1 1 1 1 1 1 1 1 1 1 Rating 4.90 (5 Votes)

Das Thema

Wehrgeschichtliche Bedeutung der Deutschordensburgen im Preußenland

 

Der "Deutsche Orden", auch "Deutschritterorden", "Deutschherrenorden" oder "Kreuzritterorden", lateinisch "Ordo domus Sanctae Mariae Theutonicorum" oder wie der Orden vollständig heißt der "Orden der Brüder vom Deutschen Haus St. Marien in Jerusalem" blickt auf eine lange und ereignisreiche über 800jährige Geschichte zurück. Er ist ein klerikales Ordensinstitut päpstlichen Rechts, dem die Kongregation der Deutschordensschwestern ein- und das Familiareninstitut angegliedert ist.

 

Gliederung

 

Einleitung

1. Die militärische Organisation des Deutschen Ordens
1.1 Der Weg zum Ritterorden
1.2 Taktik und Ausrüstung

2. Burgenbau im Deutschenordensstaat
2.1 Ausbreitung der Ordensherrschaft und der Deutschordensburg
2.2 Niedergang des Ordensstaates
2.3 Architektur

3. Die Deutschordensburg als Wehrbau
3.1 Offensiver Burgenbau
3.2 Neue Aufgaben und Wirkungsweise des Burgensystems
3.3 Die Burg als Garnison
3.4 Die Konventsburg

4. Schlussbemerkung

 

Einleitung

 

Einleitung

Der deutsche Orden und seine Historie im Preußenland sind einzigartig und doch lässt sich diese Entwicklung gut in einen Zusammenhang bringen. War nicht die Kombination von Bekehrung und Unterwerfung ein optimaler Ausgangspunkt für die Ritterorden dieser Zeit. Der deutsche Orden bot sich in dieser Hinsicht als Kampftruppe an, auch weil sein Hochmeister Hermann von Salza auf der Suche nach einem eigenen, den Orden unabhängig machenden Herrschaftsgebiet war. Die Eroberung Preußens (1231-1283) war eine militärische Erfolgsgeschichte mit vielfältigen Ursachen. Gründe für den schnellen Erfolg waren zum Einen die Schlagkraft des Ordens, aber vor allem die der Kreuzfahrer, ohne die eine so schnelle Eroberung nicht möglich gewesen wäre. Zu diesen Faktoren gehörten auch mehrere Innovationen auf dem Gebiet der Kriegstechnik und der Kriegskunst sowie Erfahrungen, die sich die Christen im Heiligen Land und auf anderen Kriegsschauplätzen erworben hatten. Eine solche Neuerung war vor allem die Errichtung von festen Burgen aus gemauerten Steinen oder Backsteinen. Eine andere Neuigkeit war die Armbrust als Fernwaffe und später dann die Feuerwaffe. Die Kombination von festen Burgen und starken Waffen war eine Errungenschaft, welche ergänzt durch Neuerungen in der Kriegsführung, den Orden zu einer militärischen Macht im Preußenland erwachsen ließen. Die eroberten Gebiete wurden systematisch an strategischen, verkehrstechnischen und wirtschaftlich geeigneten Stellen mit Burgen gesichert. Dieses Burgennetzwerk ergänzt durch befestigte Städte und Mühlen bildeten zusammen das Rückgrat des neu geschaffenen Militärstaates im Osten Europas. BORCHERT räumt gerade dem Burgenbau des deutschen Ordens eine besondere Leistung ein, eine Ausstrahlung welche bis heute nachwirkt. „Die Bauten sind trotz fremder Verwaltung und fremder Bevölkerung auch jetzt noch ein sichtbares Zeichen deutscher Geschichte“

 

Meine Arbeit soll sich vor allem mit der wehrgeschichtliche Bedeutung des Burgenbaus im Preußenland beschäftigen. Ich möchte diesen Teil des „Kriegswesen“ genauer beleuchten und der Stellung des Wehrbaus im deutschen Orden auf den Grund gehen. Natürlich überschreitet die Fülle des Materials die Grenzen einer Hausarbeit, darum habe ich mich in meiner Fragestellung auf ein paar wenige Punkte beschränkt um das Thema zu umreißen. Die Frage nach der Rolle des Wehrbaus bei der Eroberung von Preußen spielt dabei eine wichtige Rolle, genauso wie das Zusammenwirken von strategischer Ausrichtung des Burgenbaus und kriegswichtiger Ökonomie in der militärischen Organisation des Ordens. Die Aufgaben und Wirkungsweisen des Wehrbaus, sowie die architektonischen Entwicklungen sollen bei der Erarbeitung des Themas Anteil haben. Ich habe bei der Entwicklung des Themas und der Ausarbeitung vorrangig auf die Arbeiten von BENNINGHOVEN, ARSYNSKI, TORBUS und EKDAHL zurückgegriffen. Die weiteren von mir verwendeten wissenschaftlichen Ausarbeitungen beziehen sich immer wieder auf die Erkenntnisse und Ergebnisse dieser Autoren. Insbesondere FRIEDRICH BENNINGHOVEN legte mit seinem Aufsatz über die Burgen als Grundpfeiler des spätmittelalterlichen Wehrwesens im preußischen-livländischen Deutschordensstaat eine grundlegende Abhandlung zum Thema vor, welche vor allem die wirtschaftliche Bedeutung der Wehrbauten erkennen lässt. MARIAN ARSZYNSKI befasste sich in seinen Arbeiten hingegen speziellen mit der Deutschordensburg und ihrer Rolle im Wehrsystem. Als Primärquelle diente mir PETER VON DUSBURGs Chronik des Preussenlandes, welche genauere Aufschlüsse über die Taktik, Symbolik und Bedeutung des Burgenbaus zuließ. Das Thema ist bis jetzt von nur wenigen Leuten als intensiver Forschungsgegenstand erfasst worden. In vielen Werken finden sich Anmerkungen zum Burgenbau, bei denen vor allem die Konventsburg immer wieder in den Vordergrund rückt. Eine wissenschaftliche Konzentration auf militärischen Ebene des Wehrbaus erfolgte bisher nur in Aufsätzen zum Kriegswesen und Burgenbau im Mittelalter. Untersuchungen in Bezug auf ein Zusammenwirken von Wehrbau, Ordensleben und der Verwaltung steht noch aus oder befindet sich in der Entwicklung.
 

 

Organisation

 

1. Die militärische Organisation des Deutschen Ordens

 

1.1 Der Weg zum Ritterorden

Der Weg des Deutschen Hospitals von Akkon zum Ritterorden war eine entscheidende Entwicklung in der Historie des Deutschen Ordens. Die Forschung spricht von einer Militarisierung und Territorialisierung des Ordens in der Zeit von 1190 bis ca. 1240. Wichtig hierbei zu sagen, dass die Militarisierung eine Entwicklung war, die nicht gezwungenermaßen erfolgte sondern vom Deutschen Reich ausging, unter den Zielvorstellungen Heinrich des VI. und seiner Orientierung zum Mittelmeerraum. Hinter der Territorialisierung stand Hermann von Salza als treibende Kraft, welcher an allen Fronten des Heidenkampfes im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts jede Gelegenheit nutze Territorium zu bilden und zu gewinnen. Zu ergänzen ist die Vereinigung des Deutsche Ordens mit dem Schwertritterorden durch die Vermittlung des Papstes im Jahre 1237. Die Vereinigung der beiden Orden war jedoch nicht vollständig, da der ehemalige Schwerritterorden eine gewisse Selbstständigkeit behielt. Seine Organisation wurde im Wesentlichen beibehalten, die Stelle des Herrenmeisters jedoch zum "Landmeister in Livland" umgebildet. Ansonsten änderten sich nur Äußerlichkeiten, indem auf dem weißen Ordensmantel das schwarze Kreuz der Deutschritter das rote Kreuz mit rotem Schwert ersetzte bzw. auch Wappen und Siegel geändert wurden. Deutlich machte diese Vereinigung die weiteren politischen und militärischen Ziele des Ordens, welche sich ganz auf Preußen konzentrierten. Ergänzend brachte der Schwertritterorden wichtige Bautechniken des Burgenbaus ein. Für ihre Ziele im Osten schufen die Kreuzfahrer eine verhältnismäßig stabile militärische Organisation. Die militärische Disziplin wurde durch harte Maßnahmen aufrechterhalten. Alle Brüder mussten sich einer systematischen Ausbildung unterziehen, sowie bestimmte Eigenschaften mitbringen. In den um 1250 entstandenen Ordensgesetzen finden sich aufschlussreiche Informationen darüber. So gab es eine Probezeit vor der Aufnahme, Kinder durften im Orden erzogen, doch erst mit 14 Jahren aufgenommen werden. Es durfte keine Weihung in anderen Orden vorliegen oder er mit einer Frau verlobt gewesen sein, nicht Leibeigener, schuldenfrei und sich keiner Krankheit („verholne suche“) bewusst sein. Der Orden forderte hauptsächlich Jugend und körperliche Gesundheit um im Kampf tauglich zu sein. Gesund und jung sollte der ideale Kandidat sein. Als dritte Eigenschaft trat immer stärker die adlige Geburt in den Vordergrund. Eine Entwicklung seit Mitte des 13. Jahrhunderts. Daraus schließen lässt sich die Vorstellung eines Ritterbruders von Adel, welcher gesund, jung, kampftüchtig, in Führung von Waffen geübt und zur Herrschaftsausübung geboren war. Männer dieses Formats brauchte der Orden anfangs im Heiligen Land und dann in großer Zahl auch in Preußen und Livland.

 

1.2 Taktik und Ausrüstung

Die westeuropäischen Feudalritter nahmen in der Schlacht gewöhnlich in einem einzigen Glied Aufstellung, hinter ihnen standen die Waffenträger. Eine aus mehreren Gliedern bestehende Formation galt als Zeichen der Feigheit. Kein Ritter hätte sich dazu bereit erklärt, im zweiten Glied Aufstellung zu nehmen, da jeder einzeln und nicht in der Masse siegen wollte. Die Ordensdisziplin ermöglichte es, mit dieser Tradition zu brechen, und die Deutschritter stellten sich in vier Gliedern, zuweilen auch in zwei bis drei Linien, zur Schlacht auf. Diese Vorgehensweise, aus den taktischen Erfahrungen der Kämpfe im Heiligen Land stammend, erwies sich auch in Nordosteuropa unter anderem gegen die Litauer. Mit diesen Schlachtordnungen konnten Manöver während des Kampfes durchgeführt werden. Doch eine solche Attacke geschah nur selten und ausschließlich unter günstigen Bedingungen, wie freiem Felde, lichtem Wald und guten Witterungs- bzw. Wetterumständen. Ein Grund weshalb die Ordensritter ihre bisherige Taktik aus dem Heiligen Land wechselten und ihre Angriffsoperationen in die Wintermonate verlegten. Durch den jetzt herrschenden Frost wurde die sumpfige Landschaft für Berittene bedeutend besser passierbar. Dies war auch wichtig bei der Versorgung der Truppen. Die Aufgebote der Ordensritter zogen entlang von Flüssen, wodurch die erforderliche Versorgung der Kämpfer über getreidelte Kähne gesichert werden konnte. Im Inneren Litauens erwies sich diese Vorgehensweise als unwirksam, da sich schiffbare Wasserwege und Sümpfen abwechselten, so kamen nur die Wintermonate für derartige Operationen in Frage. Die Ausstattung und Ausrüstung der Ordensbrüder war ein wichtiger Faktor bei der Eroberung Livlands und Preußens im 13. Jahrhundert. Ritter und Kreuzfahrer waren zahlenmäßig unterlegen, was durch Kriegstechnik und Kriegskunst sowie gesammelter Erfahrungen auf anderen Kriegsschauplätzen ausgeglichen werden musste. Drei entscheidende Faktoren waren die Errichtung fester Burgen, die Einführung der Armbrust und der gepanzerte Kavallerie. Der Burgenbau und seine spezielle Bedeutung im Deutschordensstaat, speziell was die Taktik, militärische Organisation und ökonomische Strukturen angeht, soll im weiteren Verlauf der Arbeit im Vordergrund stehen.


 

Wappen der Hochmeister

(Wappen der Hochmeister des Deutschen Ordens)
Quelle: Eigenes Werk, some elements by SajoR Urheber: SanglierT

Burgenbau

 

2. Burgenbau im Deutschenordensstaat

Der deutsche Orden wurde 1226 vom polnischen Herzog Konrad von Masowien zum Kampf gegen die heidnischen Prußen nach Preußen gerufen. In dem fünfzig Jahre andauernden Ringen entstanden rund 150 Burgen für die militärische und wirtschaftliche Infrastruktur. Nur wenige dieser Burgen haben die Zeit überdauert. Bis zum Jahre 1400 sind insgesamt 266 Burgen entstanden, welche von CLASEN und TUULSE eingehend untersucht worden sind. Die Entwicklung des Burgenbaus im preußischen Ordensland ging mit den landespolitischen, wirtschaftlichen, militärischen und auch gesellschaftspolitischen Veränderungen konform.

 

Liste der Burgen im Deutschordensland

 

2.1 Ausbreitung der Ordensherrschaft und der Deutschordensburg

Nach Gründung der Burg Alt-Thorn (1231) auf dem nördlichen Weichselufer wurden das Kulmerland und Pomesanien binnen fünf Jahren erobert und durch Wehrbauten aus Holz und Erde gesichert. BENNINGHOVEN spricht beim Vordringen der Ordensburgen von zwei Bauphasen. Die erste Phase entspricht der Zeit von 1210-1250. Es entstanden Burgenketten, zuerst entlang der Düna und livländische Aa, später in Estland und Kurland. Der durch Angriff des Pomerellenherzogs Swantopolk ausbrechende Prußenaufstand 1243 (endete 1249 mit dem Christburger Vertrag) veranlasste den Deutschen Orden zum weiteren Ausbau von drei gestaffelten Burgenlinien im Kulmerland (u.a. Burg Rehden, Grazdenz, Strasburg). Das in dieser Zeit errichtete Burgennetz verdichtete sich im 14. Jahrhundert weiter durch Anlage neuer Ordenskomtureien und Vasallensitze. Ein Ausbau der Burgen mit Stein begann am Ende der ersten Bauphase um 1240, und zwar zuerst derjenigen mit Wasserverbindungen und mit der Funktion einer militärischen Hauptbasis. Die zweite Burgenphase begann nach einem erneuten Prußenaufstand 1260 im Nordosten. Dieser Aufstand stellte alles Erreichte in Frage. Nur wenige Burgen hielten den Angriffen stand (u.a. Königsberg, Balga und Elbing). Nach dreizehn Jahren Kampf haben sich die festen Burgen gegen die Kampfesweise der Prußen schließlich bewährt. In der folgenden friedliche Zeit wurden viele Burgen befestig und mit Stein ausgebaut. TORBUS spricht von einem Einschnitt in die Architekturgeschichte, da sich aus den bislang unregelmäßigen Grundrissen ein rechteckiger bzw. quadratischer Grundriss herausbildete. Bis 1283 hat der Orden die meisten Burgen verstärkt und das Netz weiter verdichtet. Bei der Burgenverteilung zeigte sich erneut die Bedeutung der Hauptverkehrsadern, insbesondere des großen Wasserweges von Thorn bis zum Kurischen Haff und entlang der Düna. Die Sicherung dieser Versorgungswege und die intensive Festigung der Ordensburgen sollten zum Einen die Macht festigen, auf der anderen Seite weitere Offensiven und Aktionen absichern. Nach BENNINGHOVEN entsprach dies dem Beginn des großen Siedlungswerkes des Deutschen Ordens. Der weitere Burgenbau schritt mit den Siedlungen voran und diente als Rückhalt. Eine Kette von Grenzburgen entstand an der unteren Memel und östlich der Weichsel, sie sicherten bis 1350 die Siedlungen vor Angriffen ab.

 

2.2 Niedergang des Ordensstaates

Ereignisse, wie die Verlegung des Hochmeistersitz von Venedig nach Marienburg 1309 und die Gotland Invasion 1389 (Von der Insel bezog der Orden lange Zeit Natursteine für seine Bauten) stachen in der Zeit nach 1350 heraus. Neue machtpolitische Entwicklungen in den Nachbarländern des Ordensstaates veranlassten den Orden in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts zum Bau von Burgenketten am südlichen Rand der preußischen Wildnis und entlang der unteren Memel. Diese Aktionen, mithilfe der Kreuzfahrer durchgeführt, waren nicht vom Erfolg gekrönt und konnten dass was noch kommen sollte nicht aufhalten. Zu Beginn des 15. Jahrhunderts entstand eine slawische Großmacht, welche den Deutschen Orden zu vernichten drohte. Mit dem Verlust der Königsburg in Samatien (1409-1410) kommt das weitere Vordringen des Ordensburgenbaus endgültig zum Erliegen. Mit dem 15. Juli 1410 schwand auch die Vormachtstellung des Ordens. Bei Tannenberg erleidete der Orden eine vernichtende Niederlage, nur dem schnellen Handeln des Komturs Heinrich von Plauen ist es zu verdanken, dass die Marienburg nicht in die Hände der Polen fällt. Die hundertjährige Blütezeit des Ordensstaates war vorbei, ab 1457 residieren die Hochmeister in Königsberg. Geldnot, Machtlosigkeit, Seuchen, Eigennutz der großen Städte und andere Faktoren lassen das Land ausbluten und trugen zur Schwächung des Ordensstaats bei. Der letzte Hochmeister Albrecht von Brandenburg-Ansbach wandelt den restlichen Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum um, welches dafür den Lehnseid an den Polenkönig leistet.

 

2.3 Architektur

Der Deutsche Orden war eine ritterliche und zugleich mönchische Gemeinschaft. Wobei „die Ordensregeln Caritatives mit Ritterlichem vereinten, was in der Architektur eine Verbindung von Kloster und Burg erforderte, ein Programm, das in Preußen vollkommen in die Wirklichkeit umgesetzt worden ist, mit dem Ordenskastell bzw. Konventshaus als vornehmstes Ergebnis.“ Wenn man die preußisch-livländischen Burgen in ihrer wehrgeschichtlichen Bedeutung betrachtet, sind dabei die Ordensburgen, Bischofs- und Kapitalburgen, sowie die Vasallenburgen zu unterscheiden. Bischofs- und Ordensburgen bildeten die großen Zentren im Leben und der Verwaltung im Ordensstaat, während Vasallenburgen die kleineren Anlagen darstellten. Bei den verschiedenen Typen der Wehrbauten gibt es neben den großen Anlagen (Elbing), die mit Haupt- und Vorburg und zusätzlichen, vorgeschobenen, kastellartigen Wehrbauten ein mehrgliedriges Verteidigungswerk bildeten, auch weiter mittlere und kleinere Abwandlungen. Was die Architektur der Burgen betrifft, so fällt vor allem die sich über den Zeitraum entwickelte strenge Einheitlichkeit und Regelmäßigkeit auf. Drei- oder vierflügelige Kastellburgen umschlossen über einem rechteckigen oder quadratischen Grundriss einen Innenhof mit doppelschossigem Kreuzgang und bildeten nach außen hin einen geschlossenen Gebäudeblock. Die Aufteilung der Räume orientierte sich nach einem durch die Ordensregeln festgelegten Schema und erinnert an die Architektur der Klöster. Diesem Ideal der klassischen Konventsburg entsprach nur ein Teil der preußische-livländischen Bauten. Betrachtet man die Burgen in ihrer Gesamtheit, so lassen sich je nach Entstehungszeit und Funktion einige architektonische Varianten erkennen. Die frühen Burgen waren noch weit vom Ideal der Regelmäßigkeit entfernt. Sie passten sich dem Geländeverlauf an und folgten in manchen Fällen dem Grundriss von älteren Vorgängerburgen. In den Anfängen war der Orden auf Improvisation angewiesen, so übernahm er zunächst die Burgstätten der einheimischen Völker, der Prußen, Liven,
Letten oder Esten. Es handelte sich hier in den meisten Fällen um ein Konglomerat aus Gebäuden verschiedenster Größe, welche in unterschiedlichen Winkeln aneinandergeheftet waren. Viele neue Burgen wurden zuallererst aus Holz und Erde errichtet, so auch die wichtige Komtursburg in Thorn. Dies vor allem eine praktische Überlegung des Ordens im Wehrbau, auf die ich später noch einmal genauer eingehen möchte. Die repräsentativen Erwägungen blieben bei den frühen Burgen zuerst im Hintergrund und auch ein spezieller Eigencharakter der Bauten war bis zur zweiten Burgenbauphase des Ordens ist nicht ersichtlich. Bei den frühen Kastellburgen (1270-1300) konzentrierte sich der Orden auf den Landesausbau und legte den wirtschaftlichen Grundstein für seine Blütezeit im 14. Jahrhundert. Dieser Wandel war Resultat der neuen Situation im Preußenland. So ging man von einem Eroberungs– und Existenzkampf in den Ausbau eines Staatssystems über. Dieser Wandel und Ausbau spiegelte sich in der Architektur wieder, einem wohldurchdachten Schema großer Backsteinbauten mit regelmäßigem Grundriss. Nach der schnellen Einführung dieses neuen Typs von Burgen, wurden bis zum Ende der Burgenbautätigkeit fast ausschließlich regelmäßige Burgen mit hohem Wiedererkennungswert errichtet. Ein Blick auf die räumliche Verteilung lässt einen weiteren interessanten Schluss zu. Der markante Typ der klassischen Kastellburg des Ordens findet sich in dieser Form nur im preußisch/livlandischen Herrschaftsgebiet wieder, man kann also davon ausgehen, dass Landesherrschaft und Architekturtypus hier deckungleich waren. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts entstanden weitere große Konventsburgen im inzwischen etablierten Kastelltypus und überwiegend mit vier vollständig ausgebauten Flügeln. Den Zenit erreichte diese Burgenbaukunst im ersten Drittel des 14. Jahrhunderts. Die Literatur spricht in der Zeit danach von „deutlichen architektonischen Reduktionstendenzen“. Dieser „Reduktionsstil“ ist Ausdruck eines Trends zum nüchternen technokratischen Zweckbau. In wieweit die Konventsburg davon betroffen war bzw. sich als Wehrelement in die militärischen Organisation des Ordens einfügte, soll im weiteren Verlauf der Arbeit noch einmal zum Thema werden. Nach 1410 konnte der politische und finanziell geschwächte Orden sich keine neue Burgen und größere kostspielige Bautätigkeit mehr erlauben. Beim weitern Wehrbau ging es, in Folge der Schlacht von Tannenberg, vor allem um Verstärkung der Befestigung und die Ausstattung mit Feuerwaffen. Die Bedeutung und Aufgaben der Deutschordensburg als Wehrbau soll Inhalt des nächsten Kapitels sein.

 

Wehrbau

 

3. Die Deutschordensburg als Wehrbau

 

Schon kurz nach der Ankunft der ersten Ordensritter am Hof des Herzogs Konrad von Masowien wurden, in Vorbereitung auf die Invasion des Kulmerlandes, die Burg Vogelsang und die weiter weichselabwärts gelegene Burg Nessau ( Nieszawa) gebaut. Die Landung auf dem anderen Weichselufer wurde sofort durch eine weitere Burganlage abgeschirmt. Eine Taktik des Deutschen Ordens bei seinen ersten militärischen Unternehmungen, welche auf Rückhalt in festen Plätzen baute. Auch in den folgenden Jahren ist der Orden versucht seine Bauten sowohl als Brückenkopf, vorgeschobener Beobachtungsposten und logistischer Unterstützung der Invasion zu nutzen. 24 Deutlich erkennbar das umsichtige Vorgehen Kriegs- und Eroberungszüge durch gleichzeitige Aufbietung von Wehranlagen in seiner Wucht noch zu verstärken. Bei dem damals für den Orden stets ungünstigen Kräfteverhältnis der Streitkräfte war das die einzige Methode seine territorialen Eroberungen zu behaupten. Eine Überlegenheitssituation bzw. die Chance zur Bildung eines offensiven Schwerpunkts konnte nur erreicht werden wenn ein Kreuzfahrerheer zugegen war. Diese nur zeitweilig in Preußen verweilenden Pilgerheere machten territoriale Eroberungen zwar möglich, aber diese waren nach dem Abzug der Kreuzfahrer nur schwer zu halten. Es sollten deshalb vorrangig und schnellst möglich Befestigungen besetzt werden bzw. neue Befestigungen in kürzester Zeit, d.h. im Zeitrahmen des jeweiligen Kreuzzuges, aufgebaut werden. „Nur so konnten die Vorteile des Ordens voll ausgeschöpft werden, denn nur eine blitzschnell gebaute Befestigung konnte im Rahmen eines rapide sich entwickelnden, offensiven Unternehmens gezielt im Schwerpunkt des Kampfgeschehens zum Einsatz kommen.“ Der Burgenbau wurde auf diese Weise eng mit dem Verlauf des Kriegszuges verbunden und war fester Bestandteil der Strategie und Taktik der militärischen Operationen des deutschen Ordens in Preußen.

 

MemelburgMemelburg (16. Jahrhundert)

 

3.1 Offensiver Burgenbau

Wenn besagte Befestigung einen wirksamen Anteil bei einem offensiven Kampfunternehmen einnehmen sollte, musste sie sehr schnell gebaut und einsatzbereit sein. Die massive Bauweise, wie aus dem Heiligen Land bekannt, konnte hier wegen ungünstiger Rohstofflage, große Verkehrsbehinderung und schwach entwickelter Wirtschaft nicht eingesetzt werden. Die Holz-Erde Konstruktion bot sich anfangs als optimale und sehr populäre Methode an. Bei der Anwendung der Bauweise, in vielen Abwandlungen wohlgemerkt, wurde ausschließlich auf Holz, Erde und Lehm zurückgegriffen. Diese, von Gräben umgebende, reinen Holzkonstruktionen boten sich im waldreichen Preußen geradezu an und verkürzten die Bauzeit dank enorm kurzer Transportwege erheblich.
Die einfache Bauart erforderte keine besonderen Fachkenntnisse oder Arbeitsgerät. Gewisse Probleme bereitete die Beschaffung von Arbeitskräften, welche für die Bauaufgaben in großer Zahl gebraucht wurden. Da Fachkenntnisse fast ohne Belang waren konnte durch massierten Einsatz des Kreuzfahrerheer und Aufgebot der einheimischen Bevölkerung ein schneller Aufbau und der taktische Vorteil gewahrt werden. „ …denn sie bedachten, dass sie die ungezähmten Nakken der dortigen Heiden dem Glauben nur dann würden unterwerfen können, wenn sie mitten in dem sündhaften Volk eine Burg besäßen, vor der sie tagtäglich angreifen könnten. Sie riefen wiederum eine Menge Pilger zusammen,…, bereitete alles zum Burgenbau Notwendige vor und rückten in das Land Pomesanien. Sie erbauten die Burg Christburg … versahen sie mit allen zum Schutz von Burgen notwendigen Befestigungen und ließen auch ein große Schar Bewaffneter in ihr zurück…“
Die große Widerstandskraft gegenüber Belagerungstechniken machte diese Bautechnik unersetzbar, besonders nach Abzug des Kreuzfahrerheeres. Die Holz-Erde Technik wurde wahrscheinlich von Fachleuten außerhalb des Ordens eingebracht, der livländische Schwertbrüderorden sowie weltliche Teilnehmern unter den Kreuzzüglern sind hier in Betracht zu ziehen. Die morgenländischen Erfahrungen im Burgenbau waren dem Orden nicht im Ansatz hilfreich und so musste man sich in Organisation und Technik auf die Fachleute von Außen verlassen. Gerade in der Anfangsphase der Ordensherrschaft war der Burgenbau als Instrument der offensiven Kriegsführung, Landnahme und gewaltsamen Christianisierung enorm wichtig und spielte bei den Vorstößen nach Norden und Nordosten weiterhin eine zentrale Rolle. Die Beherrschung eines immer größeren Gebietes bei fast ständiger Unterzahl gegenüber den Feinden stellte hingegen ganz neue Aufgaben an den Wehrbau des Ordens.

 

3.2 Neue Aufgaben und Wirkungsweise des Burgensystems

Umso erfolgreicher die Eroberung im Preußenland, desto mehr wurden die Wehrbauten auch in defensiver Hinsicht gefordert. Das angelegte Burgensystem sollte nun unter anderem den Durch- und Zugang einer Landschaft sperren oder gewährleisten. Die Burg Neuhaus wurde zu diesem Zweck auf der Nehrung errichtet, damit die Litauer das Samland nicht unversehens betreten könnten. Natürlich war so eine passive Absperrung ungemein vom Gelände abhängig und der militärischen Situation. Der strategische Vorteil war bei richtiger Lage und Ausrüstung der Burg aber immens wertvoll. Die Burg Potterberg als Beispiel wurde vom Deutschen Orden nur errichtet damit Swantopolk der Berg nicht mit eigenen Anlagen besetzen konnte. Diese Aktion sollte möglichen Gefahren vorbeugen und unterstrich den aufkommenden defensiven Charakter der Burgenbaus. Man kann hier natürlich nicht von einem Wandel des offensiven zu einem passiven bzw. defensiven Burgenbaus zum Ende der ersten Bauphase sprechen. Es mögen neue Aufgabenbereiche für die Wehranlagen entstanden sein, doch die Art der Kriegsführung wurde vom Orden deshalb nicht verändert. Burgen waren zwar elementare Bestandteile der Kriegsführung des deutschen Ordens im Preußenland, doch sie standen nicht im Mittelpunkt. Eine langwidrige und aufwendige Belagerung wurde nur zu gern umgangen, da sie nie den erwünschten Erfolg brachten. Die Art der Kriegsführung blieb offensiv ausgerichtet. Der sogenannte Abnutzungskrieg, gekennzeichnet von Vernichtungs- und Raubzügen hatte sich zu dieser Zeit in Preußen und anderswo in Europa durchgesetzt. VERBRUGGEN spricht hier auch vom organisatorischen und ökonomischen Wandel des Krieges. PRIETZEL geht noch genauer darauf ein und bestimmt das Beutemachen und Plündern als Sicherung und Vereinfachung der Kriegsführung eines plündernden Heeres. Es gehörte zum wesentlichen Motiv für viele Krieger an einem Kriegszug teilzunehmen. Dies traf auch für die Kreuzzügler im Preußenland zu, welche neben dem
Kreuzzugsgedanken immer auch die Beute im Blick hatten. Eine wirtschaftliche und moralische Schwächung des Gegners durch kleinere Gefechte waren oft das erfahrbarste Zeichen für einen Sieg.

 

 

Plan_der_Burg_Ermes(Grundriß der der Burg Ermes)

 

Entscheidungsschlachten wie Tannenberg haben, ergänzend zu den schon oben genannten geographischen und klimatischen Bedingungen, auch deshalb nur sehr selten im Preußenland stattgefunden. Die Auseinandersetzungen waren geprägt von kleineren Scharmützeln, Plünderung von Siedlungsgebieten, Raubzüge, Vergeltungsangriffen und Verfolgungsschlachten. Man stellte sich dem Gegner vor der Burg und im Umland, die Besatzungen der Burg agierten offensiv und überließen ihr Schicksal nicht einem anrückenden Belagerungsheeres. „Nicht lange darauf kam Heinrich Monte, der Anführer der Natanger, mit einem großen Heer auf das Feld Königsberg, um die Burg zu bestürmen. Die Brüder zogen ihm mit ihrer Mannschaft entgegen und stellten sich im tapfer entgegen. …“ Neben der neuen Bedeutung des Wehrbaus in taktischer Hinsicht, worauf im Anschluss noch genauer eingegangen werden soll, möchte ich auf eine weitere neue kriegspsychologische Bedeutung aufmerksam machen. Die Burg sollte im Zusammenhang meiner Betrachtungen nicht nur als wehrtechnisch leistungsfähiges Gebäude, sondern auch als „Träger bestimmter Sinngehalte“ beleuchtet werden. Die Deutschordensburg im Preußenland „als Demonstration von Macht, Statussymbol und Herrschaftszeichen“, um die Besiegten nun auch noch durch den Anblick dieser mächtigen Bauten endgültig zu bezwingen und psychologisch zu besiegen. Der Aufgabenbereich Christianisierung und Missionierung sind stark abhängig von dieser Wirkung auf die Menschen. Gerade in abgelegenen Gebieten müssen diese Burgen eine beeindruckende, einschüchternde und auch belehrende Wirkung erzielt haben. In DUSBURGs Chronik des Preußenlandes oftmals abzuleitende Wahrnehmung der Aufgabe zum Heidenkampf und seiner Schilderungen der Kampfzeit bzw. Kampfphasen des Ordens spielt die Burg immer eine großen Rolle. DUSBURG beschreibt die Burg als Ausgangspunkt der Christianisierung: „… dass die Brüder Livlands und Preußens mit gleichmäßig verteilten Kosten und Arbeiten im Jahre des Herrn 1259 im Lande Karschauen auf dem St. Georgenberg eine Burg erbauten, die damals höchst notwendig zur Ausbreitung des christlichen Glaubens war. …“ Vor allem aber geben seine Schilderung über Heidenkampf, Raubzug oder Eroberungen immer während die Burg als Ziel, Ausgangspunkt und Mittelpunkt der Handlungen des Ordens an. Der Verlust einer Burg wird beklagt, die Zerstörung einer feindlichen Wehranlage bejubelt und der Bau eine Ordensburg als bedeutender Akt, Festigkeit des Glaubens und der Wehrtüchtigkeit gelobt. Der Wert der Burg jenseits der Bedeutung als wehrtechnischen leistungsfähigen Gebäudes in der militärischen Organisation des deutschen Ordens war nicht zu unterschätzen.

 

3.3 Die Burg als Garnison

Rigaer Schloss 18 Jh

(Zeichnung der Ordensburg in Riga)

 

Die Deutschordensburg und andere Wehranlagen des Ordens nahmen vor allem zum Anfang der zweiten Burgenbauphase ihre Rolle als Garnisonstandort ein. Sie waren Ausgangspunkt für mobile Feldoperationen, Sammelstelle und Ausfallbasen. Ihre neue Rolle machte die Wehranlagen des deutschen Ordens zu multifunktionalen Bauten in der militärischen Organisation des Ordens. Sie konnten weiter Ausgangspunkt oder Abschluss der Eroberung und Beherrschung einer Landschaft und Bevölkerung, sowie deren Missionierung sein. Sie bildete ferner den Wohn- und Aufenthaltsort einer ständig bewaffneten Mannschaft und konnten einer bedrohten Bevölkerung als Anlehnungspunkt und Zufluchtsstätte für Mensch und Vieh in Kriegszeiten dienen.
Die Burg war geschütztes Vorratsmagazin für Lebensmittel, Transportmittel, Waffen, Munition und auch eine Beutesammelstelle. Der Blick in die Inventarbücher der Komtureien zeigt wie modern die Organisation für mittelalterliche Verhältnisse war. Durch rationale Strukturen und die Einbeziehung des Burgennetzwerkes in die Kriegsökonomie des Ordens im Preußenland konnte sich die Operationsweise des Wehrwesens gegen die übermächtigen Nachbarn im Osten und Süden überhaupt so lange behaupten. BENNINGHOVEN beschreibt das Aufmarsch- und Nachschubsystem, sowie das Vorhandensein einer eigenen Binnenschiffsflotte für den Orden als unerlässliche Bedingung für den Machterhalt in den eroberten Gebieten und des weiteren Machtausbaus. Die Aufzeichnungen über Vorräte in den Burgen des Ordensstaates geben bis heute neue Erkenntnisse über Taktik und in langen Linien und bestimmten Abständen angelegt, durch ihre Feuerkraft und ihre Vorräte den Aufmarsch oder Rückzug von Heeresabteilungen, zugleich auch den Schutz des friedlichen Handels- und Transportverkehrs.

 

Neben der Rolle als Vorratslager und Stützpunkt ist der schon erwähnte ökonomische Stellenwert der Deutschordensburg nicht zu vernachlässigen. Sie beherbergte unter anderem die Stätten der Rüstungsproduktion, soweit diese nicht in den großen Städten lagen. Der größte Teil der notwendigen Kriegswirtschaft konzentrierte sich in und um die Wehranlage. Die wirtschaftliche Rolle und Funktion der Ordensburg kann man in einem engeren und weiteren Sinn verstehen. Im weiteren Sinne sind die Burgen als Verwaltungsmittelpunkte der ordenseigenen Vorwerke und verschiedenen Wirtschaftshöfe zu betrachten, in denen Ackerbau, Vieh-, Pferde- und Falkenzucht betrieben wurde, ebenso als Verwaltungszentren der Waldwirtschaft, Fischerei oder Bernsteingewinnung. In Zusammenhang mit dem Werk von BOOCKMANN kann hier die zivile Bedeutung der Burg ersichtliche werden. BENNINGHOVEN sieht die Deutschordensburg in Preußen ebenfalls als bedeutenden Wirtschaftsbetrieb, doch lenkt er den Blick auch auf den militärischen Charakter. Gerade wegen des
großen Haushalts, für den Vorräte beschafft und gelagert werden mussten, den verschiedenen Burgentypen im Burgennetz des Ordensstaates und der Absicherung von Transportwegen, waren die Wehrbauten ein elementarer Bestandteil der Kriegsökonomie des Ordens. Er bezieht sich dabei auf die Waffenvorräte in den Burgen, sowie die benötigten relevanten Versorgungsgüter. Insbesondere die Salz-, Korn- und Mehlvorräte sind im Verteidigungsfalle und in der Planung von Angriffsoperativen wichtige Indizien. Die Stellung der jeweiligen Burg im strategischen Netzwerk kann durch die Analyse dieser Fakten genauer bestimmt werden. Die Burgen bildeten schließlich die Mittelpunkte der Landesverwaltung, waren Kommando- und Versammlungsorte für das Landesaufgebot und wichtige Stationen der militärischen Aufmärsche. Sie sicherten vor allem auch die Nachrichtenübermittlung. Alle diese Eigenschaften machten die Burgen zur Basis und zum Rückgrat des Feldheeres in militärischer wie auch ökonomischer Sicht.

Marienburg (1890-1900)
Die Marienburg (1890-1900)

 

Für den Ordenskonvent hat sich ein Burgbautyp, der sog. Konventsburgtyp, herausgebildet, der den Bedürfnissen einer Ordensgemeinschaft wie auch den Funktionen eines Verwaltungssitzes entsprach. Den Konventshäuser kommt bis in die Mitte des 14. Jahrhunderts eine Vorreiterrolle in der Architekturentwicklung des Ordenslandes zu. Eine große Anzahl der architektonischen Lösungen, die in den verschiedenen Burgen gefunden wurden, weisen eine frappierende Ähnlichkeit mit einem typischen Konventshauses auf. Von dieser Sonderstellung des Bautyps ausgehend, möchte ich noch einmal auf die Bedeutung der Konventsburg in der militärischen Organisation des Deutschen Ordens zu sprechen kommen. Militärisch gesehen war dieser Burgtyp, wie auch sein Vorgänger, die Holz-Erde-Anlage, auf aktive Feldunternehmen und nicht auf passive Abwehr von Belagerung eingestellt. Doch hat sich mit diesem Übergang aus der ersten Bauphase mit seinen geländebeeinflussten und irregulären Burgen, zu den streng regulären und kastellartigen Anlagen in der zweiten Bauphase die Wehrtüchtigkeit nicht vermindert. Eine solche Burg bestand aus zwei Teilen: der Hauptburg und der Vorburg. Der Orden bezeichnet seine Wehranlage in ihrer Totalität Burg, doch sollte dieser Begriff nicht alles einschließen. Alle möglichen Wehrmauern der Vorburgen und die Außenwände der vier Flügel des eigentlichen Konventshauses spielten die Hauptrolle als lineare Hindernisse. Bei der Beurteilung der Wehrtüchtigkeit einer Befestigung muss man auch daran denken, dass sie nicht nur von den festen und ständigen Bestandteilen der Anlage abhängig war. Im Besonderen die Einführung der Feuerwaffen und die daraus resultierenden wehrtechnische Modernisierung brachten weitreichende Vorteile für die aktive und passive Wehrhaftigkeit für die Konventsburgen. Die bereits oben erwähnte architektonischen Reduktionstendenzen im Burgenbau und der Trend zum nüchternen technokratischen Zweckbau, Mitte des 14. Jahrhunderts, unterstützten diese Entwicklung.


 

Koenigsberg um 1850
(Königsberg - das Ordensschloss des Deutschen Ordens um 1850)

 

Neben den militärischen Fähigkeiten und Aufgabenbereichen muss auch der wichtige wirtschaftliche Aspekt in den Vordergrund gerückt werden. Die Ordensvorburgen im speziellen, mit ihrer Größe und auch den Wirtschaftslagen in ihrem Bereich, lassen den Schluss zu, es handle sich um selbstständige wirtschaftliche Einheiten. Eine einzigartige Entwicklung, welche sich in keinem anderen Land so entfaltet hat. Die ganze Anlage der Vorburg, überhaupt die gesamte Gestaltung der Burg, hing von ihren Funktionen ab. Die Hauptburg erfüllte von jeher die Rolle eines Klosters, später stand dann die militärische und administrative Funktionalität im Vordergrund. Aus diesem Grund hat man fast alle Wirtschaftsanlagen in der Vorburg untergebracht. 46 Entstanden ist so ein einzigartiger Wirtschaftsraum in der Burg, welcher die wirtschaftliche Organisation entscheidend optimierte. Für die Aufgaben als Garnisonsstützpunkt spielt die Vorburg als wirtschaftliches Zentrum eine entscheidende Rolle. Einen besonderen Platz nimmt dabei die Marienburg ein. Zum Einen wegen ihrer Bedeutung für die Verwaltung des Ordens, aber auch wegen Ihrer Ausstattung im wehrtechnischen Bezug und wirtschaftlichen Versorgung. Die genauen Verhältnisse, besonders das gegenseitigen Nebeneinander von Burg und Stadt, bzw. die sich daraus ergebenden Konsequenzen, müssen von der Wissenschaft noch genauer beleuchtet werden. Beides waren eigenständige Rechtsgebilde und eine genaue Verbindung oder vielleicht Abhängigkeit, auch im Bezug auf militärische Organisation konnte noch nicht nachgewiesen werden. Der Kastelltypus, mit der Konventsburg als Topos, ist nicht nur ein populäres Thema in der Forschung, sondern auch ein wichtiger Bestandteil der militärischen Organisation des deutschen Ordens im Preußenland. Seine Einzigartigkeit und seine Bedeutung im Burgensystem ist nicht hoch genug einzuschätzen.
Die Bautengruppe des Konventshauses war letztendlich ein wehrhaftes Kloster, dessen Homogenität in Europa einmalig war. Sie ist der Höhepunkt einer „zentralistischen Struktur und die Konzentration der politischen, wirtschaftlichen und religiösen Instanzen in der Hand einer schmalen Elite“, dazu ein einmaliger Organismus in der militärische Organisation des Ordensstaates.

 

Burg Schönberg
(Ordensburg Schönberg)
Urheber: Jerzy Strzelecki

Zum Schluss

 

4. Schlussbemerkung

 

In den zurückliegenden Kapiteln habe ich versucht den Wehrbau und seine Rolle in der militärischen Organisation des deutschen Ordens anhand von Einzelobjekten bzw. individuellen Eigenschaften zu beschreiben. Die mit der Deutschordensburg verbundene taktische Ausrichtung, wirtschaftliche Versorgung und Symbolik standen dabei im Vordergrund. Doch stand der Wehrbau nicht im Mittelpunkt der militärischen Organisation des Ordens, das Zusammenwirken von Burgenbau, starken Waffen und der Kavallerie machten erst den Erfolg des deutschen Ordens im Preußenland aus. Bei einer offensiven taktischen Ausrichtung kann die Burg nur bedingt im Mittelpunkt stehen, dafür ist der Burgenbau in vielfältiger Weise in die militärische Organisation eingebunden. Die Armbrust und später die Feuerwaffen wurden zuerst auf den Wehrbauten eingesetzt, später dann auch als Artillerie im Felde. Die so kriegswichtigen Pferde mussten versorgt und untergestellt werden. Wichtige aber noch ist die Absicherung von erobertem Gebiet durch die unterschiedlichsten Wehrbauten. Die Baugestalt, Wehrtüchtigkeit, taktische Lage der einzelnen Burg und Kriegsverwendungsfähigkeit in ihrer Summe geben Auskunft über die Bedeutung der Deutschordensburg in der militärischen Organisation des Ordens.
Gerade bei der so wichtigen Thematik der wirtschaftlichen Versorgung und Kriegsökonomie spielen aber noch ganz andere Varianten von Wehrbauten eine Rolle. Von den Sitzen der Vögte und anderen Amtsträger, bis zu den wehrhaften Wirtschaftshöfen und Ordensmühlen. Die Fliehburgen für die Landbevölkerung, die befestigten Städte und Eigenbefestigungen des Landadels nehmen eine wichtige Rolle im Wehrsystem ein. Gerade was die Versorgung angeht musste in einem Abnutzungskrieg die Infrastruktur wehrhaft sein. Die Burgen konnten einiges an wirtschaftlichem Potenzial in den Vorburgen aufnehmen, doch konnten sie zu keinem Zeitpunkt die gesamte Versorgungsstruktur schützen. Die Ordensmühlen und Wirtschaftshöfe nehmen so einen wichtigen Platz unter den Wehrbauten ein, einen weiteren Part aber übernehmen die anderen kleineren Befestigungen. Gerade die Fliehburgen hatten unter psychologischen Gesichtspunkten, sowie bei der Absicherung wichtige Aufgaben zu erfüllen. Zusammen nahmen die bisher kaum erwähnten Wehranlagen eine wichtige Rolle bei Versorgung, Schutz und auch Nachrichtenübermittlung ein. Inwiefern hier Siedlungspolitik, Infrastruktur und Wehranlagen vom Orden im Vorfeld geplant worden war ist allerdings streitbar. Es fehlt ganz einfach an Beweisen. „Soweit man die Lage im Lichte der erwähnten Bemerkungen und eigener Beobachtungen überblicken kann, ist die räumliche Verteilung der Wehranlage in Preußen als eine Resultante mannigfaltiger Umstände aufzufassen, wobei diese Umstände in den einzelnen Zeitabschnitten der geschichtlichen Entwicklung des Ordenslandes von verschiedenen Faktoren geprägt worden ist.“ BENNINGHOVEN wichtige Forschungsarbeit zu den Inventarbüchern gibt zwar Aufschluss wie das Burgennetz genutzt worden war, nicht aber ob diese Funktionen schon im Vorfeld so angelegt worden waren. Ob Burgenketten aus den erwachsenen Situationen erbaut worden sind oder schon im Vorfeld geplant waren. Die schnell erbauten Holz-Erde Konstruktionen als langfristige Bauten geplant zu haben erscheint abwegig. Außerdem konnten Vorstöße gerade in der Anfangszeit nie ohne ein Kreuzfahrerheer geplant werden, was oftmals spontane Ausbauten von Befestigungen bzw. Neuausrichtungen der Siedlungspolitik zur Folge hatte. Die Deutschordensburgen waren für die Ritter des deutschen Ordens Grundpfeiler des Wehrwesens, Lebensmittelpunkt und was ihre Symbolik betrifft, der Inbegriff von wehrhafter Christenheit. Ihr Leben, Streben und Schicksal war eng mit der Burg verknüpft, war sie doch in Zeiten ohne Kreuzfahrheer einziger Fluchtpunkt und Absicherung in diesem heidnischen Land. Das verzweigte System aus Wehrbauten war zugleich Rückgrat des Heeres wie des gesamten Ordens und darum möchte ich die Arbeit mit einem Zitat von Dusburg schließen.

 

" … Fratres in primitivo, ut inimicos fidei facilius expugnarent, toto cordis desiderio laborabant pro fortibus equis, armis validis et castris firmis"

Übersetzung: ("Von Anfang an strebten die Brüder, um Feinde des Glaubens leichter zu überwinden, von ganzem Herzen, nach starken Pferden, tüchtigen Waffen und festen Burgen")

 

Quellen

Literaturverzeichnis:

Primärquellen:

Peter von Dusburg, Chronik des Preussenlandes, in: Ausgewählte Quellen zur deutsche Geschichte des Mittelalter, Band 25, Darmstadt 1984.
Henricus, Lettus, Livländische Chronik, in: Ausgewählte Quellen zur deutschen Geschichte des Mittelalters, Band 24, Darmstadt 1975.

Sekundärquellen:

Arnold, Udo, Deutscher Orden und Preußenland. Ausgewählte Aufsätze anlässlich des 65. Geburtstages, in: Jähnig, Bernhardt/ Michels, Georg (Hrsg.) Einzelschriften der Historischen Kommission der ost- und westpreußische Landesforschung, Band 26, Marburg 2005.
Arnold, Udo (Hrsg.), Stadt und Orden. Das Verhältnis des deutschen Ordens zu den Städten in Livland, Preußen und im Deutschen Reich, in: Quellen und Studien zur Geschichte des Deutschen Ordens, Band 44, Marburg 1993.
Arsynski, Marian, Die Deutschordensburg als Wehrbau und ihre Rolle im Wehrsystem des Ordensstaates Preußen, in: Nowak, Zenon Hubert (Hrsg.), Das Kriegswesen der Ritterorden im Mittelalter, Toruñ 1991.
Arsynski, Marian, Das Bauwesen im Wirtschaftssystem des Deutschen Ordens in Preußen, in: Arnold, Udo (Hrsg.), Zur Wirtschaftsentwicklung des deutschen Ordens im Mittelalter. Quellen und Studien zur Geschichte des deutschen Ordens, Band 38, Marburg 1989.
Bauer, Helmut, Peter von Dusburg und die Geschichtsschreibung des Deutschen Ordens im 14. Jahrhundert in Preußen, Berlin 1935.
Benninghoven, Friedrich, Die Burgen als Grundpfeiler des spätmittelalterlichen Wehrwesens im preußisch- livländischen Deutschordensstaat ,in: Patze, Hans (Hrsg.) Die Burgen im Deutschen Sprachraum Sigmaringen 1976.
Biskup, Marian, Die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen. Wirtschaft, Gesellschaft, Staat, Ideologie, Osnabrück 2000.
Biskup, Marian/Labuda, Gerard, Die Geschichte des Deutschen Ordens in Preußen, Osnabrück 2000.
Borchert, Friedrich, Burgenland Preußen. Die Wehrbauten des Deutschen Ordens und ihre Geschichte, 1987 München/Wien.
Boockmann, Hartmut, Der Deutsche Orden. Zwölf Kapitel aus seiner Geschichte, München 1981.
Boockmann, Hartmut, Die Vorwerke des deutschen Ordens in Preußen, in: Patze, Hans (Hrsg.), Die Grundherrschaft im späten Mittelalter, Band 1, Sigmaringen 1983.
Ekdahl, Sven, Das Pferd und seine Rolle im Kriegswesen des Deutschen Ordens, in: Nowak, Zenon Hubert (Hrsg.), Das Kriegswesen der Ritterorden im Mittelalter, Toruñ 1991.
Herrmann, Christopher, Burgen im Ordensland, Würzburg 2006.
Hirsch, Theodor; Töppen, Max; Strehlke, Ernst (Hrsg), Scriptores rerum Prussicarum. Die Geschichtsquellen der preußischen Vorzeit bis zum Untergange der Ordensherrschaft, Band 2, Leipzig 1863.
Holst, Niels von, Der deutsche Ritterorden und seine Bauten. Von Jerusalem bis Sevilla, von Thorn bis Narwa, Berlin 1981.
Krumeich, Gerd / Brandt, Susanne (Hrsg.), Schlachtenmythen. Ereignis - Erzählung – Erinnerung, Köln 2004.
Löwener, Marc , Die Einrichtung von Verwaltungsstrukturen in Preußen durch den Deutschen Orden bis zur Mitte des 13. Jahrhunderts, in: Quellen und Studien. Deutsches Historisches Institut Warschau, Band 7, Wiesbaden 1998.
Militzer, Klaus, Die Aufnahme von Ritterbrüdern in den Deutschen Orden. Ausbildungsstand und Aufnahmevoraussetzungen, in: Nowak, Zenon Hubert (Hrsg.), Das Kriegswesen der Ritterorden im Mittelalter, Toruñ 1991.
Nowak, Zenon Hubert, Die Vorburg als Wirtschaftszentrum des Deutschen Ordens in Preußen, in: Arnold, Udo (Hrsg.), Zur Wirtschaftsentwicklung des deutschen Ordens im Mittelalter. Quellen und Studien zur Geschichte des deutschen Ordens, Band 38, Marburg 1989.
Prietzel, Malte, Kriegführung im Mittelalter. Handlungen, Erinnerungen, Bedeutung, in: Förster, Stig/ Kroener, Bernhard R./ Wegner, Bernd (Hrsg.), Krieg in der Geschichte, Band 32, Paderborn 2006.
Torbus, Tomasz, Die Konventsburgen im Deutschordensland Preußen, in: Schriften des Bundesinstituts für ostdeutsche Kultur und Geschichte, Band 11, München 1998.
Tuulse, Armin, Burgen des Abendlandes, München 1958.

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Deutscher_Orden (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.freye-templer-septentrio.de/page3.php (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.deutschordensmuseum.de/Deutscher%20Orden.htm (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.s-line.de/homepages/ebener/D ... Orden.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.universalhandel24.de/aufkleb ... -5-x-6-cm/ (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.pictokon.net/bilder/09-05-bi ... nburg.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.figuren-modellbau.de/deutscher-orden.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.deutscher-orden.at/content/s ... le/96.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.geocaching.com/seek/cache_de ... 8be12039e2 (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.komturei-buro.de/page1.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.deutschhaus.de/paumldagogisc ... che-orden/ (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://kommende-nuernberg.de/Links.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.deutsche-und-polen.de/themen ... orden.html (Letzter Aufruf 19.12.2010)
http://www.glischinski.de/roots/Teutoni ... age010.jpg (Letzter Aufruf 19.12.2010)

Autor:Freiherr von Woye