätte im schlimmsten Fall, als nuklearer Holocaust, die Vernichtung eines Großteils der Menschheit zur Folge gehabt und in seiner konventionellen Form, weit verheerender ausgefallen wäre als der Zweite Weltkrieg. Die Hauptrollen hätten dabei weder die NVA, noch die Bundeswehr oder Berlin gehabt, sondern die Staaten der NATO und des Warschauer Paktes in ihrer Gesamtheit. Mehrmals, zwischen 1945 und 1989, standen die beiden Verteidigungsgemeinschaften, allen voran die Supermächte UDSSR und USA am Rande eines Krieges. In zwei von vier der bekanntesten Fäll, stand Berlin als Auslöser Pate. Zu Beginn der Berlin-Blockade (ab 24. Juni 1948) schlug der General Clay vor, die Blockade mit einem bewaffneten Konvoi zu durchbrechen. Ein Krieg wäre wahrscheinlich gewesen. Im Koreakrieg wollte General MacArthur einen großangelegten Bomberangriff auf China anordnen und dabei auch Atomwaffen einsetzen. China und der Warschauer Pakt hätten den Krieg erklärt. In Berlin standen sich 1961 die Panzer der US Army und Roten Armee in Schussweite gegenüber, teilweise nur 60 Meter voneinander entfernt. Der Bau der Mauer hat die von Kennedy aufgestellten Essentals verletzt und wäre so fast ein Auslöser für einen Krieg geworden. Wenige Jahre später, ein weit gefährlicheres Ereignis, welches durch die Stationierung sowjetischer Atomwaffen auf Kuba (Kuba-Krise) die beiden Supermächte bereits mit dem Finger am Abzug an Rande des atomaren Dritten Weltkrieges brachte. Auch die Stellvertreter Kriege, in denen sich auch die Streitkräfte beider Fraktionen direkt gegenüberstanden, brachten die Welt an den Abgrund. Nationen wie die BRD oder DDR bzw. ihre Streitkräfte hätten dabei nur eine Nebenrollen oder eine sehr kurze Hauptrolle einnehmen können bzw. dürfen.