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Das Thema

Weg der athenischen Demokratie

 

Büste des Perikles

Büste des Perikles

 

Reform

Die Phylenreform des Kleisthenes

 

Kurz vor der Jahrhundertwende zum 5. Jahrhundert v. Chr. standen sich die beiden adligen Isagoras und Kleisthenes gegenüber. Es war ein Machtkampf, wie er für Adlige der Zeit typisch war. Beide rangen um die Führungsrolle innerhalb Athens. Isagoras Adelspartei stellte die „Partei“ des Kleisthenes in den Schatten. Natürlich ist der Terminus der „Partei“ nicht mit unserem heutigen Verständnis einer Partei zu verstehen. Denn obwohl Athen eine Demokratie war, gab es zu keinem Zeitpunkt athenische Parteien oder eine Opposition, doch dazu später mehr. Die großen, adligen Persönlichkeiten bemühten sich um eine hohe Anzahl an Gefolgsmännern, welche die sog. Partei bildeten – ähnlich dem Klientel eines vermögenden Römers. Um Isagoras Stellung zu schwächen bediente sich Kleisthenes an der großen Masse, dem Demos (dt. das Volk). Kleisthenes nahm das Volk in seine Partei auf und hatte nun eine weitaus größere Gefolgschaft hinter sich als sein Kontrahent. Nachdem Kleisthenes den Machtkampf für sich entscheiden konnte führte er umfassende Reformen durch. Die wichtigste Reform für die Demokratisierung ist die Phylenreform. Der demokratische Wandel der sich durch diese Reform vollzog lässt sich keineswegs leugnen. Jedoch ist bei der Betrachtung der folgenden Reform stets zu bedenken, dass Kleisthenes nicht die Schaffung der Demokratie als vordergründiges Ziel hatte. Er zielte darauf ab den Adel zu schwächen. Der erste Schritt zur Demokratie war also eine Nebenwirkung eines Machtkampfes zweier Adliger.

 


(Ursprüngliche Verfassung Solons)

 

Die Phylenreform sah eine Neuordnung der Bürgerschaft vor um deren politische Kraft, als Gegenstück zu der der adligen, zu stärken. Kleisthenes teilte das Herrschaftsgebiet Athens in drei Landschaftgruppen ein: Stadt (ásty), Land (mesógeion) und Küste (paralía). Jeden dieser drei Teile teilte er wiederum in zehn Teile auf. So gab es also zehn Teile der Stadt, des Landes und der Küste, in der Summe also 30 lose Abschnitte. Die Reform sah nun die Bildung von zehn Phylen vor, von denen jede ein Drittel (Trittys) Stadt, Land und Küste haben sollte. Eine Phyle betand daher aus einem Drittel Stadt, einem Drittel Land und einem Drittel Küste. Die Zugehörigkeit der Trittyen zu ihren jeweiligen Phylen loste Kleisthenes aus. So ergaben es zehn Phylen, von der keine ein geschlossenes Territorium fasste. Dadurch sollte die Interessensvermischung der einzelnen Gruppen gewährleistet sein. Jede Phyle vereinigte also mehrer Interessen in sich. Die Phylen repräsentierten demnach keine einzelnen Schichten, sondern eine Anhäufung von Interessensvertretern mit oft grundsätzlich unterschiedlichen Interessen.
Gleichzeitig ersetzte Kleisthenes den Rat der Vierhundert durch einen Rat der Fünfhundert, der später zu einem wichtigen Gremium in der Demokratie werden sollte. Um den Adel in diesem Rat zu schwächen beschloss er, dass jede Phyle 50 Ratsherren wählen und in den Rat entsenden sollte. So ergab sich die Mitgliederzahl des Rates von 500. Aber die Phylen sollten nicht nur Ratsmitglieder stellen. Jede Phyle hatte ein Regiment von 1000 Mann und einen gewählten Strategen für das Heer zu stellen. Das politische Leben der Leute spielte sich folglich in den Phylen hab. (siehe Dateianhang zur Phylenordnung)

 

(Phylenschematik)

 

Doch wie sah es mit dem sozialen Leben aus? Das tatsächliche Leben der Leute spielte sich in den Dörfern und den Gemeinden Attikas ab. Die Städte- und Gemeindeverwaltungen wie wir sie heute kennen, gab es auch schon im antiken Athen. Das soziale Leben spielte sich in solchen Demen (démos) ab. Epigraphischen Befunden nach gab es 139 Demen. Die Phylen waren also die Dachverbände für die Demen. Denn aus den Demen wurden ja die Ratsherren gewählt. Die einzelnen Gemeinden stellten dementsprechend Ratsherren proportional zu ihrer Bürgerzahl. Kleinere Demen stellten nur zwei bis drei Ratsherren, größere sogar bis zu 22. Die Demenzugehörigkeit änderte sich nie. Auch nach einem Umzug blieb man Mitglied seines Ursprungsdemos. Eine Familie konnte in 100 Jahren also mehrere Demen bewohnt haben, aber die Demoszugehörigkeit hätte sich seit der Einführung der Demen nie geändert, da die Demenzugehörigkeit erblich war. (siehe Dateianhang: phylen-demen)
Schon der antike Geschichtsschreiber Herodot erkannte, dass Kleisthenes „die Phylen und die Demokratie eingerichtet“ hat. Selbstverständlich muss man hier genauer differenzieren. Schon vor Kleisthenes gab es vier Phylen, denen jedoch eine andere Funktion zukam. Ebenso die Schaffung der Demokratie ist nicht ohne weiteres hinzunehmen. Sicher hat Kleisthenes einen großen Schritt für die Demokratie getan, indem er den Pluralismus und die Isonomia (Gleichheit aller Bürger) einführte. Aber die vollkommene Demokratie war noch nicht eingeführt. Dennoch war die Phylenreform ein wichtiger und erforderlicher Schritt für den weiteren Einzugsmarsch der Demokratie. Doch noch war Athen keine Demokratie. Der Adel hatte immer noch große Macht im Adelsrat, dem Areopag.

Areopag

Areopag

 

Bis zu den Reformen des Ephialtes wurden die Geschicke Athens vom Adelsrat geführt. Der Adelsrat setzte sich aus den ehemaligen Archonten zusammen.Ein Archon (dt. Herrscher / Anführer) war die höchst Beamtenstelle in Athen und seine Bedeutung wird deutlich, wenn man bedenkt, dass ein Jahr nach dem ersten Archonten benannt wurde. Die wichtigsten Archonten bis 487/86 waren: Hipparchos, Themistokles und Aristides. Das Amt des Archonten verlor in den Jahren 487/86 entscheidend an Macht. Denn zu dieser Zeit wurde beschlossen, dass die neun Archonten gelost werden würden. Aus einer Fülle von Bewerbern, die aber meistens aus adligen Häusern stammten, wurden nun die wichtigsten Ämter gelost. Doch die Kompetenzen des Areopags blieben bis 462/61 unangetastet.
Dem Adelsrat oblag die Beaufsichtigung der Beamten, also die Kontrolle der Exekutive. Ebenso kam ihm die wichtige Aufgabe zu verfassungswidrige Gesetzesanträge abzulehnen und den Antragsteller anzuklagen. Neben den genannten Kompetenzen kommt noch die Blutgerichtsbarkeit hinzu, die Befugnis Gerichte über Leben und Tod abzuhalten.
Bis zu den folgenden Reformen stand der Rat der Fünfhundert noch im Schatten des Areopags. Auch nach den Reformen wurde das Archonten-Amt immer wieder modifziert. Im Laufe der Jahre wurde es sogar einem Bürger der untersten Vermögensklasse gesattet Archon zu werden.

Ephialtes

Die Reform des Ephialtes

 

Die 20 Jahre zwischen 486 und 461 sind als Übergangsjahre zur Demokratie anzusehen. Kleisthenes gab dem Volk die Gleichheit und förderte den inneren Dialog. Doch noch konnte man nicht von einer Demokratie sprechen, obwohl die athenischen Zeitgenossen die Demokratie als verwirklicht sahen. Der Areopag bündelte immer noch einen großen Teil der Macht.
Ephialtes entmachtete den Adelsrat soweit, dass die Kontrolle der Beamten nun eine Sache des Rats der Fünfhundert war. Nun lag es am Volk die Exekutive zu überprüfen. Ephialtes führte noch andere Reformen durch, doch Zeitgenossen pflegten dazu, spätere Reformen diesen ereignisträchtigen Jahren zuzuschreiben und von daher ist es zweifelhaft ob Ephialtes wirklich alle Reformen durchgeführt hatte, die ihm angerechnet werden. Unangetastet bleibt die Tatsache, dass Ephialtes die Macht vom Areopag in die Hände der Massen verlagerte.
Schwieriger ist es ein Motiv für die Reformen zu finden. Sicherlich spielen außenpolitische Einflüsse eine Rolle, aber auch innenpolitisch darf die Situation nicht vergessen werden. Ephialtes war ein Anhänger der aggressiveren Außenpolitik Athens, spricht anti-spartanisch. Der führende Politiker, Kimon, galt als spartafreundlich. Auch der Areopag, als alter Adelsrat, war für eine gemäßigte und spartafreundliche Außenpolitik. Ob Ephialtes die Abwesenheit seines ärgsten Konkurenten Kimon ausnutzte um den Areopag zu schwächen, bleibt ein Rästel. Folglich bleibt die Frage offen, ob auch dieser bedeutende Schritt zur Demokratie ebenfalls eine Nebenwirkung eines politischen Duells war.
Die antike Vorstellung einer vollkommenen Demokratie ist gemäß Zeitgenossen schon verwirklicht. Denn nun herrscht die Menge.

 

 

Perikles

Zeitalter des Perikles

 

Doch wirklich vollendet war die antike Demokratie wohl erst durch Perikles. Es gab immer wieder Bürger die aus der Masse hervorstachen und in der Volksversammlung erfolgreich Politik führten. Aber Perikles war wohl der erste Athener der durch Argumentation, Rhetorik und Reden die Volksversammlung überzeugte und lenkte. Nicht nur durch seine Rhetorik und Führungspersönlichkeit strahlt der Inhaber des Strategenamtes. Es wird häufig vom Zeitalter des Perikles gesprochen und die Gründe und Berechtigung hierfür sollen nun erläutert werden.
Die athenische Demokratie zielte darauf ab, alle Bürger an der Politik teilhaben zu lassen. Doch wie sollte das in einem Land möglich sein, indem der Großteil der Bürger Kleinbauern sind? Die direkte Demokratie in Athen war nur möglich, weil die Bevölkerungszahl relativ klein war. Dennoch sollte ein möglichster großer Teil der Bevölkerung Politik machen. Der Tagungsort der Volksversammlung, Pnyx, fasste 6000 Sitzplätze. Doch die tatsächliche Teilnehmeranzahl musste wohl geringer sein, da den meisten die Zeit und das Geld fehlte um ihren Betrieb verlassen zu können. Schon durch diese Tatsache kam es zu einer Dominierung bestimmter Volksgruppen und einer Überrepräsentation Älterer und Reicher.

 

(Phylenordnung Athen)

 

Perikles führte nun Diätenzahlungen ein. Erst für die Geschworenen bei Gerichten, später wurden die Diäten erweitert und man wurde zur Teilnahme an der Volksversammlung und sogar zur Teilnahme an Theatern und Aufführungen entlohnt. Die Bedeutung dieser Maßnahmen ist enorm. Zwar waren die Summen, die ausgezahlt wurden, nicht von hohem Wert, dennoch genügten sie um den Verdienstausfall eines Tages zu decken. Zeitgenössische Autoren berichten, dass nach der Einführung der Diäten die Teilnehmerzahlen der Volksversammlung stark anstiegen. Das mag aber ebenso ein Indiz dafür sein, dass ein großer Teil der Bevölkerung die geringe Entlohnung nötig hatte.
Ebenso führte Perikles 451/50 die Bürgerrechtsgesetze ein. Der Bürgerstatus war vor den Gesetzen ein rein erblicher Status. Um Bürger zu sein musste man der rechtmäßige Sohn eines athenischen Mannes sein. Die eingeführten Gesetze von Perikles besagen nun, dass man neben einem athenischen Vater auch eine athenische Mutter haben musste. Ein exklusives Merkmal der athenischen Demokratie!

Beurteilung

Beurteilung

 

Wie zu Beginn erwähnt gab es keine Parteien in Athen. Somit keine Opposition geschweige denn eine Regierung. Die gesamte politische Macht wurde in der Volksversammlung gebündelt. Eine Gewaltenteilung à la Montesquieu gab es ebenso wenig wie ein Verfassungsgericht. Der Verfassungsschutz kann zu Beginn noch im Areopag gesehen werden bis zu dessen Entmachtung. Danach stand es jedem frei den Antragsteller eines gesetzeswidrigen Antrags anzuklagen. Generell war das Misstrauen der Athener vor mächtigen Bürgern so groß, dass sie nahezu ihre komplette Verfassung auf dem Misstrauen aufbauten. Vor Amtsantritt wurden die Beamten und deren Amt überprüft. Während der Amtszeit, die in seltenen Ämtern länger als ein Jahr dauerte, wurden ständige Überprüfungen durchgeführt. Ebenfalls musste sich der Beamte nach Amtsende einer Überprüfung durchziehen. War es dem Beamten nicht möglich das geloste Gremium zu überzeugen wurde er angeklagt und meistens verurteilt. Auch das alle Ämter, außer die Finzanz- und Strategenämter, gelost wurden zeigt das Misstrauen vor Machtkonzentration.
Die heutige Forschung geht von einer Einwohnerzahl um die 300.000 aus. Grobe Schätzungen gehen davon aus, dass ein Drittel Bürger, ein Drittel Metöken und ein Drittel Sklaven waren. Von dem Drittel der Bürger wird angenommen, dass ein weiteres Drittel erwachsene männliche Bürger waren. Bedenkt man, dass nur erwachsene männliche Bürger politische Rechte genossen kommt man auf eine Zahl die untypisch für eine perfekt Demokratie ist. Im antiken Athen war es wohl nur einem Neuntel gestattet die Volksversammlung zu besuchen. Eine Demokratie basierend auf einer Minderheit.
Dennoch suchte die athenische Demokratie eine lange Zeit in der Geschichte seinesgleichen.

Der Weg der Demokratie war ein langer und mühseliger Pfad. Der oben beschrieben Weg ist selbstverständlich einführend. Eine detailliertere Zusammenfassung hätte den gegebenen Rahmen gesprengt. Ebenfalls außen vor gelassen sind die Auswirkungen der Außenpolitik auf die innenpolitischen Entwicklungen Athens.

Quellen


http://stupor.heimat.eu/GeschichteLk/Athen.gif (Letzter Aufruf 10.04.2011)
http://www.britishmuseum.org/images/ps215427_m.jpg (Letzter Aufruf 10.04.2011)

H.-J. Schneider (Hrsg.): Geschichte der Antike
P. Funke: Athen in klassischer Zeit
M. Dreher: Athen & Sparta
C. Meier: Athen. Ein Neubeginn der Weltgeschichte
J. Bleicken: die athenische Demokratie



Autor:  xIceFirex