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Das Thema

Befehlsdoktrin



 



Im deutschen Heer gab es keinen Kadergehorsam, solche Robotersoldaten oder die sogenannte preußische Disziplin, wie diese gerne in den Medien bis heute dargestellt wird. Der deutsche Soldat war nicht nur ein denkender Kämpfer, es wurde von ihm geradezu verlangt und zwar von höchster Ebene bis hin zu jedem einzelnen Schützen.

Einleitung

Einleitung



In den Jahren vor, während und nach dem Krieg glaubten viele Alliierte, der deutsche Soldat sei ein engstirniger Tölpel, voller Angst vor der Gestapo oder SS und dem blinden Gehorsam auf allen militärischen Ebenen unterworfen. Wer aber im Krieg gegen den deutschen Landser kämpfte, sah, dass er weder ein gehirnloser Automat noch ein Fanatiker war, sondern eher ein geschickter Gegner, der gelernt hatte, sein Unternehmergeist einzusetzen, und der für sein Land ohne Terror kämpfte. Die Ausbildung war der Schlüssel zum Element des deutschen Soldatentums.
Mögen die Bürokratie und militärische Eliten Deutschland bzw. das Deutsche Reich lange geprägt haben, so ist doch spätestens seit der Stiftung des Eisernen Kreuzes (1813), als Orden für den einfachen Soldaten klar, dass die deutsche Armee auf den einfachen Soldaten baut. Das Eiserne Kreuz war in Europa der erste Orden seiner Art, der auch an den einfachen Soldaten vergeben wurde. Dieses schlichte Kreuz, für äußerste Pflichterfüllung und Tapferkeit verliehen, einte die Soldaten und stellte diese auf dem Schlachtfeld mit den Befehlenden gleich. Ein Schritt, der auch in der Doktrin vollzogen wurde!

Historisch

Historischer Bezug und Entstehung



 

(Gneisenau)

 

Von Gneisenau, ein preußischer Militärtheoretiker, hatte im preußischen Heer die Intention - einen Plan, anstelle des direkten Befehls eingeführt. Diese Intention sollte ganz klar und verständlich formuliert sein und Platz für persönliche Initiative und Handlungsfreiheit lassen. Diese Vorstellung der Durchführung des soldatischen Handelns wurde vom älteren Moltkeerweitert.



 

(Moltke der Ältere)

 

Er sah, dass die Umsetzung der Doktrin von Gneisenaus eine bestimmte Ausbildung erforderte. Die Befehlshaber jeden Ranges sollten sorgfältig und speziell ausgebildet sein und mussten es auch sein, um die ihnen gesteckten Ziele erreichen zu können.

Der Soldat sollte fortan nicht nur für sich selber denken, sondern im Ganzen begreifen, handeln und ebenso im Sinne des Auftrages, wie für den mit ihm Kämpfenden denken.
Solche Prinzipien höchster Flexibilität bieten ungeahnte Möglichkeiten und sind jeder starreren militärischen Struktur überlegen.
Vielleicht war auch die Wirtschaft an dem damaligen Klischee des stumpfsinnigen Befehlsempfänger schuld, da diese noch bis ins späte Zwanzigste Jahrhundert und selbst heute noch in manchen Unternehmen, den autoritäre Führungsstil als einzig sinnvoll, mit seinem Befehl von Oben und Gehorsam nach unten, angesehen wird. Die Situation in Deutschland ist gekennzeichnet, dass die Armee immer eine Sonderrolle zugedacht war. Die Reichswehr sowie die Wehrmacht waren ein Staat im Staat und deshalb unabhängig von solchen Prinzipien. So entstanden dort, unabhängig von den zivilen Ansichten und Strukturen, ganz andere Ebenen des Verständnisses für die Hierarchie und Führung. Das Gefecht vergibt keine Fehler.
Die Reichswehr und später die Wehrmacht waren mit ihren Führungsprinzipien in dem Gebiet nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den meisten, vielleicht sogar allen Armeen voraus.

 

 

 

(Hans von Seeckt)

 

Von Seeckt, Chef der Reichswehr, machte es zur Regel, das jeder Soldat auf eine Weise ausgebildet wurde, die es nach sich zog, dass er die Pflichten seines unmittelbaren Vorgesetzten übernehmen konnte.

 

So hieß es bereits 1906 im Exerzierreglement: "Im Besonderen verlangt das Gefecht denkende zur Selbstständigkeit erzogenem Führer und selbsthandelnde Schützen." sowie in der Felddienstordnung 1908 "Vom jüngsten Soldaten aufwärts muss überall selbstständiges Einsetzen der ganzen und geistigen und körperlichen Kraft gefordert werden. Nur so lässt sich die volle Leistungsfähigkeit in übereinstimmendem Handeln zur Geltung bringen."



Als Folge dieser Art von Ausbildung konnten die Offiziere, vor allem die des Generalstabs, eine Situation sachverständig einschätzen und klare, knappe Befehle erteilen. Alle Offiziere wurden ständig weitergeschult, indem sie zwischen Stabsstelle und Feldkommando wechselten. Dies stellte sicher das sie den Kontakt zu den Frontsoldaten nicht verloren. So konnten sie nicht nur die Probleme mit denen sie konfrontiert werden theoretisch und praktisch meistern, sondern auch eine funktionierende und ergänzende Hierarchie bewerkstelligen.
Eine sorgfältige Ausbildung ermöglichte es einem Kommandeur ein Problem einzuschätzen und sich eine Meinung darüber zu bilden, wie eine Mission durchgeführt werden sollte. So blieben die Aktionen auf dem Schlachtfeld flexibel, auch weil alle Ränge die Absicht des Auftrags kannten.
Als die Alliierten das erste Mal auf die Deutschen trafen, merkten sie, dass sie es mit denkenden und selbstständig handelnden Soldaten zu tun hatten. Diese Soldaten waren keine stumpfen Befehlsempfänger, sondern handelten durchdacht und schöpften alle ihre Möglichkeiten des soldatischen Handwerks aus.
 

Die Wehrmacht war grundsätzlich 25% leistungsfähiger als die Alliierten und das trotz Unterzahl, Materialknappheit und nur sporadisch einsatzbereiter Luftwaffe.

 

Dies ist der Kern der "Auftragstaktik" - Auftragstaktik ist die Formulierung eines Auftrags mit Schwerpunkt auf das erzielende Resultat. Die Auftragstaktik zwang die Befehlshaber, Entscheidungen mehr oder weniger in eigener Initiative zu treffen. Wobei die richtige Bezeichnung hieß: Führen mit Auftrag.
Eine Taktik, die bis heute wohl die bedeutendste militärische Doktrin der Bundeswehr ist. Die Kernelemente dieser Doktrin werden von Walter v. Lossow am besten auf den Punkt gebracht:

 

      "1. Der Auftrag muss den Willen der Führung unmissverständlich zum Ausdruck bringen."



      2. Ziel Handlungsverlauf und Auftragszwänge, wie etwa die Zeit müssen klar und eindeutig sein, ohne die Handlungsfreiheit mehr als nötig einzuschränken, um die Initiative des Einzelnen zu nutzen, der mit der Ausführung der Aufgaben vertraut ist.



    3. Der Art der Durchführungen im Rahmen der Absicht der übergeordneten Führung werden nur Grenzen gesetzt, wenn sie für die Koordinierung der anderen Führern nötig sind."

 

 



In der Ausbildung lernten Offiziere nur die wichtigsten Befehle zu Ausführung eines Auftrags weiterzugeben, um die Durchführung den unterstellten Soldaten zu überlassen. So geht es also vorrangig um das Was - Was ist zu tun, was ist das Ziel des Ganzen - Das Wie wird dem Befohlenen überlassen und wird nur als Beschränkung vorgegeben um weitere Befehle zu koordinieren (wenn es dem Ganzen dienlich oder besser gesagt unabdingbar sind).
Um das Ganze zu verstehen, ist eine sorgfältige Ausbildung nötig und dass sich der Vorgesetzte auf die Befehlsempfänger absolut verlassen kann. Die daraus resultierenden Vorteile sind, dass auf allen Ebenen jeder Führer nicht nur die eigene Lage, sondern auch die der über und Untergeordneten kennen muss, die Befehlsweitergabe beschleunigt wird und dass die vor Ort getroffenen Maßnahmen, also das Wie besser beurteilt werden kann und eher der Realität entspricht.

Beispiel

Beispiel Landung bei Anzio 1944



Der amerikanische Kommandeur hatte den Befehl erhalten zu landen und sich gegen eventuelle Gegenangriffe zu verteidigen. Die Landtruppen trafen keinen Gegner, der sie herausforderte bzw. angriff, also blieben sie einfach stehen und warteten bis der Gegenangriff kam.
Ein deutscher Kommandeur hätte in einer solchen Lage, nach der deutschen Handlungs- und Befehlsdoktrin, die Schwäche seines Gegners ausgenutzt und wären wohl gegen Rom vorgestoßen.
Ganz nach von Moltke Axiom, das kein Schlachtplan den ersten Zusammenstoß überlebt. Um die Unwägbarkeiten des Schlachtfeldes zu meistern, lernte der preußische Befehlshaber anpassungsfähig zu sein und jedes Problem erst, wenn es auftaucht, zu beurteilen.
Als Folge dieser Ausbildung wechselte das deutsche Heer, als es nach 1943 sich in der Defensive befand, rasch von der Schaffung von Schwerpunkten in einer Angriffssituation zu solchen in der Verteidigung. Aufgrund dieser Schwerpunkte konnten die Panzer-Divisionen zur Unterstützung der Verteidigung verlegt werden und der Feind immer noch nach dem Willen des deutschen Heeres dirigiert werden. Das deutsche Heer behielt die Initiative und das, obwohl der Gegner materiell überlegen war.

Grundsatz

Grundsätze der Truppenführung im Vergleich



Um den Überblick zu wahren, soll es sich in diesem Abschnitt um ein Fazit des direkten Vergleiches deutscher und amerikanischer Truppenführung handeln. Eine Auflistung der wichtigsten Passagen findet sich in Martin van Krefelds Buch Kampfkraft.
Obwohl die H.Dv.300 von den Amerikanern in ihrem US Army Field Manual 100-5 on Operations in vielen Bereichen 1 zu 1 übernommen wurde, sind die Kernelemente verändert worden. So stellt sie ebenso die Frage, was in der jeweiligen Situation des Konflikts getan werden muss und darüber hinaus wie diese geschehen soll. Dabei wird all jenes, wovon in der H.Dv.300 ausdrücklich gewarnt wurde, doch impliziert.
Obwohl sich die Situation in der schnellen Kriegsführung alle Augenblicke ändern kann und nur der Soldat direkt vor Ort ein wirklich genaues Bild der Lage hatte, wurde versucht, ein Schema bzw. eine Vorgehensweise für jeden möglichen Fall zu finden. Logischerweise hatte das im Voraus Festgelegte nur noch bedingt bis gar nichts mehr mit der jeweiligen, aktuellen bzw. vorgefundenen Situation zu tun.
Der einstige Chef des Generalstabes des Heeres Franz Halder übernahm im Auftrag der US Army die Leitung einer Arbeitsgruppe zu einer Neuausgabe der US Army Field Manual 100-5 on Operations Stellung zu beziehen und seine Erfahrungen aus dem Krieg mit einzubringen.
 

Hier eine Zusammenfassung seiner Hauptkritikpunkte:

 

      - Amerikanische Vorschriften versuchen Situationen vorherzusehen und diesbezüglich detaillierte Verhaltensweisen festzulegen, die dem Führer jede Möglichkeit neben flexibel zu handeln und auf die momentane Situation zu reagieren.



      - Vorschriften werden der Bedeutung des einzelnen Soldaten nicht gerecht.

 

      (Ein Manko welches sich in sämtlichen Bereichen des damaligen US Militärs wiederfindet. Die Bedürfnisse des Soldaten waren im Grunde nebensächlich, er hatte so zu funktionieren, wie man es ihm befahl. Besonders deutlich wird dieses wenn man sich die Behandlung vom Kampf traumatisierte Soldaten ansieht oder Divisionen Ersatz erhielten.)



      - Überraschung, Truppenbewegung und Improvisation werden unterschätzt, was auf die materielle Überlegenheit der USA zurückgeführt wird.



    - Vorschriften berücksichtigen nicht im angemessenen Maße die psychologischen bzw. psychischen Aspekte des Krieges.

 

Den Hauptunterschied im deutschen und amerikanischen Kriegsbild erkennend schlug er den Zusatz "Im Kriege sind die charakterlichen Eigenschaften wichtiger als die des Intellekts" vor. Aus dem engen Zusammenspiel des Prinzips der verbundenen Waffen und der möglichst großen Freiheit und Eigeninitiative kam man auch wieder auf das uralte Führungsmodell:

 

Führen von vorne



Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Wehrmacht und US Army zwei völlig unterschiedliche Ansichten von Führung hatten. Letztere hatte sich von der Notwendigkeit eines selbstständig, in Eigenverantwortung handelnden Soldaten, nicht hineinversetzen können und dem Untergebenen nicht das Vertrauen entgegengebracht oder den Verstand zugesprochen das Ziel selbstständig zu erreichen. So war der amerikanische Soldat eher der Roboter, der zu funktionieren hatte. Der deutsche Soldat, dem dieses oft zugeschrieben offenbarte genau das Gegenteil. Auch auf die gesamt Armee betrachtet waren die Führungsprinzipien der U.S. Army eher ein kämpfender Verwaltungsapparat mit einer Bürokratie wie man es für Deutschland als Klischee nachsagte.
So ist widerlegt das bei der Wehrmacht alles bis ins letzte Detail durchgeplant war, die Führerbefehle mal ausgenommen, und die Planung für jedwede Eventualität inklusive Vorschrift, bei der U.S. Army zu finden war.
Die Gründe dafür können vielfältig sein. Zum einen hatte die US Army nicht dieselbe Art der Vorbereitung gehabt bzw. nicht die Zeit eine ähnliche Erfahrung in diesem Bezug zu erlangen, um eine eigene Doktrin aufzubauen. Zum Anderen wird der Taylorismus als möglicher Grund angegeben, der jede Bewegung des Arbeiters vorausplante und in Vorschriften und Anweisungen genau festlegte. So fragte der deutsche Soldat bei seinem Auftrag "Um was geht es" während ein amerikanischer Soldat eher nach den Bestandteilen des Problems suchen würde.
Die Unterschiede in den Führungsvorstellungen und wie schwer es war für die amerikanischen Offiziere diese zu verstehen belegt zum Abschluss wunderbar eine Anekdote:
Zu den Vorteilen die Lossow zu den Vorzügen des Führen mit Auftrag aufführte (Führer aller Ebenen müssen ihre und auch die nächst höhere Ebene analysieren), unterstrich ein amerikanischer Offizier das Wort "höhere"und schrieb daneben "niedrigere?".

Einzige Ausnahme, bei der U.S. Army war, in dieser Hinsicht wohl nur Patton. Dieser sagte jedem seiner Offiziere, man solle sich von den deutschen etwas abschauen und "sagt einem Soldaten was er tun soll und nicht wie er es tun soll". Seine Begeisterung für die deutsche Armee mag in letzter Instanz sein Untergang gewesen sein, doch konnte er nicht unwesentliche Erfolge und einige Sterne auf seinen Schulterstücken genau diesem Vorbild verdanken. Leider war er der einzige höhere Offizier, der sowohl die Befehlsdoktrin der Deutschen studierte, wie auch ihre Angriffstaktiken abkupferte.

Ausbildung Heute

Deutsche Ausbildung und Doktrin heute


 



Die deutsche Militärtradition, bis heute auf den Punkt gebracht, ist die Ausbildung und das auf allen Ebenen des militärischen Handwerks.
So wurde diese Tradition auch nach dem Kriegsende bzw. nach der Wiedervereinigung Deutschlands weitergeführt. Die "neue" Offiziersschule des Heeres in Dresden ist ein Garant für diese Ausbildung. Dort wird nämlich damals wie heute an der Ausbildung und Weiterbildung der Befehlshaber des deutschen Heeres gearbeitet.
Wer in der Bundeswehr diente, wird sich vielleicht auch schon darüber gewundert haben, dass ein höherer Rang nur in den seltensten Fällen Befehlsgewalt über niedrigere Ränge hat, es sogar oft der Regelfall ist, dass niedrigere Ränge über höhere befehligen. Ein Umstand, den es in der damaligen Industrie wohl kaum gegeben hat.
Als eine der modernsten Ausbildungsstätten dieser Art, arbeitet man, ganz in deutscher Tradition, auch an der Weiterentwicklung der Neuausrichtung von Befehlsstrukturen und Doktrinen, in Anbetracht der "neuen Situation" für das deutsche Heer im Ausland.

Quellen


Vorgesetzenverordnung (besonders interessant § 3+6)
US Army Field Manual 100-5 on Operations

Von Lossow, Mission-Typ tactics versus Order-Type tactics, MR 1977.
Heeres Divisionsvorschrift, Truppenführung, 1936.

http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChrung_von_vorne (Letzter Zugriff 02.03.2010)
http://de.wikipedia.org/wiki/F%C3%BChren_mit_Auftrag (Letzter Zugriff 02.03.2010)



Autor: Glacius, DARK MORCAR, Freiherr von Woye